nämlich eine alte Verwandte gestorben , die ihm , gegen alles Vermuten , zweitausend Taler vermacht , welche Nachricht er vor einigen Tagen erhalten hatte . Er nahm sich nun vor , seine Rückreise über die Stadt , wo sie gewohnt , zu nehmen , um die Summe einzukassieren . Diese , sagte er zu sich , kann ich dann meiner Friedrike als meinen hiesigen Erwerb vorweisen , damit sie sich über die Versäumnis zufriedenstellt . Aber freilich , ein Verheimlichen zieht das andere , eine Unwahrheit die zweite nach sich . Ist der gerade Weg des alltäglichen Lebens einmal verloren , so ist es schwer , die rechte Straße wiederzufinden . Am Abend kehrte er in den Gasthof eines anmutigen Dorfes ein . Er ging noch spät spazieren und fragte sich , warum ihn jetzt die Schönheit der Natur nicht so rühre , wie es meistenteils sonst geschah , da er sich auf der Wanderschaft befand . Er begab sich erst in das Haus zurück , als es ganz finster war , und überlas noch einmal den letzten Brief seiner Friedrike . » Ich lege dir « , sagte sie am Schluß , » den sonderbaren Brief unsers Magisters bei , von dem ich dir schon früher einmal schrieb ; vielleicht bist du imstande , einen Sinn aus dem Wirrsal herauszulesen , das meinen Verstand nur konfus macht . « - Leonhard hatte in den letzten Tagen auf dem Schlosse nicht die Zeit gefunden , das Schreiben mit Besonnenheit durchzugehen ; er las die Blätter jetzt in der stillen Nacht . Sie lauteten also : Meine vielverehrte und noch mehr liebe Madame Leonhard ! Man kann nicht immer schweigen , wie es doch vielleicht geschehen sollte , weil das Wort , wenn es aus dem Gewahrsam des Innern springt , oft , wie ein ungezogenes Kindlein , Schaden stiftet , und auch die im Tumult verletzt , die es hegen und pflegen , lieben und verehren möchte . Weil Dieselben aber , wie mein irdisches Auge , wie mehr mein inneres , wohl bemerkt hat , durch meine Gebärden geängstet werden ; mein hastig Reden , mein ganzer Mensch , sozusogen , Sie erschreckt , irritiert und an meinem Wesen konfus gemacht hat : so hasardiere ich dennoch die gefährliche Rede , und zwar nicht um zu sprechen ( denn was sollen Worte , was können sie , wo Stummsein alles Unaussprechliche sagt ? ) , sondern um zu lallen , zu seufzen , zu weinen , und die Rede soll nur in Gebärdung andeuten , weshalb sie denn in Ohnmacht fällt . O wundersame Frau und Inbegriff aller meiner Gedanken , warum sind Sie denn eine Frau , und warum hat mich der Herr als einen Mann erschaffen ? daß ich der bin , der ich bin , und Sie selbst diejenige , als welche Sie im irdischen Wesen erscheinen und sind ! Konnte es denn nicht anders sein , und mußte es durchaus also ausfallen ? Ich ! vierzig und mehr Jahr älter , als Sie ! O du mein ewiger Schöpfer , wo , was waren denn meine Gedanken und Fühlungen vorher , in der Zeit , die doch die längste meines Lebens muß gewesen sein bevor ich Sie kannte , oder Sie gesehen harte ? War doch damals kein Du in der Welt , und ich das ewig einsame unglückseligste Ich ! Einsam , allein - können Sie wohl nachfühlen , wie erschrecklich das ist ? O Du mein Du , wo bleibt denn , so frage ich alle Engel und Geister , wo bleibt denn mein Ich , wenn ich an Dich denke , oder Dir gar in das Auge schaue ? O nein , ich schaue dann nicht mehr , es ist kein Actus meines Selbst ; ich werde geschaut und bin selig darin , daß ich in diesem Geblicktwerden zugleich geschaffen und vernichtet bin . So finde ich mich nachher auch wieder - und frage immer : Wie kann das Ich , der scheinbare Alte , der in der Entzückung untergegangen war , tot , dahin - wie kann er ein Ich noch sein und bleiben , um sich , der auf immer fort war , zu finden und anzutreffen ? Wer ist , was der Findende , wer , was der Verlorne ? Hiebei dreht sich mein ganzes inneres Wesen um , und wird zum Schwindel , und auch mein äußerer Verstand , mein alltägliches kaltes Bewußtsein will zu einem Geheimnis meines innersten , unsichtbaren , im Todesschlafe träumenden Wesens werden . Ja , Frau , Wesen , Ewigkeit , Du , Du ! darin liegt alle Unschuld , und im Ich die Sünde und Anklage . Warst Du nicht vor langen , langen Zeiten ich ? Ich Du ? Eins , und im Einen die Wonne , daß Du die Seele meiner Seele die Seligkeit warst , nach der ich sehnte , und deren Anschauung mir in der Andacht ward ? Ach ja , es ist wohl die Spiegelung von einer fernen Spiegelung , die nur hier hereinfällt , in unsere dermalige Schöpfung und den wunderlichen Schlummer , den wir unser Leben nennen : und so kam die Liebe und die Wollust in die Welt . Wie unmündige Kinder , die sich weit , weit im gründunkeln Walde verloren haben : und keiner hört ihr verirrtes Angstwimmern und das Abbuchstabieren ihres Klageliedes . Und so freilich , was kann ich alter , abgelebter Magister wünschen , fordern oder begehren ? Es hat sich alles nur in unsere verhärtete , zu Eis gefrorene Welt hereingeschoben , daß er als Schaugericht lockt und reizt , und uns dann , wie jenem übermütigen Magister oder Doktor , dem Tantalus , versagt wird . Trachtet nicht nach dem Unmöglichen ! Gut gesagt und leicht gesprochen , du durchlauchtiges Vernunft- und Naturgesetz ! Du hast immer recht , weil du immerdar Unsinn aussagst . Wir können ja nichts anderes begehren und wünschen , als das