» Sieh ' dir diese Erscheinung an , Siegbert , « sagte er , auf ein hübsches , etwas derbes Bauernmädchen weisend , » die Studie solltest du dir nicht entgehen lassen . Dies Mädchen als Hirtin hoch oben auf einer einsamen Alm , mit schwermutsvoller Sehnsucht in die Ferne blickend – im Hintergrunde eine Sennhütte mit lieblich weidenden Kühen und einigen Lämmern – dazu Abendrot , Alpenglühen und abziehendes Gewitter – das müßte ein Bild werden : ein Bild , mit dem du auf der nächsten Ausstellung alle übrigen schlügst ? « » Aber , Papa , die Hirtinnen pflegen gewöhnlich nicht mit schwermutsvoller Sehnsucht in die Ferne zu blicken , « warf Siegbert ein , » und diese wird es nun vollends nicht tun . Das Gesicht des Mädchens ist , wenn auch hübsch , doch gänzlich unbedeutend und nichtssagend . « » So idealisiere es ! « rief Eggert , beleidigt durch den Widerspruch . » Ein Künstler kann das , muß das können . Er muß es verstehen , die rohe Wirklichkeit zu veredeln und zum Ideale zu erheben . Aber du scheinst mir sehr wenig Lust dazu zu haben ! Ich will nicht hoffen , daß du im Ernste beabsichtigst , statt einer unschuldsvollen Hirtin das Banditengesicht dieses Adrian Tuchner für eines deiner Bilder zu benutzen , sonst würde ich – « Er hielt erschrocken inne und prallte drei Schritte zurück , denn er sah urplötzlich das » Banditengesicht « unmittelbar vor sich . Es war Adrian selbst , der vor ihm stand und scharf fragte : » Was soll ' s , Herr Bürgermeister ? « » Oh nichts , « beeilte sich dieser zu versichern , » durchaus nichts , lieber Tuchner ! Ich rief Sie nicht . « » Ich hörte nur meinen Namen , « sagte Adrian , » und da wollte ich mich doch melden . Wenn Sie etwas von mir wollen , – da bin ich ! « Seine Augen , die halb verächtlich und halb drohend auf dem kleinen Mann ruhten , verrieten , daß er die Äußerung gehört hatte . Das schien auch dem Bürgermeister klar zu werden , denn er retirierte schleunigst hinter Siegbert , den er als Schutzwehr gegen etwaige Angriffe des Gefürchteten betrachtete . Das erwartete Attentat unterblieb aber für diesmal , denn gerade jetzt erschienen die Musikanten , von einer jubelnden Kinderschar begleitet , und ihnen folgte die ganze Menge der Tanzlustigen . Während sie sich ihren Weg durch die Menge bahnten , gab es ein allgemeines Drängen und Stoßen , und dabei wurde Siegbert von den Seinigen getrennt . Als der Zug vorüber war , war auch der Herr Bürgermeister mit Frau und Tochter verschwunden , wahrscheinlich hatten sie sich dem Strome angeschlossen , der nach dem Wirtshause zog . Siegbert gab sich nun allerdings keine besondere Mühe , die Verlorenen wieder aufzufinden . Er atmete unwillkürlich auf , als er sich allein sah , und wandte sich zu Adrian , der an seiner Seite geblieben war und ietzt forschend sagte : » Sie müssen es wohl büßen bei dem Herrn Vater , daß Sie mich gezeichnet haben ? Wenn ich Ihnen zur Last bin , so sagen Sie es nur frei heraus , Herr Siegbert . Ich gehe schon ! « » Nein « , entgegnete der junge Mann rasch , denn er fühlte die Bitterkeit in diesen Worten . » Ich freue mich , Sie zu treffen , ich wollte Ihnen ohnehin meinen Glückwunsch sagen . Wir hörten es schon vorhin , daß Sie den Preis bei dem heutigen Schießen davongetragen haben und der unbestrittene Sieger geblieben sind . « Adrian warf mit der ihm eignen trotzigen Bewegung den Kopf zurück . » Ja , ich denke , ich habe es den anderen gezeigt , daß der Tuchner sie allesamt meistert , wenn es aufs Treffen ankommt ! « Es sprach wohl Genugtuung aus diesen Worten , aber doch nichts von dem freudigen Stolze des jungen Schützen , der im Wettkampfe mit so vielen anderen Sieger geblieben ist . Auch Adrians Gesicht war nicht heller als sonst , es ruhte der alte , finstere Ausdruck darauf , und es waren auch keine Freunde und Genossen bei ihm , die ihm den Sieg mitfeiern halfen . Die anderen Schützen zogen jetzt in einzelnen Gruppen nach dem Wirtshause , um dort den Tag fröhlich zu beschließen . Tuchner hatte sich abgesondert , er schien ganz allein zu sein . Er stand mit dem jungen Maler mitten unter der Menge , die sich gerade hier vor einer Schaubude zusammendrängte , aber schon nach wenigen Minuten war der Raum um die beiden weiter geworden . Die Zunächststehenden traten zufällig oder absichtlich zurück . Man machte ihnen offenbar Platz . Siegbert nahm das als eine Höflichkeit , die man ihm in seiner Eigenschaft als Fremder zuteil werden ließ , und machte eine scherzhafte Bemerkung darüber . Adrian erwiderte keine Silbe , aber er schoß einen seltsamen Blick auf die höflichen Leute . Sie gingen langsam weiter und gelangten auf den Kirchplatz , der jetzt den Mittelpunkt des ganzen festlichen Treibens bildete . Aus den Fenstern des Wirtshauses , das der Kirche gegenüber lag , erklangen schon die Tanzweisen , und auf dem Platze selbst saß und stand alles in bunten Gruppen durcheinander . Man begrüßte die Bekannten , man schwatzte und trank miteinander , überall gab es Händeschütteln , Zurufe und Gelächter , und die Abendsonne schien golden herab auf all dies laute und lustige Leben . Auch Siegbert wurde davon so angezogen , daß er es anfangs gar nicht bemerkte , daß sein Begleiter fast ebenso fremd und einsam durch das Gewühl ging , wie er selbst . Adrian war doch allen bekannt , er hatte die Ehren des heutigen Tages davongetragen , aber niemand schien sich dessen zu erinnern . Er wechselte wohl hin und wieder mit einigen einen Gruß und ein paar Worte , man gab ihm auch Rede und Antwort ,