die Schulter und deutet zwischen einigen Köpfen hindurch auf den Mann , den wir vorhin als Joseph , den Tischler , bezeichneten . Nolten , wie er hinschaut , wie er das Gesicht des Fremden erkennt , glaubt in die Erde zu sinken , seine Brust krampft sich zusammen im entsetzlichsten Drang der Freude und des Schmerzens , er wagt nicht zum zweitenmal hinzusehn , und doch , er wagt ' s und - ja ! es ist sein Larkens ! er ist ' s , aber Gott ! in welcher unseligen Verwandlung ! Wie mit umstrickten Füßen bleibt Theobald an eine Säule gelehnt stehen , die Hände vors Auge gedeckt und glühende Tränen entstürzen ihm . So verharrt er eine Weile . Ihm ist , als wenn er , von einer Riesenhand im Flug einer Sekunde durch den Raum der tosenden Hölle getragen , die Gestalt des teuersten Freunds erblickt hätte , mitten im Kreis der Verworfenen sitzend . Noch schwankt das fürchterliche Bild vor seiner Seele , und sinkt und sinkt , und will doch nicht versinken - da klopft ihn wieder jemand auf den Arm und Wispel flüstert ihm hastig die Worte zu : » Sacre-bleu , mein Herr , er muß Sie gesehen haben , soeben steht er blaß wie die Wand von seinem Sitz auf , und wie ich meine , er will auf Sie zugehen , reißt er die Seitentür auf und - weg ist er , als hätt ihn der Leibhaftige gejagt . Kommen Sie plötzlich ihm nach - er kann nicht weit sein , ich weiß seine Gänge , fassen Sie sich ! « Nolten , wie taub , starrt nach dem leeren Stuhle hin , indessen Wispel immer schwatzt und lacht und treibt . Jetzt eilt der Maler in ein Kabinett , läßt sich Papier und Schreibzeug bringen , wirft drei Linien auf ein Blatt , das Wispel um jeden Preis dem Schauspieler zustellen soll . Wie ein Pfeil schießt der Barbier davon . Nolten kehrt in sein Quartier zurück , wo er die Frauenzimmer aus der schrecklichsten Ungewißheit erlöst und ihnen , freilich verwirrt und abgebrochen genug , die Hauptsache erklärt . Es dauert eine Stunde , bis der Abgesandte endlich kommt , und was das schlimmste war , ganz unverrichteter Dinge . Er habe , sagte er , den Flüchtling allerorten gesucht , wo nur irgendeine Möglichkeit gedenkbar gewesen ; in seiner Wohnung wisse man nichts von ihm , doch wäre zu vermuten , daß er sich eingeriegelt hätte , denn ein Nachbar wolle ihn haben in das Haus gehen sehn . Da es schon sehr spät war , mußte man für heute jeden weitern Versuch aufgeben . Man verabredete das Nötige für den folgenden Tag und die auf morgen früh festgesetzte Abreise ward verschoben . Unsere Reisenden begaben sich zur Ruhe ; alle verbrachten eine schlaflose Nacht . Des andern Morgens , die Sonne war eben herrlich aufgegangen , erhob sich unser Freund in aller Stille und suchte sein erhitztes Blut im Freien abzukühlen . Erst durchstrich er einige Straßen der noch wenig belebten Stadt , wo er die fremden Häuser , die Plätze , das Pflaster , jeden unbedeutenden Gegenstand mit stiller Aufmerksamkeit betrachten mußte , weil sich alles mit dem Bilde seines Freundes in eine wehmütige Verbindung zu setzen schien . Sooft er wieder um eine Ecke beugte , sollte ihm , wie er meinte , der Zufall Larkens in die Hände führen . Aber da war keine bekannte Seele weit und breit . Die Schwalben zwitscherten und schwirrten fröhlich durch den Morgenduft , und Theobald konnte nicht umhin , diese glücklichen Geschöpfe zu beneiden . Wie hätte er so gerne die Erscheinung von gestern als einen schwülen , wüsten Traum auf einmal vor dem Gehirn wegstäuben mögen ! In einer der hohen Straßenlaternen brannte das nächtliche Lämpchen , seine gemessene Zeit überlebend , mit sonderbarem Zwitterlichte noch in den hellen Tag hinein : so und nicht anders spukte in Theobalds Erinnerung ein düsterer Rest jener schrecklichen Nachtszene , die ihm mit jedem Augenblick unglaublicher vorkam . Ungeduld und Furcht trieben ihn endlich zu seinem Gasthof zurück . Wie rührend kam ihm Agnes schon auf der Schwelle mit schüchternem Gruß und Kuß entgegen ! wie leise forschte sie an ihm , nach seiner Hoffnung , seiner Sorge , die zu zerstreuen sie nicht wagen durfte ! So verging eine bange , leere Stunde , es vergingen zwei und drei , ohne daß ein Mensch erschien , der auch nur eine Nachricht überbracht hätte . Sooft jemand die Treppe herankam , schlug Nolten das Herz bis an die Kehle ; unbegreiflich war es , daß selbst Wispel nichts von sich sehen ließ ; die Unruhe , worin die drei Reisenden einsilbig , untätig , verdrießlich umeinander standen , saßen und gingen , wäre nicht zu beschreiben . Nannette hatte soeben ein Buch ergriffen und sich erboten , etwas vorzulesen , als man plötzlich durch einen immer näher kommenden Tumult auf dem Gange zusammengeschreckt von den Stühlen auffuhr , zu sehen was es gibt . Der Barbier , außer Atem mit kreischender Stimme , stürzt in das Zimmer und während er vergeblich nach Worten sucht , um etwas Entsetzliches anzukündigen , ist der Ausdruck von unverstelltem Schmerz und Abscheu auf dem verzerrten Gesichte dieses Menschen wahrhaft schauerlich für alle Anwesenden . » Wissen Sie ' s denn noch nicht ? « stottert er - » heiliger barmherziger Gott ! es ist zu gräßlich - der Joseph da - der Larkens , werden Sie ' s glauben - er hat sich einen Tod angetan - heute nacht - wer hätte das auch denken können - Gift ! Gift hat er genommen - Gehn Sie , mein Herr , gehn Sie nur und sehen mit eignen Augen , wenn Sie noch zweifeln ! Die Polizei und die Doktoren und was weiß ich ? sind schon dort , es ist ein Zusammenrennen vor dem Haus und ein Geschrei , daß mir