Sie begann auszurechnen , wieviel Tage es noch bis zu den großen Ferien seien , wo sie ihren Vetter wiedersehen werde . Darüber schlief sie ein und diesmal fest und traumlos — bis zum Morgen . Agathe mußte immer aufs neue staunen , wie stark und sicher Eugenie ihre große Leidenschaft in ihrem Herzen verschloß , und mit welcher Lebendigkeit sie den Tag über an allen Thorheiten , die getrieben wurden , ihren Anteil nahm . Neben den religiösen Kämpfen beschäftigten sich die jungen Damen hauptsächlich mit der Frage , wer von ihnen die längsten Augenwimpern habe . Es wurden zur Lösung dieser Zweifel die schwierigsten Messungen vorgenommen . Wirklich gehörte viel Interesse für die Sache dazu , um sich ein Blatt Papier unter das Lid zu schieben und sich mit einem Bleistift dicht vor dem Augapfel herumfuchteln zu lassen . Mitten im Vierteljahr kam eine neue Schülerin , die Tochter eines berühmten Schriftstellers aus Berlin . Sie wurde mit der größten Spannung empfangen . Ein völlig farbloses , elfenbeinweißes Gesicht und hellgrüne Augen unter schwarzen Brauen , die über der Nasenwurzel dicht zusammengewachsen waren , gestalteten das Äußere dieses Mädchens eigenartig genug . Dazu eine Fähigkeit , sich mit der großen Zehe an der Nase kitzeln zu können und die Finger ohne jede Schwierigkeit nach allen möglichen und unmöglichen Richtungen zu biegen und auszurenken — das alles mußte die kühnsten Erwartungen von etwas Außergewöhnlichem übertreffen . Agathe befiel bei dem Anblick der Neuen sofort eine böse Ahnung . Da Klotilde erklärte , ihr Vater habe stets ihre Aufsätze korrigiert , wurde sie natürlich ohne weitere Prüfung in die erste Klasse aufgenommen . Dr. Engelbert glaubte dies dem Ruhm einer deutschen Litteraturgröße schuldig zu sein . Hier erfüllte die junge Dame indessen die auf ihr gebauten Hoffnungen so wenig , daß Dr. Engelbert sich genötigt sah , sie in die zweite Klasse , welche seine Frau leitete , zurückzuführen . Es stellte sich denn auch heraus , daß Klotilde nur die Stieftochter des Dichters war , also nicht wohl seine Talente geerbt haben konnte . Schon am ersten Abend ging Eugenie mit der Neuen im Garten spazieren und ließ sich von ihr in der Kunst unterrichten , sich eine griechische Nase zu schminken . Agathe wagte einen schüchternen Einwurf . Aber damit kam sie schlecht an . Eugenie vernachlässigte sie in den nächsten Tagen in wahrhaft brutaler Weise . Eine heftige Korrespondenz erfolgte zwischen den zwei Schlafsaalgenossinnen , man schrieb sich in pathetischen Ausdrücken die beleidigendsten Dinge . Agathe durchweinte vor Zorn und Eifersucht ganze Nächte . Schließlich erklärte ihr Eugenie rund heraus : sie liebe Klotilde , sie habe es vom ersten Augenblick an gefühlt . Gegen Liebe lasse sich nichts thun , und Agathe möge sich eine andere Freundin suchen . Man sprach nicht mehr zusammen — man ging aneinander vorüber , ohne sich zu sehen . Daß ein häßliches , kleines Judenmädchen die Gelegenheit ergriff , sich an die Verlassene zu drängen , konnte sie nur wenig trösten . Agathe begann jetzt Eugeniens Liebesgeschichte mit dem Kommis in einem anderen Licht zu sehen und etwas Unerlaubtes , Häßliches darin zu finden . Wer konnte wissen , ob sie nicht Unrecht hatte — sie war ja eine ganz treulose Natur . Eugenie schien sich indessen mit der Neuen herrlich zu amüsieren . Am Tage lasen die jungen Mädchen Ottilie Wildermuth und die Polko , des Nachts im Bett lasen sie Eugen Sue . Auch ein schmutziger Leihbibliothekband mit herausgerissenem Titelblatt machte die heimliche Runde . Er enthielt die Schicksale einer Frau , die mit einem Mal in Form einer Maus behaftet ist , das sie sorgfältig zu verbergen sucht , während der tückische Zufall das Geheimnis beständig enthüllt . Agathe fand diese Geschichte dumm und eklig . Da hieß es , sie wäre prüde , und man nahm sich vor ihr in acht . Klotilde hatte einige von den Werken ihres Vaters mitgebracht , die sie ihren bevorzugten Freundinnen borgte , jedesmal mit der beleidigenden Bemerkung : sie der frommen Agathe nicht zu zeigen ! Und was die Mädchen für rote Köpfe bekamen , wenn sie die Bücher in verborgenen Lauben verschlangen . Es war aber auch gräßlich aufregend , sich vorzustellen , daß ein so feiner , vornehmer Herr , wie der Dichter , gegen den sogar Dr. Engelbert die Unterwürfigkeit selbst gewesen war , so schreckliche Sachen schrieb . — Hätten die Mädchen nur nicht immer ihre geflüsterten Unterhaltungen abgebrochen , wenn Agathe sich näherte . Sie verging vor Neugier , zu erfahren , was jetzt wieder alle so furchtbar beschäftigte . Aber der Stolz hinderte sie , auch nur eine einzige Frage zu thun . Es war ein entsetzlicher Zustand , ausgeschlossen und verachtet zu sein , während man sich grenzenlos nach Vertrauen und Liebe sehnte . Endlich erfuhr sie das Geheimnis durch das Judenmädchen , das ihr zu ihrem heimlichen Verdruß mit der Treue eines kleinen Hundes nachlief . Frau Dr. Engelbert würde wahrscheinlich ein Kindchen bekommen . Die jungen Damen waren einig in der Empörung , daß man ihnen , den Töchtern der besten Familien , einen so anstößigen Anblick zumuten könne ! Warum entrüsteten sie sich nur so heftig ? dachte Agathe — sie hatten doch auch kleine Geschwister . Sie war gerührt und ein wenig verwirrt . Wenn Frau Dr. Engelbert in die Stube kam , suchte sie ihr unbemerkt etwas Liebes zu erweisen und lernte mit Eifer ihre Aufgaben , um sie beim Unterricht nicht zu kränken . Frau Dr. Engelbert suchte sich mit der tröstlichen Aussicht zu beruhigen , das freudige Familienereignis werde in den großen Ferien fallen . Doch fühlte sie mit steigendem Unbehagen , wie fünfundzwanzig junge Augenpaare mit gierigem Vergnügen jede Veränderung ihres Äußern beobachteten und fünfundzwanzig schonungslose Mädchenzungen darüber tuschelten und flüsterten . Ihr Mann fand ihre Ängstlichkeit übertrieben und bewies ihr mit seinem schönen Idealismus : deutsche Mädchen seien viel zu unschuldig und zu wohlerzogen , um die Sache auch nur zu bemerken .