der unermeßlichsten Rücksichtslosigkeit nach dem eigenen Geschmack und Neigungen einrichten zu wollen . Diese Redensart stammt wahrscheinlich von Eva her ; aber auch Adam , wie er heute noch ist , weiß recht gut mit ihr umzugehen . Die Herren sind immer so klug , nie ihren Weg quer durch das Behagen des Gegenparts zu nehmen , ohne sich innerlich oder auch mündlich vor sich selber und der Nachbarschaft durch das drollige heillose Wort zu rechfertigen . In vorliegender Geschichte wirkt die Tante Lina am wenigsten und ihr guter Bruder am meisten damit . Sich a n das Ganze hingeben , ist ein ähnliches schönes Diktum , wird jedoch mehr von Leuten angewandt , die durch ihre Anlagen sich gedrungen fühlen , den Betrug über das Privatleben hinaus zu spielen . Am schönsten freilich ist die Redensart : Sich f ü r das Ganze hingeben , und damit wollen wir es diesmal hier bewenden lassen . Wir machen uns keineswegs besser , als wir sind , aber auch nicht schlechter , als die anderen sind ; wir geben uns auch für das Ganze hin , wenn auch diesmal nur für das ganze dieser Geschichte . Während die Tante Lina Toilette macht , d.h. sich gründlich von dem Staub und Schweiß des Reisetages reinigt , spazieren wir vergnüglich im holden Abendschein dem Papa Nebelung , der sich sein ganzes Leben durch für andere aufgeopfert zu haben behauptet , nach durchs Affentor . Die Unterhaltungen , die er mit sich selber und später noch mit einem andern führt , sind uns sehr wichtig . Sachsenhausen lag längst hinter dem zur Ruhe gesetzten Diplomaten , und wenn er auch , wie wir sagen , allgemach im gemächlicheren Tempo schritt , so hatte er seine Aufregung doch bei weitem noch nicht genug verlaufen . Die Rachegeister begleiteten ihn immer noch dicht an seinen Rockschößen auf der Darmstädter Chaussee , und so deutlich wie in dieser Stunde war es ihm sehr selten geworden , daß er sich sein ganzes Leben fort und fort , bei Tage und bei Nacht für die anderen geopfert und hingegeben habe . Hin und her wendete er das verruchte Wort in seinem Gemüte ; – das war ganz die richtige Stimmung , in welcher der Mensch seiner bodenlosen , unglaublichen Gutmütigkeit und Herzlichkeit wegen vor Gift und Galle ersticken möchte ! Das war die Laune , in der der gekränkte , erboste Mensch sich nur zu gern in ein Brett verwandelt sähe , unter der Bedingung , daß die ganze nichtsnutzige Welt kommen müßte , um sich den Hirnschädel dran einzurennen ! Alle Kränkungen , Zurücksetzungen , Beleidigungen , die ihm , Alexius Nebelung , während seines mehr denn sechzigjährigen Lebenslaufes zuteil geworden waren , traten ihm auf diesem Abendspaziergange frisch und unverblaßt vor die Seele ; und , das goldbeknopfte spanische Rohr gen Himmel schwingend , schwur er unter dem Läuten der Pfingstglocken wieder einmal , sich von heute an aber wirklich zu bessern , an nichts anderes mehr zu denken als sich selbst und sein Leben für keinen anderen mehr zu verbrauchen als für sich selber . » Nach dem Bahnhofe komm ’ ich doch zu spät , selbst wenn ich jetzt noch umkehren würde « , hing er sodann epilogisch an den Schluß seiner guten Vorsätze ; und die Rachegeister – wendeten sich mit verächtlicher Entrüstung von ihm ; sie hatten ihr möglichstes getan und ihn doch nicht zum Sprung über seinen eigenen Schatten gebracht . Der Legationsrat von Nebelung begann eine neue Reihe von Gedanken , Gefühlen und Empfindungen . Plötzlich griff er sich über der linken Hüfte in die Seite ; er fühlte den ersten Gewissensbiß , und aus der Erbosung über den Nachbar Nürrenberg fiel er in den Ärger über sich selber . » Ich hätte doch nach dem Bahnhof gehen sollen ! « murrte er und stieß heftig mit dem Stock auf . Man kann mancherlei auf der Darmstädter Landstraße sehen und empfinden . Da ist z.B. ein Buch auf Erden , genannt : Wahrheit und Dichtung aus meinem Leben , – das handelt unter vielem anderen auch mehrmals von diesem Wege . Wir rufen es auf , indem wir den Beweis der Wahrheit des eben Gesagten antreten . Da ist ein junger Mensch , dem die Lage von Frankfurt zustatten kam , weil es » zwischen Darmstadt und Homburg mitten inne « lag . » Oft ging ich allein oder in Gesellschaft durch meine Vaterstadt , als wenn sie mich nichts anginge – mehr als jemals war ich gegen offene Welt und freie Natur gerichtet . Unterwegs sang ich mir seltsame Hymnen und Dithyramben , wovon noch eine , unter dem Titel Wanderers Sturmlied , übrig ist : Wen du nicht verlässest , Genius , Nicht der Regen , nicht der Sturm Haucht ihm Schauer übers Herz . Wen du nicht verlässest , Genius , Wird dem Regengewölk , Wird dem Schloßensturm Entgegen singen – – Wandeln wird er Wie mit Blumenfüßen Über Deukalions Flutschlamm , Python tötend , leicht , groß , Pythius Apoll . « Mit Blumenfüßen über Deukalions Flutschlamm wandelte der Legationsrat gerade nicht . Er ging jetzt mit vorgeneigtem Kopfe , krumm , mit den Augen im Staube des Weges , und hätte um ein Haar einen ihm von der Sachsenhäuser Warte her entgegenkommenden Wanderer angerannt , welches Mißgeschick wahrscheinlicherweise von den schlimmeren Folgen für ihn selber begleitet gewesen wäre . Dieser die Straße herabschreitende Spaziergänger war ein alter , frischer Herr mit weißem Backenbart , weißer Halsbinde , im Frack und begleitet von einem braunen Pudel . Er trug gleichfalls ein spanisch Rohr mit einem Goldknopf und wich dem Zusammenstoß mit einem verdrießlichen Grunzlaut aus , und zwar nach rechts hin . Da nun aber der Rat sofort nach links fuhr , so standen beide wieder voreinander , und der Alte mit dem Pudel grunzte um ein bedeutendes grimmiger und sprach dazu leise ein englisches Wort . Mit einer deutschen Entschuldigung zog der Legationsrat den Hut ,