klang vor Erregung und sich dann zu voller glühender Empörung steigerte . » Sollen diese Worte mir gelten ? dann weise ich sie zurück ! Sie haben kein Recht , einem Fremden , dessen Beweggründe Sie nicht kennen , Niedrigkeit und Gemeinheit zuzutrauen , weil er sich als Feind eines anderen bekennt , und ich habe meine Gründe . Was wissen Sie überhaupt vom Kampfe des Lebens ? Ihnen ist er doch schwerlich je genaht ! Wer frei und glücklich dasteht , der hat es leicht , den Stab zu brechen über andere , die nicht kämpfen konnten , weil sie die Arme nicht frei hatten . Lernen Sie erst verstehen , was › Schicksal ‹ heißt , das plötzlich über einen Menschen hereinbricht und ihn wehrlos macht gegen feindliche Mächte , und dann verurteilen Sie ! « Edith stand wie erstarrt vor diesem jähen Ausbruch , sie fand im Augenblick gar keine Antwort darauf . Wer war denn eigentlich dieser Fremde , dessen Haltung im Anfange so müde schien , der so düster und entsagungsvoll vom Leben sprach , als läge es bereits hinter ihm ? Jetzt hatte er auf einmal Blitze in diesen müden , düsteren Augen , jetzt führte er eine Sprache , wie sie das verwöhnte , vielumworbene Mädchen noch nie gehört , das jetzt mitten in der Entrüstung , der Empörung über die empfangene Zurechtweisung doch etwas wie Bewunderung empfand . Aber das dauerte nur einen Moment , dann gewann die Entrüstung die Oberhand . » Ich glaube , wir müssen diese Unterredung endigen , sie führt uns allzu weit ! « sagte die junge Dame in einem eiskalten Tone , und dabei traf ein vernichtender Blick den Mann , der es wagte , so mit ihr zu reden , aber hier blieb das wirkungslos . Jene dunklen Augen hielten den ihrigen stand , und die Flamme loderte noch immer darin . So standen sie einige Sekunden lang , ohne daß ein Wort gesprochen wurde , dann neigte Edith mit einer kaum merklichen Bewegung das Haupt , und mit der Miene einer beleidigten Fürstin wandte sie sich ab , um zu gehen . Ernst Raimar verharrte an seinem Platze . Er sah , wie sie über den Friedhof eilte , das Gitter öffnete und im Walde verschwand , dann atmete er tief auf und strich mit der Hand über die Stirn . Es kam ihm erst jetzt zum Bewußtsein , wie er sich hatte fortreißen lassen . Also das war der Dank eines Bruders , für den er sich aufgeopfert , so stand er da in den Augen des Mädchens , zu dem Max seine Blicke erhob . Ein alter , verknöcherter Hagestolz , der Höheres gar nicht begriff und in spießbürgerlicher Beschränktheit den jungen Künstler festketten wollte an den eigenen Lebenskreis ! Noch gestern hätte er eine derartige Erfahrung mit einem bitteren Lächeln und einem Achselzucken hingenommen , jetzt biß er die Zähne zusammen , und auf seiner Stirn lagerte es wie eine Wetterwolke , als er der Enteilenden nachblickte . » Sie muß in irgend einer Beziehung zu diesem Ronald stehen ! « murmelte er halblaut . » Das war nicht die Parteinahme einer Fremden , gleichviel , was geht es mich an ! Sie werden freilich wie eine Meute über mich herfallen von allen Seiten , wenn ich wage , was jeder wagen darf , dessen Name rein ist , aber was liegt an mir , wenn es nur erreicht wird . Einer muß das Wort sprechen , und da sich kein anderer findet « – er richtete sich empor mit einer Bewegung , als werfe er eine lang getragene Last von sich – » ich will nicht länger ein Feigling sein , der » im Dunkel verschwindet « . Jetzt ist es entschieden ! Werde daraus , was da will ! « Er ging , da tönte wieder der helle Ruf der Amsel , und jetzt schwirrte sie hervor aus den zerfallenen Mauern und hinein in den Wald , in das Frühlingsleben da draußen . Still und einsam lag der kleine Friedhof wieder da , aber die Sonnenstrahlen spannen ihre goldenen Fäden über das alte , verwitterte Gestein , wo unter Moos und Epheuranken das verheißungsvolle Wort stand : Erwachen ! Herr Notar Treumann war eine sehr beliebte Persönlichkeit in Heilsberg , wo er , obgleich er sein Amt schon vor Jahren niedergelegt hatte , noch die erste Rolle spielte . Er hatte in einer beinahe dreißigjährigen Amtsführung ein Vermögen erworben , das für seine bescheidenen Bedürfnisse ausreichend war , besaß außerdem ein hübsches Haus nebst Garten und lebte dort , da er Junggeselle war , unter der Pflege einer alten Wirtschafterin sehr behaglich und zufrieden . Jedermann hatte den alten Herrn gern , der die Gutmütigkeit und Dienstfertigkeit selbst war . Es gab nur einen Punkt , wo diese Eigenschaften versagten und sich sogar in das Gegenteil verkehrten , und das trat unfehlbar ein , wenn jemand sich erlaubte , Heilsberg den gebührenden Zoll der Achtung und Bewunderung zu versagen . Der Notar liebte die Stadt , in der er geboren war und wo er bereits die zweite Generation aufwachsen sah , mit einem förmlichen Fanatismus . Was man ihm selbst anthat , das konnte er verzeihen , und wenn es das Aergste war , aber Heilsberg – da wurde er wild . Er hatte damals , als das Unglück über die Familie seiner Schwester hereinbrach , gethan , was nur in seinen Kräften stand . Er war schleunigst nach Berlin gekommen und hatte die Witwe nebst ihrem jüngsten Sohne mit nach Heilsberg genommen , um sie all dem Schweren zu entziehen , was der Katastrophe unmittelbar folgte . Ernst blieb zurück , um das Notwendigste zu ordnen , eine furchtbare Aufgabe für den jungen Mann , der nur den völligen Ruin feststellen konnte und verzweifelte , aber vergebliche Anstrengungen machte , wenigstens den ehrlichen Namen seines Vaters zu retten . Dann trat die zweite schwere Aufgabe an ihn heran