getrieben wurde . Geschichten wollen Länge , Meinungen Kürze . Walt trieb die zweite anonyme Geschichte von einem Holländer auf und vor , welcher gern ein Landhaus , wegen der herrlichen Aussicht auf die See , besessen hätte , wie alle Welt um ihn , allein nicht das Geld dazu hatte . Der Mann aber liebte Aussichten dermaßen , daß er alle Schwierigkeiten dadurch zu besiegen suchte , daß er sich auf einem Hügel , den er gegen die See hatte , eine kurze Wandmauer und darein ein Fenster brechen ließ , in welches er sich nur zu legen brauchte , um die offne See zu genießen und vor sich zu haben , so gut als irgendein Nachbar in seinem Gartenhaus . Sogar Wina lächelte glänzend unter dem roten Taft-Schatten hervor . Mit noch mehr Anmut als bisher teilte Walt die dritte Anekdote mit . Ein Frühprediger , dessen Kehlkopf mehr zur Kanzel-Prosa als zur Altar-Poesie gestimmt war , rückte zu einer Stelle hinauf , die ihn zwang , vor dem Altare das » Gott in der Höhe sei Ehr ' « zu singen . Er nahm viele Singstunden ; endlich nach vierzehn Singtagen schmeichelte er sich , den Vers in der Gewalt und Kehle zu haben . Die halbe Stadt ging früher in die Kirche , um der Anstrengung zuzuhören . Ganz mutig trat er aus der Sakristei ( denn er hatte sich darin vom Singmeister noch einmal leise überhören lassen ) und stieg gefaßt auf den Altar . Alle Erzähler der Anekdote stimmen überein , daß er trefflich angehoben und sich anständig genug in den Choral hineingesungen hatte : als zu seinem Ruin ein blasender Postillion draußen vor der Kirche vorbeiritt und mit dem Posthorn ins Kirchenlied einfiel ; - das Horn hob den Prediger aus dem alten Sing-Geleise in ein neues hinein , und er sah sich gezwungen , das ernste Lied mitten vor dem Altare nach dem vorbeireitenden Trompeterstückchen auf die lustigste Weise hinauszusingen . Der General lobte sehr den Notar und ging heiter aus dem Zimmer ; aber er kam nicht wieder . Nr. 48. Strahlkies Die Rosenhöfer Nacht Weder Jakobine noch der General machten je ein Geheimnis daraus - nämlich aus ihrem wechselseitigen ; - es kann also die Anverwandten von beiden auf keine Weise zu etwas Juristischem gegen den Verfasser der Flegeljahre berechtigen , wenn er im Strahlkies bloß kalt erzählet , daß Zablocki ein wenig in den nächsten Garten spazieren gegangen , und die Aktrice Jakobine zufällig nicht sowohl , als in der guten Absicht , von ihrer Rolle der Johanna von Montfaucon im Freien zu verschnaufen . Noch viel weniger als schreibende Verfasser sind von hohen Anverwandten allgemeine Sätze anzugreifen , wie z.B. dieser : daß sehr leicht der weibliche theatralische Lorbeer sich rückwärts in eine Daphne verwandle - und der Satz , daß eine Schauspielerin nach einer schweren tragischen Tugend-Rolle am besten ihr eignes Theater aux Italiens und ihre eigne Parodie werde - am wenigsten dieser , daß das Militär , es sei auf Kriegs- oder Friedensfuß , den griechischen Möbeln gleiche , die meistens auf Satyrfüßen standen und endlich der , daß wohl nichts einander mehr sucht und ähnlich findet ( daher schon die Worte Kriegstheater und Theaterkrieg , Aktion und Staatsaktion , Truppen ) als eben Theatertruppen die Kriegstruppen , und vice versa . Ich fahre also , nachdem ich berichtet , daß beide spazieren gegangen , gleich ihnen ruhig und ungestört , hoffe ich , fort . Walts Gesicht wurde eine Rose unter dem Ausbleiben des Vaters . Wina heftete die Augen , die sich wie süße Früchte unter das breite Laub der Augenlider versteckten , unter dem Hute auf ihr Strickzeug nieder , das einen langen Kinderhandschuh vollendete . Über den Notar kam nun wieder die Furcht , daß sie ihn als den Auslieferer ihres Briefes zu verabscheuen anfange . Er sah sie nicht oft an , aus Scheu vor dem zufälligen Augen-Aufschlag Beide schwiegen . Weibliches Schweigen bedeutet - ohnehin als das gewöhnlichere - viel weniger als männliches . Die befeuernde Wirkung , welche der Wein hätte auf den Notar tun können , war durch seine Anstrengung , den feinsten Gesellschafter zu spielen , niedergehalten worden . Indes wär ' ihm die Lage nicht unangenehm gewesen , wenn er nur nicht jede Minute hätte fürchten müssen , daß sie - vorbei sei . Endlich sah er sehr scharf und lange auf den Strick-Handschuh und wurde so glücklich , sich einen Faden der Rede daraus zu ziehen ; er schöpfte nämlich die Bemerkung aus dem Handschuh , daß er oft stundenlang das Stricken besehen , und doch nie begriffen . » Es ist doch sehr leicht , Hr . Harnisch « , versetzte Wina , nicht spöttisch , sondern unbefangen , ohne aufzublicken . Die Anrede » Herr Harnisch « jagte den Empfänger derselben wieder in die Denk- und Schweig-Kartause zurück . - » Wie kommts « , sagt ' er , spät heraustretend und den Strick-Faden wieder aufnehmend , » daß nichts so rührend ist als die Kleidungsstücke der lieben Kinder , z.B. dieses hier - so ihre Hütchen Schühchen ? - - Das heißet freilich am Ende : warum lieben wir sie selber so sehr ? « » Es wird vielleicht auch darum sein « , versetzte Wina und hob die ruhigen vollen Augen zum Notar empor , der vor ihr stand , » weil sie unschuldige Engel auf der Erde sind , und doch schon viele Schmerzen leiden . « » Wahrhaftig , so ist es - ( beteuerte Walt , indem Wina wie eine schöne stille Flamme glänzend vor ihm aufstand , um ihr Mädchen herzuklingeln ) - Und wie dürfen Erwachsene klagen ? - Ich will wahrlich das Sterben eines Kindes ( setzt ' er hinzu und folgte ihr einige Schritte nach ) ertragen , aber nicht sein Jammern ; denn in jenem ist etwas so Heilig-Schauerliches . « Wina kehrte sich um und nickte . Luzie kam ; Wina fragte