verscharrte . « Jetzt traten sie durch die Hauptpforte in die Kirche . Das Schiff , welches sie nun durchschritten , war zum Behufe des protestantischen Gottesdienstes von allen Heiligtümern gereinigt und enthielt außer den Bänken für die Zuhörer nur den Taufstein und eine nackte Kanzel . Ein Bretterverschlag mit einer kleinen Türe trennte davon den weiten Chor , der den Katholiken verblieben und von ihnen zur Kapelle eingerichtet worden war . Als Jenatsch öffnete , befanden sie sich dem Hauptaltare gegenüber , dessen heiliger Schmuck und silbernes Kruzifix in einem letzten durch das schmale Bogenfenster einfallenden Abendschimmer kaum mehr zu erkennen waren . Vor ihnen drängte sich Kopf an Kopf die knieende murmelnde Menge , Weiber , Krüppel , Alte . Längs der Wände schoben sich dürftige Männergestalten , mit den langen magern Hälsen vorwärts lauschend und den Filz krampfhaft vor die Brust gedrückt . Auf dem Hochaltare flackerten zwei düstere Kerzen , deren Licht mit dem letzten von außen kommenden Schimmer der Dämmerung kämpfte . Die zwei Flämmchen bewegten sich in einem von zerbrochenen Fensterscheiben eingelassenen Luftzuge , der sie auszulöschen drohte , und tanzende Schatten trieben auf dem Altare ein seltsames Spiel . Der streichende Wind bewegte zuweilen mit leisem Geknatter die schwach schimmernden Falten der Altardecke . Erregte Sinne mochten wohl das weiße Gewand eines Knieenden auf den Stufen erblicken . Jenatsch stieß im Mittelgange mit seinem Freunde vor , von den einen , in Verzückung Versunkenen , kaum bemerkt , von den andern mit bösen , feindlichen Blicken und leisen Verwünschungen verfolgt , aber von keinem zurückgehalten . Jetzt stand der athletische Mann , allen sichtbar , dem Altare gegenüber ; aber vor diesem hatte sich auch schon eine Anzahl unheimlicher Gesellen wie eine Schutzwehr gegen Heiligenschändung drohend zusammengedrängt . Waser glaubte blinkende Dolche zu erblicken . » Was ist das für ein unchristlicher Zauber ! « rief Jenatsch mit schallender Stimme . » Laßt mich zu , daß ich ihn breche ! « – » Sacrilegium ! « murrte es aus der dichten Reihe der Veltliner , die einen Ring um den Bündner zu schließen begann . Zwei griffen nach seiner vorgestreckten Rechten , andere drängten sich von hinten an ihn ; aber Jenatsch machte sich mit einem gewaltigen Rucke frei . Um sich nach vorn Luft zu schaffen , packte er den nächsten seiner Angreifer mit eiserner Faust und schleuderte ihn rücklings gegen den Hochaltar . Der Stürzende schlug mit ausgebreiteten Armen , die nackten Füße gegen die Menge streckend , hart auf die Stufen und begrub den buschigen Hinterkopf in die Altardecken . Leuchter und Reliquienschreine klirrten und es erhob sich ein langes durchdringendes Wehgeheul . Dieser Moment der Verwirrung rettete den Pfarrer . Er benutzte ihn blitzschnell , durchbrach gewaltsam , seinen Freund nach sich ziehend , den verwirrten Menschenknäuel , erreichte die offene Sakristei , gewann das Freie und eilte mit Waser seinem Hause zu . In dem sichern Wohnraume angelangt , stieß der Hausherr einen Schieber an der Wand zurück und rief in die Küche hinaus : » Trag uns auf , meine Lucia ! « Herr Waser aber klopfte den Staub des Handgemenges aus seinen Kleidern und zog Manschetten und Halskrause zurecht » Pfaffentrug ! « sagte er , diesem Geschäfte mit Sorgfalt obliegend . » Vielleicht , vielleicht auch nicht ! Warum sollten sie nicht etwas gesehen haben ? Irgendein Phantom ? Du weißt nicht , welche sinnverwirrenden Dünste aus den Sümpfen dieser Adda aufsteigen . – Schade um das Volk ; es ist sonst so übel nicht . Im obern Veltlin lebt ein geradezu tüchtiger Schlag , ganz verschieden von diesen gelben Kretinen . « » Hättet ihr Bündner nicht klüger getan , ihnen einige beschränkte bürgerliche Freiheiten zu gewähren ? « warf Waser ein . » Nicht bürgerliche nur , auch die politischen Rechte hätte ich ihnen gegeben , Heinrich . Ich bin ein Demokrat , das weißt du . Aber da ist ein schlimmer Haken . Die Veltliner sind hitzige Katholiken , zusammen mit dem papistischen Drittel unserer Stammlande würden sie Bünden zu einem katholischen Staate machen – und da sei Gott vor ! « Indessen hatte die reizende Lucia , die jetzt sehr niedergeschlagen aussah , den landesüblichen Risott aufgetragen und der junge Pfarrer füllte die Gläser . » Auf das Wohl der protestantischen Waffen in Böhmen ! « rief er , mit Waser anstoßend . » Schade , daß du deinen Plan aufgegeben hast und jetzt nicht in Prag bist . In diesem Augenblicke vielleicht geht es dort los . « » Möglicherweise ist es für mich rühmlicher hier bei dir zu sein . Man darf nach den neuesten Nachrichten bezweifeln , ob der Pfalzgraf den Hengst zu regieren weiß , auf den er sich so galant gesetzt hat . – Es ist doch nichts daran , daß ihr euch mit dem Böhmen verbündet habt ? « » Wenig genug , leider ! Wohl sind ein paar Bündner hingereist , aber gar nicht die rechten Leute . « » Das ist sehr gewagt ! « » Im Gegenteil , zu wenig gewagt ! Keiner gewinnt , der nicht den vollen Einsatz auf den Tisch wirft . Unser Regiment ist erbärmlich lässig . Lauter halbe Maßregeln ! Und doch haben wir unsere Schiffe verbrannt , mit Spanien so gut wie gebrochen und die Vermittlung Frankreichs grob abgewiesen . Wir sind ganz auf uns selbst gestellt . In ein paar Wochen können die Spanier von Fuentes her einbrechen und es ist – kannst du ' s glauben , Waser ? – für keine Verteidigung gesorgt . Ein paar erbärmliche Schanzen sind aufgeworfen , ein paar Kompanien einberufen , die heute kommen und sich morgen verlaufen . Keine Kriegszucht , kein Geld , keine Führung ! Und mich haben sie wegen meines eigenmächtigen Eingreifens , wie sie ' s nennen , das sich für meine Jugend und mein Amt nicht schicke , von jedem Einflusse auf die öffentlichen Dinge abgeschnitten und so fern als möglich