meisten eine Zeit , wo sie viel dachten und der Religion vergaßen ; ihr Spekulieren über Religion hält selten gegen die Not und gegen das Glück aus ; beide geben ihnen meist erst ihre feste Richtung , ihren eigentlichen Glauben . In einem verzweifelnden Seelenzustande trat der Graf in die Kirche ; er sah mit Verachtung , wie die Menschen so demütig aus den Beichtstühlen heraustraten , doch setzte er sich selbst müde in einen derselben , der im trüben Dunkel einer Kapelle stand , und wartete bis der Geistliche , der nach der andern Seite eine Beichte hörte , das Ohr nach seiner Seite legen würde . Er hatte sich erst vorgenommen seine Sünde , den Versuch sich selbst zu ermorden , oder vielmehr sich ermorden zu lassen , nur ganz allgemein anzudeuten , so daß der Geistliche doch keinesweges ihn gleich erraten könnte . Wie sich dieser zu ihm wendete , sah er auf der andern Seite des Beichtstuhles eine Gestalt heraustreten , aus deren betränten Augen auch sein Schmerz floß ; erst schien es ihm Dolores , dann glaubte er sicher , sie wäre es nicht gewesen . Bei diesem Anblicke wurde ihm der Beichtstuhl ganz vertraulich ; er sprach von seinen Fehlern so aufrichtig , wie ein Verstorbener , und der Beichtvater , der beider Verhältnis zu durchschauen schien , gab ihm eine Reise nach einem nahen Wallfahrtsorte auf . Nichts auf der Welt war seiner Stimmung so angemessen ; gleich tat er dem Geistlichen , der Pater Martin hieß , den Vorschlag , mit ihm noch denselben Abend dahin zu wandern , er verspreche ihm reichliche Belohnung . Pater Martin willigte fröhlich ein ; er sagte , daß er schon lange seinem Bruder , der dort mit wenigen im Kloster zurückgeblieben , einen Wein zu kosten versprochen habe . Der Graf schickte nach Hause und ließ melden , daß er ein paar Tage ausbleibe , und so machte er sich mit dem Geistlichen auf den Weg , den er eben so furchtsam und verlegen betrat , wie er sonst keck darauf einher geschritten . Die Unterhaltung mit dem einfältigen Pater Martin war ihm bald quälend ; er bat sich dessen Rosenkranz aus und betete so vor sich hin ; aber allmählich ward ihm wohl in der einförmigen Wortfolge , bei der er bald an nichts dachte , als was Anfang und Ende sei ; ganze Züge von Pilgern traten zu ihnen und stimmten in die Gebete ein , das Gleichmäßige trug ihn . Bald fühlte er , wie einfach das Menschenherz , bei jeder Wiederkehr des Gebetes ward es ihm immer heiliger , rührender ; sein Auge blickte umher nach der untergehenden Sonne , und so kam er heiter in einem Wirtshause an , das einsam zwischen großen Seen gelegen die Mitte ihrer Wallfahrt bezeichnete . Die größere Zahl der Pilger trat eilig ins Wirtshaus , um für Speise und Trank nach Lust und Geld zu sorgen . Wallfahrten sind die Badereisen der Ärmeren ; sie arbeiten halbe Jahre , um durch diese wenigen Tage in sinnlichem und übersinnlichem Genusse sich zu erfrischen . Der Graf war wenig geneigt zu beidem , er blieb vor der Türe sitzen ; Bruder Martin mußte zwar aus Höflichkeit bei ihm bleiben , aber er bestellte sich doch durchdringend laut durch die offene Haustüre einen Becher Wein . Nicht lange , so erschien mit einem zinnernen Becher , der voll Wein , ein großes schlankes , aber sehr ernstes Mädchen , ob es der Sternenschein war , der ihre Backen bleichte , dem Grafen schien sie ungemein blaß . Bruder Martin mochte auch diese Blässe bemerken und sie schminken wollen ; er umfaßte sie und hätte sie in allen Ehren geküßt , wenn ihr nicht sträubend der Becher mit dem Weine entfallen wäre . Das war kein Spaß ; er ließ sie los und sah traurig in den leeren Becher , in dessen Neige sich die Sterne spiegelten . Der Graf hatte sich in der Stille ganz in ihn hinein gelebt , und fand darin einen besonderen Trost der eigenen Leiden ; dieser Anblick setzte ihn so ganz in alte gute Laune zurück , daß er in der Seele seines Begleiters dichtete : Ein Trinklied beim Sternenklang Liebe Hand , dich darf ich drücken , Bringst mir einen Becher Wein , Und die holden Sterne blicken In den Becher froh hinein ; Zweifelnd bin ich im Entzücken , Trink ich erst den duft ' gen Wein ? Soll ein Kuß mich erst beglücken ? Beides , beides ist nun mein ! Ratet mir treulich , liebliche Sterne , Grüße euch alle , nahe und ferne ! Fliehst du schon vor meinem Blicke , Und verschüttest meinen Wein , Führt mein Ruf dich nicht zurücke , Ach , so bist du doch nicht mein ! Heiße Liebe , deine Tücke Läßt mich schmerzlich hier allein , Als ich meinem stillen Glücke Wollte froh entgegen schrein ; Feurige Zungen sind da erklungen , Aber mein Liebchen ist mir entsprungen . Wandelt weiter , kalte Sterne , Spiegelnd im vergoßnen Wein , Suchet ihr doch stets die Ferne , Nah und ferne , nichts ist mein . Nur der Tropfen , den ich hege , Löset meines Herzens Klang , Schweigend geht ihr eure Wege , Euren stillen , gleichen Gang ; Als ich noch hoffte , seid ihr erklungen , Jetzt wie so stille , feurige Zungen . Allmählich war er in der Gesinnung des Liedes zu sich selbst übergegangen ; er wurde sehr traurig , und blieb noch lange so ernst vor sich sitzen , als der Geistliche schon ins Zimmer gegangen und der alte Wirt , ein ehrwürdiger Greis mit weißen Haaren , sich unbemerkt zu ihm gesetzt hatte . - » Herr , Ihr seid nicht recht vergnügt wie die andern « , sagte der Alte , » Ihr habt aber noch lange zeit vergnügt zu werden , ich aber bin traurig und alt , und werde wohl