Der Versuch zu einer Umarmung wurde von keiner Seite gemacht . Die Gestalt der Fürstin war trotz der dunkeln Trauerkleidung imponierend schön , als sie so , vom hellen Sonnenschein umflossen , dastand , aber das schien nicht den geringsten Eindruck auf den jungen Mann zu machen , obgleich er sie unverwandt ansah . Auch der Blick der Mutter haftete auf seinem Gesicht , aber sie suchte vergebens nach einem einzigen Zuge , der ihr angehörte oder wenigstens an sie erinnerte . Nichts trat ihr dort entgegen , als die sprechende Aehnlichkeit mit dem Manne , den sie noch im Tode haßte – der Sohn war das Ebenbild seines Vaters , Zug für Zug . Ich hoffte sicher auf dein Erscheinen , « fuhr die Fürstin fort , indem sie sich niederließ und ihm mit einer Handbewegung den Platz an ihrer Seite anwies , Waldemar blieb trotzdem stehen . » Willst du dich nicht setzen ? « Die Frage klang sehr ruhig , aber sie ließ keine Verneinung zu und erinnerte den jungen Nordeck daran , daß er füglich nicht während des ganzen Besuches stehen bleiben könne , aber die erneute Handbewegung blieb unbeachtet . Er zog einen Sessel heran und setzte sich der Mutter gegenüber . Der Platz an ihrer Seite blieb leer . Die Bewegung war unzweideutig . Einen Augenblick lang preßten sich die Lippen der Fürstin fester aufeinander , aber ihr Gesicht blieb unbewegt . Waldemar saß jetzt gleichfalls im vollen Tageslichte . Er trug auch heute eine Art Jagdanzug , der freilich diesmal nicht Spuren der Jagd zeigte , aber auch keine besondere Sorgfalt verriet und von einer eleganten Reitkleidung himmelweit verschieden war . In der Linken , die wie die Rechte ohne Handschuhe war , hielt er den runden Hut und die Reitpeitsche . Die Stiefel trugen noch den ganzen Staub eines zweistündigen Rittes ; der Reiter hatte es nicht für nötig befunden , ihn zuvor abzuschütteln , und die Art , wie er sich setzte , verriet die vollste Unbekanntschaft mit den Gewohnheiten des Salons . Die Mutter sah das alles mit einem einzigen Blicke , aber sie sah auch den starren Trotz , mit dem ihr Sohn sich gewaffnet hatte . Er leuchtete deutlich genug aus seinen Augen ; leicht war ihre Aufgabe nicht , das fühlte sie . » Wir sind uns fremd geworden , Waldemar , « begann sie , » und ich kann bei diesem ersten Wiedersehen von dir noch nicht die Umarmung des Sohnes verlangen . Ich habe dich ja seit deiner Kindheit fremden Händen überlassen müssen . Man hat der Mutter nie erlaubt , ihre Pflichten und ihre Rechte bei dir auszuüben . « » Ich habe bei meinem Onkel Witold nichts vermißt , « entgegnete Waldemar herb . » Und jedenfalls war ich bei ihm heimischer , als ich im Hause des Fürsten Baratowski gewesen wäre . « Er betonte den Namen mit einer Bitterkeit , die der Fürstin nicht entging . » Fürst Baratowski ist tot , « sagte sie ernst . » Du siehst seine Witwe vor dir . « Waldemar sah auf . Er schien erst jetzt ihre Trauerkleidung zu bemerken . » Das bedaure ich – um deinetwillen , « erwiderte er kalt . Die Mutter machte eine abwehrende Bewegung . » Laß das ! Du hast den Fürsten nie gekannt , und ich kann von dir keine Sympathie für den Mann erwarten , der mein Gemahl hieß . Aber ich verhehle mir nicht , daß der Verlust , der mich so schwer getroffen , eine Schranke niederreißt , die bisher trennend zwischen uns stand . Du hast stets in mir nur die Fürstin Baratowska sehen wollen . Vielleicht erinnerst du dich jetzt , daß sie auch deine Mutter , die Witwe deines Vaters ist . « Bei den letzten Worten erhob sich Waldemar mit einer so ungestümen Bewegung , daß der Sessel zurückflog . » Ich denke , wir lassen das ruhen . Ich bin gekommen , um dir zu zeigen , daß ich keinem Zwange gehorche , daß ich nur meinem eigenen Willen folge . Du hast mich sprechen wollen – hier bin ich . Was willst du von mir ? « Die ganze Rücksichtslosigkeit und Rauheit des jungen Mannes sprach aus diesen Worten . Die Hindeutung auf seinen Vater hatte ihn offenbar tief verletzt , aber auch die Fürstin hatte sich erhoben und stand ihm gegenüber . » Was ich von dir will ? Ich will den Bannkreis durchbrechen , den ein mir feindseliger Einfluß um dich gezogen hat . Ich will dich daran mahnen , daß es jetzt Zeit für dich ist , mit eigenen Augen zu sehen und dein eigenes Urteil sprechen zu lassen , statt blindlings fremden Anschauungen zu folgen , die man dir aufdrängte . Man hat dich die Mutter hassen gelehrt , ich wußte es längst . Prüfe erst , ob sie diesen Haß verdient , und dann entscheide selbst ! Das will ich von dir , mein Sohn , da du mich denn doch zwingst , dir auf eine solche Frage zu antworten . « Das wurde mit einer so energischen Ruhe , mit einem so unnahbaren Stolze gesprochen , daß es seinen Eindruck auf Waldemar nicht verfehlte . Er fühlte , daß er die Mutter beleidigt hatte , aber er fühlte auch , daß diese Beleidigung machtlos an ihr abglitt , und der Appell an seine Selbständigkeit verhallte keineswegs ungehört . » Ich trage keinen Haß gegen dich , Mutter , « sagte er . Es war das erste Mal , daß er den Mutternamen überhaupt aussprach . » Aber auch kein Vertrauen , « entgegnete sie . » Und doch ist dies das erste , was ich von dir fordern muß . Es wird dir nicht leicht – ich weiß es ; man hat ja von frühester Kindheit an den Samen des Mißtrauens in deine Seele gesäet . Dein Vormund hat das möglichste gethan , dich mir zu entfremden und dich einzig