Morgen vor den schwimmenden Augen ließ sich auch schlecht suchen . So kroch und kletterte ich zwischen dem Gestein umher : eine Flechte fand ich nicht ; aber ich fand etwas anderes , nämlich ein Vermögen ! « » Ah ! « sagte die Zuhörerschaft in dem Hinterstübchen der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ . » Mühselig in meiner vergeblichen Bemühung hatte ich mich so ziemlich bis an die Basis der obenerwähnten abgeplatteten Gipfelfelsmasse , der eigentlichen Opferklippe , emporgearbeitet , als plötzlich ein Mensch , wie es schien im hastigen Aufklimmen , von der entgegengesetzten Seite her auf der Platte erschien und einen Schrei ausstieß , der mich erschreckt zurückfahren ließ . Die Gestalt , vom Dunst wie alles umher leicht verschleiert , warf die Arme empor , griff mit beiden Händen in die Haare und fiel mit einem neuen Aufschrei erst in die Knie und dann ganz zu Boden . Ich stand und hielt mich zitternd an dem nächsten Granitblocke , und es dauerte einige Zeit , ehe ich mich so weit gefaßt hatte , um mir die Frage vorzulegen : Was ist das ? Ja , was war das ? Was konnte das sein ? Ein Betrunkener ? Ein Wahnsinniger ? Ein Epileptiker ? Ein lebensmüder Unglücklicher , der sich diesen Ort ausgesucht hatte , um gerade jetzt daselbst zu Ende zu kommen mit sich ? Alle diese Vorstellungen schossen mir nun blitzschnell nacheinander durchs Gehirn ; aber von der Höhe der Opferklippe kam keine Antwort auf meine Frage . Und es ist deine Pflicht nachzusehen , was und wer es ist ! rief es in mir . Mit zusammengekniffenen Lippen , fest aufeinandergesetzten Zähnen faßte ich Mut , packte meinen Wanderstock fester , um im Notfall auch auf einen Angriff gerüstet zu sein , und stieg langsam und vorsichtig die Steinstufen hinauf , die auf die heilige Opferstelle unserer Vorfahren führten . Scheu und behutsam hob ich das Kinn auf die Platte ; da lag er ! – Lang ausgestreckt , bewegungslos , das Gesicht auf den Stein gedrückt , lag der Unglückliche da , und rasch sprang ich meinerseits nun hinauf , trat zu ihm , faßte ihn an der Schulter , sprach ihm zu , und nach einer Weile erhob er auch das Gesicht und stierte mich an . Jetzt schrie ich fast , wie er vorher . Es war mein Kamerad , mein geheimnisvoller Freund , mein botanischer Wissenschaftsgenosse , und zwar mit Zügen so verstört , so von Schmerz , Angst und Zorn verwüstet , daß ich es euch wahrlich nicht , wie es war , schildern kann . Langsam , wirklich wie aus einem epileptischen Zustande sich erhebend , stand er auf , sah mich blind und meinungslos an , bis ihm nach und nach das Bewußtsein von Ort , Zeit und Zustand zurückkam . › Philipp ! ‹ sagte er tonlos . › O August ! ‹ rief ich . › Seid Ihr es , der mich hier gefunden hat ? ‹ › O und Ihr – was habt Ihr ? Was ist Euch geschehen ? Ich möchte Euch so gern helfen . ‹ › Und könnt es ganz und gar nicht . Es wäre besser , Ihr ginget und ließet mich hier , wie Ihr mich fandet . Ich bin für keines Menschen Gesellschaft mehr tauglich . ‹ Er sprach dieses alles so vernünftig , so gesetzt und ruhig , daß seine Verstörung mir dadurch nur noch herzzerreißender in die Seele drang . Ich wollte seine Hand fassen , doch zog er sie schnell und wie ergrimmt zurück und schrie : › Nein , nein ! Das ist zu Ende , Herr – Herr Kristeller . Ich habe heute mit dieser Hand mein Schicksal besiegelt und werde sie niemandem mehr als Zeichen der Freundschaft , der Zuneigung , der Liebe geben . Haltet mich nicht für einen Narren – o ich wollte , ich wäre es ; aber ich bin es nicht ! Seit drei Tagen wäre es mir eine Wohltat , wenn die letzte Faser , die den Geist noch an eure Welt – eure Alltagswelt bindet , abrisse , und wenn man mich fände , wie man sonst wohl schon arme irre , verlorene Menschen in der Wildnis gefunden hat . Kein anderes Gesicht wäre mir heute so lieb gewesen als das deinige , Philipp ; aber meine Hand gebe ich dir doch nicht . Sieh da rund herum , sieh , wie die Städte und Dörfer ausgestreut sind ; – sieh , alle diese hunderttausend Menschenwohnungen sind mir von jetzt an verschlossen : ich habe keinen Verkehr mit euch mehr , ich bin allein ; es gibt keinen anderen Menschen mehr auf Erden , der so allein ist wie ich ! ‹ › Aber ich bin da ! mich hat das Schicksal gerade zu dieser Stunde zu dir geführt , um bei dir zu bleiben ! Meine Braut , mein Mädchen habe ich verloren , oder sie soll mir doch genommen werden . Mir ja auch verschließt sich die ganze Welt . Laß uns einander zum Rat und Trost sein ! ‹ Nun war es , als ringe er in der Tiefe seiner Seele mit einem gewaltig starken Gegner , und dann war es , als ob er dem Feinde obgesiegt habe , und dann war es , als stehe er triumphierend mit dem Fuße auf der Brust des Niedergeworfenen . Er knirschte mit den Zähnen und rieb sich die rechte Hand , als sei sie feucht und er müsse sie trocknen . Zuletzt sah er mich scharf und kalt an und sagte leise : › Lieber Herr , Sie können mir doch von keinem Nutzen sein . Ich bitte Sie , sich keine Mühe zu geben . Sehen Sie , Kristeller , ich habe nie in meinem Leben anders gesprochen , als meine Meinung war . Auch ist heute Methode in meinem Wahnsinn gewesen ; ich habe mich nicht ohne eine gewisse Absichtlichkeit auf