Asche der Trostlosigkeit . « Benvenuta nahm meine Hand , legte sie auf ihre Augen und sagte bittend : » Mama , ich kann ' s nicht aushalten vor Traurigkeit wenn Du so sprichst . « Zu gleicher Zeit sagte Wilderich mit Zuversicht : » Nein , so elend ist und macht das Leben nicht ! Sei es drum daß die Blumen fehlen , daß die Dornen ihren Platz einnehmen ! .... aber Asche - nein ! so lange mein Herz schlägt , und es kann ja nur mit meinem letzten Athemzug still stehen , lebt ein Funke in ihm , der es vor dem Zusammensinken in Asche bewahrt ! sei es ein Glaube , eine Hofnung , eine Liebe - sei es noch Anderes was ich nicht kenne oder nicht zu nennen weiß ! Der Mensch soll Leid und Schmerz haben damit er sich bei ihrer Bekämpfung stähle ; aber umkommen .... so in der Asche von ich weiß nicht was für namenlosen Dingen - das soll er nicht , das ist nicht seine Bestimmung ; und geschieht es dennoch , so geschiehts durch seine eigene Schuld . « Benvenuta hatte ihren Kopf von meiner Hand allmälig gehoben , und sah mit einem Ausdruck von rührender klarer Zuversicht auf Wilderich . Ihre Gesinnung entsprach der seinen . Ein Blick auf dies liebe unschuldige Gesicht machte mich schweigen ; sonst schwebte schon die Frage an Wilderich auf meinen Lippen : wie er die Schuld vom Leben trennen - und wie er die Verschiedenheit der Individualitäten aufheben wolle , welche bewirke daß der Eine leicht , der Andre schwer , der Dritte gar nicht das Schuldbewußtsein von sich werfe . - Statt dessen sagt ' ich : » Um wieder auf unser eigentliches Gespräch zurück zu kommen , Wilderich : wann gehen Sie nach Baden ? « » Wenn Fräulein Benvenuta abgereist sein wird ; « entgegnete er , nicht eben in froher Laune . Benvenuta rief aber ganz vergnügt und freudig erröthend : » Mit der Einrichtung bin ich sehr zufrieden ! « Am andern Tage ritten wir zum Rosenlaui-Gletscher , den Benvenuta noch nicht kannte , und der unstreitig zu den allerschönsten Punkten gehört , welche die Schweiz aufweisen kann , denn er ist phantastisch - und das ist ihre Natur nur ausnahmsweise . Diese saphirfarbenen Eisblöcke , Eisgrotten , Eispfeiler , liegen da wie Trümmer einer wundersamen fremden Welt an deren Erstarrung man nicht glauben kann weil sie so schön ist . Man meint sie müsse sich wieder zu Tempeln und Hallen auf den Wink eines geheimnißvollen Baumeisters zusammenfügen um dann der Tummelplatz von einem Elfengeschlecht oder von Elementargeistern zu werden . Es ist die schönste Ruine eines Undinen-Palastes von blauem Krystall , welche die Phantasie eines Märchendichters erfinden könnte . Von einer ungeheuern Gewalt ist sie in diese Scenerie hineingeschoben , die mit ihren scharfen Gebirgesspitzen , ihrem zerklüfteten Boden , ihren rauschenden schwarzen Tannen und brausenden milchweißen Bächen , ein ächtes Bild der wilden Bergnatur darstellt . Benvenuta war ganz bezaubert und ich ganz erstaunt daß sie es war . Ich hatte sonst nie bemerkt daß dergleichen Bilder einen solchen Eindruck auf sie machten . Und doch konnte es nicht anders sein ! in dem Kinde schläft die Seele , giebt sich nur in einzelnen aufblitzenden Regungen kund , die aber noch weiter nichts als Träume sind . Beobachtung und Wißbegier sind vorherrschend im Kinde : es will die Welt der großen Leute verstehen . Ist es später in die Jugend hinein getreten - aus der Vorhalle des Lebens auf dessen Tempelschwelle - dann wird es gedrängt das Räthselwort seiner eigenen innerlichen Welt zu suchen ; dann braucht es seine Seele , dann schüttelt diese ihren Schlummer ab , erwacht - und mit diesem Erwachen geht das Gefühl in ihr auf , diese Sonne um welche sich tausend Planeten der Gedanken drehen . Benvenuta war still nach ihrer Weise , aber ihre Augen stralten , und als ich sie auffoderte eine schöne Baumgruppe neben dem Gletscher zu zeichnen , sagte sie bittend : » Ich muß heut ' einen Feiertag haben , liebe Mama ! es ist hier so sehr feierlich . « » Wir setzten uns Beide auf das frische Moos und lehnten uns an den rauhen Stamm einer ungeheuern Tanne , deren mächtige Zweige ganz still über uns hingen wie zerrissene Trauerflöre durch welche der tiefblaue Himmel und der goldne Sonnenstral freudeverheißend schimmerten . Vor uns lag die Wunderpracht des Gletschers . Ringsum war Alles still , nur die Bäche brausten . Die ganze Natur hielt Mittagsruhe . Seitwärts von uns saß Wilderich mehr zu uns als zu dem Gletscher gewendet . Sein tiefes ernstes Auge schlug zuweilen glanzvolle Blicke zum Himmel auf und sank dann wieder nach Innen blickend unter die Wimpern zurück . Einmal sagte er : » Als ich ein kleiner Knabe war erzählte mir meine Mutter : allüberall sei der unsichtbare große gute Gott . Wenn ich nun in der tiefen Stille der Mittags- oder Abendstunden , wo kein Lüftchen sich zu regen scheint , doch die allerhöchsten und feinsten Wipfel der Bäume ohne bemerkbare Ursach sich sanft umbiegen sah , so glaubte ich in meinem kindischen Sinn sie beugten sich unter den Schritten Gottes , der unsichtbar über ihnen dahin wandele um zu sehen ob auf Erden Alles gehe wie es gehen solle ; und hauptsächlich ob ein gewisser Knabe Wilderich auch seine Schuldigkeit thue . Das erfüllte mich mit so namenloser andächtiger Ehrfurcht , daß mir zuweilen helle Thränen langsam aus den Augen liefen und ich mir vornahm immer ein ungeheuer guter Knabe zu sein und Mann zu werden . Jezt streifen meine Blicke freilich mehr über die Erde und die Menschen hinweg , senken sich auf Bücher und Papier und allerlei nichtswürdiges Treiben , wo freilich die Schritte Gottes nicht wol zu erkennen sind . Kommt es aber einmal so wie heut daß ich in feierlicher Stille zu den sanftbewegten Baumwipfeln aufschaue , so wollen ihre leisen