die Mutter jemanden gefunden , der Thee besorgen wollte , und der Kranke fühlte seinen Zustand bald merklich durch Ruhe und Wärme erleichtert . Jetzt erzähle mir , sagte er nun zum Sohne , wie es Dir gelungen ist , Deinen Oheim zum Beistande zu bewegen . So wie ich ihn mit unserem Bedürfnisse bekannt machte , erwiederte der junge Mann , war er zu jeder Hülfe bereit . Wie ! sagte der Vater in heftiger Bewegung , er schlug Dir nicht zuerst Alles ab , er ließ Dich nicht zwanzig Mal Deine Bitte wiederholen , um sich , an Deiner Erniedrigung sich ergötzend , nach und nach etwas abpressen zu lassen ? Nichts von allem Dem , erwiederte der Sohn ; er gab mir die nöthigen Summen , um hier einigermaßen Ordnung hervorzubringen , und trug mir auf , so bald als möglich mit einer vollständigen Berechnung unserer Bedürfnisse wiederzukehren , damit er uns gründlich helfen könne . Und was sagte er zu meinen Ansprüchen ? fragte der Kranke , indem die Röthe der Scham auf seinen Wangen brannte . O mein Vater , antwortete mit dem Ausdrucke höchsten Schmerzes der Sohn , er zeigte mir , daß wir keine haben , wie ich Ihnen dieß schon in meinem Briefe meldete , und legte mir zur Bestätigung eine Schrift vor , die Sie nicht in seinen Händen glaubten . Der Kranke wendete sich seufzend ab und antwortete nicht , worauf der Sohn nach kurzem Schweigen seine Hand ergriff und im Tone milden Vorwurfs sagte : Sie haben , mein Vater , in diesem Verwandten den edelsten , besten Menschen verkannt und sich Mittel gegen ihn anzuwenden erlaubt , deren Gebrauch für Sie selbst schmerzlich und beschämend sein muß , und mich schon um deßwillen unglücklich macht , weil ich als Ihr Sohn , der immer mit Ehrfurcht zu Ihnen sollte reden können , diese Worte des Vorwurfs aussprechen muß . Der Kranke wendete sich um , richtete sich mit heftiger Bewegung auf und sagte dann nicht ohne Bitterkeit : Ich weiß es aus eigner Erinnerung , daß die Jugend nichts so freigebig bietet , als Achtung auf der einen und Verachtung auf der andern Seite , und daß sie häufig in beiden Fällen Unrecht hat . Mißverstehe mich nicht , fuhr er eifrig fort , da er sah , daß der Sohn antworten wollte : es kann sein , ja ich glaube es selbst , daß ich Deinem Oheim Unrecht gethan habe , aber kann dieß wohl beweisen , daß ich überhaupt im Irrthume gegen die Menschen und im Unrecht gegen sie bin , wenn er eine Ausnahme von der Regel macht und Du vielleicht unter hunderttausenden nicht noch einen finden wirst , der auf gleiche Weise handelt ? Die Menschen haben mein Herz zerfleischt , wohin ich mich wendete . In glücklichen Tagen hat mich Betrug , Bosheit , Neid und Mißgunst verletzt , in unglücklichen wurde ich durch Härte , Spott und Verachtung gekränkt . Ich fand nicht eine Ausnahme , nicht einen einzigen Freund , was konnte ich denn also in diesen Menschen lieben und achten ? Glaube mir , setzte er mit milderer Stimme hinzu , wenn die Tugend des Menschen auch nicht selbst eine Zufälligkeit ist , so hängt sie doch fast immer von zufälligen Umständen ab . Wäre ich so glücklich gewesen , in meiner Jugend einen wahren Freund , einen wohlwollenden Verwandten anzutreffen , so hätten sich meine Vermögensumstände herstellen lassen , und indem ich nach meiner Neigung ohne Sorgen hätte leben können , hätte ich auch die gewöhnliche Liebe und Achtung für die Menschen behalten , denn ihr wahres verächtliches Inneres hätte ich dann niemals erkannt und durch die fortgesetzte Täuschung wäre ich im Frieden mit mir selbst erhalten worden . Du bist darin glücklicher als ich , setzte er hinzu , indem er dem Sohn liebevoll die Hand reichte , Du hast angetroffen , was ich durch Gebet und Thränen in der Unschuld meiner Jugend oft herbeirufen wollte , und die sogenannte Tugend in Deiner Brust wird nicht durch ein so trübseliges , gramvolles Leben erschüttert werden , wie ich es habe erdulden müssen . Ich weiß es , Du wirst , wenn Du auch Mitleid mit mir hast , meinen Worten dennoch nicht Glauben schenken , und ich zürne Dir deßhalb nicht , ja es freut mich selbst um Deinetwillen , denn Du wirst die Achtung der Menschen und Deiner selbst dadurch bewahren , und glaube mir , es ist ein Unglück , dessen Tiefe Du nur schaudernd ahnden kannst , das Gefühl dieser Achtung zu verlieren . Hätte der Sohn auch so hart sein mögen , die Ansicht des Vaters zu bekämpfen , die dieser sich gewissermaßen zum Troste aufzustellen bemühte , so würde dieß schon durch den sich plötzlich verschlimmernden Zustand des Kranken unmöglich geworden sein . Die lange , leidenschaftliche Rede hatte den alten Grafen angegriffen ; ein heftiger Husten war die Folge , der sich mit einem Blutsturz endigte . Die Mutter und der Sohn waren in Verzweiflung , aber der Anfall ließ zu ihrem Troste bald nach , und der Sohn verlangte nun , es sollte zum Arzte mit größter Eile gesendet werden . Es wird nichts helfen , sagte der Kranke mit ersterbender Stimme , und die Thränen der Mutter bestätigten seine Ansicht . Warum , fragte der Sohn , was kann ihn hindern ? Wir haben öfter nach ihm geschickt , sagte die kummervolle Mutter , aber immer vergeblich , vermuthlich weil wir ihm einen früher geleisteten Beistand noch nicht haben bezahlen können . Die Flammen des Zornes rötheten die Wangen des Sohnes , und er verstand ein schwaches Lächeln des Kranken , das ihn an die Menschenkenntniß seines Vaters erinnern sollte . Ich werde selbst hinfahren und ihn gewiß mitbringen , sagte der Sohn entschlossen und verließ die Eltern , um Bediente aufzusuchen , die sich nun endlich eingefunden hatten . Indeß nach seinem Befehle ein leichter Wagen angespannt wurde ,