raffte er Buch , Gemälde , Briefe , alles zusammen , und floh damit hinaus , zum Zimmer , zum Hause , zur Stadt hinaus . Erst in der lautlosen Einsamkeit eines abgelegnen , um diese Tageszeit ganz unbesuchten Lustwäldchens fand er sich wieder . Der gestrige Abend , die darauf zum Theil an dieser nehmlichen Stelle durchwachte lange Nacht , und die eben durchlebten wildbewegten Morgenstunden gingen , nach und nach heller werdend , an ihm vorüber ; ihn hatte alles ein wüster Traum gedünkt , nur das Taschenbuch , gegen welches sein Herz in heftiger Bewegung anschlug , war ihm ein beängstender Zeuge der Wahrheit . Abermals ergriff und öffnete er das Buch ; eine heiße Thräne entfiel seinem Auge als er sein Jugendbild betrachtete , dessen reine von keiner Leidenschaft entstellten Züge ihn mit kindlicher Himmelsseligkeit anlächelten . Es war so wenig ihm noch ähnlich , daß Hippolit ihn wahrscheinlich nie darin wieder erkannt hatte . » Ja so war ich ! Auch sie war so ! « seufzte er und verhüllte die brennenden Augen im thauigen Grase und weinte laut . Er gedachte jener Zeit , da er , fast noch ein Knabe , dieß Bild heimlich malen ließ ; er gedachte der Freude , mit der Herminia es empfing und wie sie gelobte , allen fremden Augen verborgen , es ewig auf ihrem Herzen zu tragen . Endlich ermannte er sich wieder , und begann nun ernstlich , die im Taschenbuch vorgefundnen Briefe zu untersuchen . Der erste , der ihm in die Hände fiel , war von Herminien an Hippolit . Er hatte das Geschenk sämmtlicher Porträte , das von Adelbert mit eingeschlossen , begleitet . Sie wollte , schrieb sie , durch dieses Opfer Hippoliten , dem Einzigen , den sie geliebt habe und lieben könne , jeden Argwohn benehmen , als ob sie noch in irgend einer Art von Verbindung mit einem jener Männer wäre , die sie freilich einst , ehe sie Ihn erblickt , zu lieben geglaubt habe . Mit ächt französischer Leichtigkeit , unübertrefflichem Witz und hinreißender Lebendigkeit gab sie ihm die Schilderung der moralischen Eigenschaften und Eigenheiten der Originale , als Zugabe zu jenen Porträten . Vor allem aber hielt sie sich lange bei der Geschichte ihrer ersten Liebe auf . Ohne ihn zu nennen , malte sie Adelberten , recht ausgelassen muthwillig , zuerst als eine Art von zärtlichem Jocrise , im langen Kinderrock , hernach als sentimentalen , invaliden Bramarbas . Auch sich selbst vergaß sie nicht , und spottend schilderte sie sich in ihrer damaligen ländlichen Naivität und Einfalt . Sie wußte dabei doch sehr geschickt sich durch manche liebenswürdige Schwäche , durch manches reizende Detail interessant zu zeigen , während sie sich das Ansehen gab , sich über sich selbst lustig machen zu wollen . Versicherungen ihrer unwandelbaren , ewigen Liebe , fast in den nehmlichen zärtlichen Worten , in den nehmlichen Wendungen , deren sie unzähligemal auch gegen Adelberten sich bedient hatte ; Eifersüchtleien , Klagen , tausend Neckereien füllten viele Seiten der übrigen Briefe an Hippoliten an . Andre waren von den Originalen jener Porträte , mit denen sie ehemals in zärtlichem Verhältniß gestanden , die sie mit den Bildnissen zugleich Hippoliten überliefert hatte . Alle waren so viel Beweise eines sehr frivolen , ja man möchte sagen , eines zügellosen Lebens . Adelbert mochte bald nicht weiter lesen . Das Unwahre in Herminiens Wesen eckelte ihn unbeschreiblich an ; die Thorheit des ungeheuern Opfers , welches er dieser Unwürdigen gebracht hatte , fiel mit Zentnerlast ihm aufs Herz . Er fühlte sich plötzlich von ihr losgerissen , frei auf ewig . Aber das Gefühl dieser Freiheit glich dem des Gefangenen , der , dem Kerker entlassen , vor der Thüre desselben steht , ohne Heimath , ohne Freund , ohne in der ganzen weiten Welt eine menschliche Seele zu wissen , zu der er sagen dürfe , nimm mich auf , denn ich gehöre dir an . Leidenschaftlich in allem , auch in der Reue , glaubte er im Uebermaaß derselben , daß sein Hauch nie wieder mit der reinen Luft sich einen dürfe , in der Auguste , in der seine Kinder athmeten . Er beschloß in seiner Verzweiflung , auf immer aus ihrer Nähe sich zu verbannen , nie wieder sollte der Klang seiner Stimme Augustens Ohr verwunden , nie ihr Auge mit Abscheu von seinem Anblicke sich wenden müssen . Doch so ganz ohne Spur zu verschwinden , ohne alles Lebewohl , ohne allen Segen in die Wüsten des Lebens hinaus zu gehen , diese Aufgabe ward seinem liebegewohntem Herzen doch zu schwer , und dieß Gefühl hatte ihn mit allen seinen Klagen zu Gabrielens Füßen geführt . Noch immer bekämpfte diese seinen wilden Schmerz , und wandte , wenn gleich fast hoffnungslos , alles an , ihn von dem Vorsatz zur Flucht abzubringen , als der General Lichtenfels zu ihnen hereintrat . Ernst , wenn gleich nicht zürnend , ruhte sein Blick eine stumme Minute lang auf Adelberten , der vor dem Gefürchteten sich gern in den Mittelpunkt der Erde verborgen hätte ; dann aber trat ein feuchter Schimmer in das milder werdende Auge des edlen Greises . » Komm ! « sprach er , und schloß den beinahe Widerstrebenden fest an seine Brust . » Komm , hier trug ich den Knaben , hier ruhtest Du wundenmatt , nach ehrenvollem Kampf , dem Tode nah . Hier weintest Du im schönen Schmerz um die gesunknen Hoffnungen Deiner Jugend , hier ist auch jetzt noch Dein Platz . Du warst ja immer das Kind meines Herzens ; welcher Vater wird sein Kind von sich stoßen , weil es fiel ? Komm , ich helfe Dir auf , und dann wollen wir beide frisch ans Werk , um zu retten , zu bessern , wieder herzustellen ; Gott wird uns helfen . « Vergebens strebte Adelbert in den Armen des Generals sein übervolles Herz in verständlichen Worten vor