sich einige kümmerliche Weinranken schlangen , stand ein großer , kostbar gearbeiteter Flügel , das Vermächtniß des verstorbenen Musikdirector Wilkens an seinen Schüler , ein Prachtstück , das sich in der nüchternen Umgebung ebenso seltsam und fremdartig ausnahm , wie die Gestalt des jungen Mannes mit der idealen Stirn und den großen flammenden Augen hinter den vergitterten Comptoirfenstern des Vorderhauses . Reinhold saß am Tische und schrieb , aber sein Gesicht trug heute nicht jenen müden , apathischen Ausdruck , der stets darauf ruhte , sobald er die Zahlen der Handlungsbücher vor sich hatte ; seine Wangen waren tief , fast fieberhaft geröthet , und die Hand , die in raschen Zügen einen Namen auf das vor ihm liegende Briefcouvert warf , zitterte leise , wie in verhaltener Erregung . Da ließen sich Schritte draußen hören und die Glasthür wurde geöffnet ; mit einer schnellen unmuthigen Bewegung schob der junge Mann das Couvert unter die auf dem Tische liegenden Notenblätter und wandte sich um . Es war Jonas , der Diener des Capitains , der die ihm angebotene Gastfreundschaft seiner Verwandten nur auf einige Tage angenommen hatte , und dann in eine eigene Wohnung übergesiedelt war . Der Matrose brachte Gruß und Eintritt in der ihm eigenen derben und etwas ungeschickten Art zuwege und legte dann einige Bücher auf den Tisch . „ Eine Empfehlung von dem Herrn Capitain , und er schickt hier das Versprochene aus seiner Reisebibliothek . “ „ Kommt mein Bruder nicht selbst ? “ fragte Reinhold befremdet . „ Er versprach es doch . “ „ Der Herr Capitain ist schon längst da , “ rapportirte Jonas , „ aber sie haben ihn richtig wieder im Hause abgefangen : der Herr Onkel wünschen eine Conferenz mit ihm in Familiensachen ; die Frau Tante verlangen seine Hülfe bei einer Aenderung im Besuchszimmer , und der Buchhalter will ihn für seinen Verein kapern . Alle reißen sie sich um ihn ; er kann nicht loskommen . “ „ Hugo scheint im Laufe einer einzigen Woche bereits das ganze Haus erobert zu haben , “ bemerkte Reinhold ironisch . „ Das machen wir überall so , “ sagte Jonas voll Selbstgefühl , und schien sehr geneigt , noch Einiges über diese Eroberungen hinzuzufügen als er durch den Eintritt seines Herrn unterbrochen wurde , der in heiterster Laune den Bruder begrüßte . „ Gute Morgen , Reinhold ! Nun , Jonas , was stehst Du denn noch hier ? Man bedarf Deiner im Hause . Ich habe der Tante versprochen daß Du bei der heutigen Mittagsgesellschaft Aushülfe leisten sollst . Rasch hinauf in die Küche ! “ „ Unter die Frauenzimmer ? “ fragte Jonas , dessen Gesicht sich bei dem Befehle natürlich verlängerte . „ Unter die Frauenzimmer ! Weiß der Himmel , “ wandte sich Hugo lachend an seinen Bruder , „ wo dieser Mensch den Haß gegen alles Weibliche gelernt hat . Bei mir sicher nicht ; ich bewundere das schöne Geschlecht ganz außerordentlich . “ „ Ja , leider Gottes , gar zu außerordentliche ! “ brummte Jonas , machte aber gehorsam Kehrt und marschirte zur Thür hinaus , während der Capitain dicht an Reinhold hinantrat . „ Es ist heute große Familientafel , “ hob er an , den pedantisch feierliche Ton seines Onkels Almbach täuschend nachahmend . „ Mir zu Ehren , natürlich ! Ich hoffe , daß Du diesem bedeutsamen Acte die gebührende Hochachtung entgegenbringst , und Dich nicht wieder so benimmst , daß ich Dich höchstens als Folie für meine eigene zu entwickelnde Liebenswürdigkeit benutzen kann . “ Reinhold runzelte ein wenig die Stirn . „ Ich bitte Dich , Hugo , werde endlich einmal vernünftig ! Wie lange denkst Du denn eigentlich noch diese Komödie fortzuspielen und Dich über das ganze Haus lustig zu machen ? Nimm Dich in Acht , wenn sie dahinter kommen , von welcher Beschaffenheit Deine Liebenswürdigkeit eigentlich ist , und daß Du im Grunde nur Deinen Spott mit ihnen Allen treibst . “ „ Das wäre allerdings schlimm , “ sagte Hugo ruhig . „ Sie kommen aber nicht dahinter ; verlaß Dich darauf ! “ „ So thue mir wenigstens den Gefallen , und laß ’ Deine entsetzlichen Indianergeschichten ! Du muthest ihnen wirklich zu viel damit zu . Der Onkel debattirte erst gestern mit dem Buchhalter über den Kampf mit der Riesenschlange , den Du ihnen neulich auftischtest , und der denn doch auch ihm etwas unerhört schien . Ich gerieth in die grenzenloseste Verlegenheit beim Zuhören . “ „ In Verlegenheit hat Dich das gebracht ? “ spottete der Capitain . „ Wäre ich dabei gewesen , ich hätte ihnen sofort noch eine Elephantenjagd , eine Tigergeschichte und einige Ueberfälle der Wilden mit so haarsträubenden Effecten zum Besten gegeben , daß ihnen die Sache mit der Riesenschlange darnach höchst wahrscheinlich vorgekommen wäre . Sei unbesorgt ! Ich kenne meine Zuhörer ; das ganze Haus erdrückt mich ja fast mit Sympathiebeweisen . “ „ Ella ausgenommen , “ warf Reinhold ein . „ Es ist doch eigenthümlich , daß ihre Scheu vor Dir in keiner Art zu überwinden ist . “ „ Jawohl , das ist sehr eigentümlich , “ stimmte Hugo mit beleidigter Miene bei . „ Ich kann durchaus nicht zugeben , daß Jemand im Hause existirt , der von meiner Vortrefflichkeit nicht unbedingt überzeugt scheint , und habe mir bereits vorgenommen , mich heute in meiner ganzen unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit meiner Frau Schwägerin zu präsentiren . Ich zweifle durchaus nicht , daß sie sich darauf hin gleichfalls der Majorität anschließen wird , Du bist doch hoffentlich nicht eifersüchtig ? “ „ Eifersüchtig ? Ich ? Und um Ella ’ s willen ? “ Der junge Mann zuckte halb mitleidig , halb verächtlich die Achseln . „ Was fällt Dir ein ? “ „ Nun , es hat auch keine Gefahr ! Ich suchte schon vorhin eine Unterredung mit ihr , aber sie war ausschließlich mit dem Kleinen beschäftigt . – Sage