wie ein Toter und mit so unglücklich blickenden Augen , daß Don Giulio vom innigsten Mitleid ergriffen wurde und , den Arm um die Schulter des Freundes schlagend , ihn an das Terrassengeländer zog und mit ihm auf das Brunnenbecken und in das rauschende Spiel seiner Wasser niederblickte . » Was geschah denn ? « flüsterte er ihm ins Ohr . » Was ist dir begegnet ? « Strozzi erwidere mit schmerzlich verzogenem Munde : » Nichts . Du verreisest für zwei Jahre nach Venedig . Deine Sache ist beigelegt und kommt nicht vor Gericht . Deine Orgie in Pratello bleibt ungestraft . Wiederum und noch einmal eine unverurteilte blutige Tat ! Auch der Herzog beklagt es und seufzt über euch , seine Brüder . « » Auch über den Kardinal ? « » Über euch alle . Den Kardinal nannte er einen Eigenmächtigen , einen Gesetzlosen , einen dem Staate Ferrara unentbehrlichen Frevler , und befahl mir , seine Bande , wenn er sie nicht , wie er fest zugesagt , heute noch ablöhne und auflöse , mit Galgen und Rad zu verfolgen – unnachsichtlich ! Dabei erhitzte er sich « , berichtete Strozzi weiter , » und sprach eifrig von dem Staate Ferrara , wie er ihn sich denke , als ein Staatswesen von unbedingter Gerechtigkeit , durchaus ohne Ansehen der Person , ohne Begünstigung , ohne Bestechung . › Eine Justiz , wie sie Eure Republik besitzt ‹ , sagte er , sich zur Seite wendend , und ich erblickte in einer Fensternische den Venezianer , der gekommen war , vom Herzog Urlaub zu nehmen , und bescheiden in einem Buche blätterte , um meine Audienz nicht zu stören . Der Angeredete lächelte höflich . › Vergebung , Bembo ! ‹ fuhr der Herzog fort . › Ich weiß , Euer Reisezug wartet , denn Ihr wollt die Nachtkühle benützen zu Eurem Romritt , um der Julisonne auszuweichen . Verzeiht meinem Schreiber , daß der Langsame und Gewissenhafte Euch auf das Memorial warten läßt , das Ihr mir die Gunst erweisen wollt für mich in die Hände des Heiligen Vaters zu legen . Ein furchtbarer Mensch , dieser Julius . Er liebt mich nicht ; empfehlt mich ihm . Und was werdet Ihr dem Schrecklichen sagen ‹ – der Herzog lächelte – › wenn er Euch fragen wird , was Euch bewog , Ferrara zu verlassen ? Er weiß , daß ich von Männern , wie Ihr , nicht gerne verlassen werde . So gut als ich , schätzt er Euch als einen Bedeutenden und Zukunftvollen , den zu verkennen eine Schmach der Unbildung wäre , und der jedem italienischen Hofe zur Zierde gereicht . Nun , Bembo , saget mir , was werdet Ihr der Heiligkeit antworten ? ‹ › Die Wahrheit , Herzog ‹ , erwiderte der Venezianer mit seiner einschmeichelnden Stimme . › Heiligkeit , werde ich sagen , ich verlasse Ferrara , weil ich den Herzog verehre und fürchte , die Herzogin zu lieben . Kein Sterblicher wird ihres täglichen Umgangs genießen , ohne von ihrem geheimnisvollen Wesen und von ihrer klaren Anmut gefesselt zu werden . Wo ist da die Grenze zwischen Bewunderung und Leidenschaft ? Wo liegt das richtende Schwert , das die Körper und die Seelen trennt ? Es tötet , ohne zu blitzen ! Lieber aber verendete ich in tausend Qualen , als daß ich die hohe Frau durch eine auflodernde Flamme verletzte , oder an meinem edlen Gastfreunde , auch nur im Fiebertraume , Raub verübte . So werde ich zum Heiligen Vater reden ‹ ... « » Kühn und auch klug gesprochen ! « unterbrach hier Don Giulio den Erzählenden , indem er zum Spiel nach einem Wasserbogen haschte , dessen fallenden Regen ein Hauch des Südwindes ihm zutrieb . Der Richter aber fuhr fort : » Don Alfonso schien durch das Bekenntnis seines Gastes befriedigt und mit dessen Abreise einverstanden . › Ich könnte Euch solche freimütige Rede an den Heiligen Vater nicht verargen ‹ , sagte er , › sie hätte nichts Unziemliches , sondern ehrt uns alle . Schreibt uns zuweilen , Bembo ! ‹ Dann aber wurde er drohend und wies auf mich . › Dieser Mensch ‹ , sagte er , › krankt an dem gleichen Übel , ohne so weise zu sein , wie Ihr , und ein Heilmittel zu suchen . Redet zu ihm und gebet ihm Rat . ‹ Da erhob ich zornig das Haupt und versetzte : › Solches , Herzog , gestehe ich nicht ein mit dem Munde ; meine Gedanken aber anerkennen keinen Richter . Wenn solches wäre , ich wüßte mir Rat , so gut wie Bembo . Laßt mich ziehen , Herzog ! Die Luft von Ferrara erstickt mich . Ich bin noch zu jung mit meinen zwanzig Jahren , die heilige Wage der Themis zu halten ; ich bin ein noch unfertiges Metall , eine flüssige Lava . Noch kämpfen um mich verschiedene Gesetze und Anbetungen ! Gebt mir Urlaub ! Ich will die Hochschule von Paris besuchen , wohin ich schon lange trachte , und ich werde einst Euch und dem Staate Ferrara reifer und brauchbarer zurückkehren , als ein Mann des Rechts , den nichts mehr besticht und blendet . ‹ Der Herzog entgegnete mir ernst : › Keine Rede davon , daß Ihr Euer kaum angetretenes Amt verlasset . Unter meinen Augen begannet Ihr eine Reform unseres Gerichtswesens , und ich ertrage es nicht , daß in Ferrara eine unternommene öffentliche Arbeit leichtsinnig unterbrochen und verspätet werde . Wohin würde uns solche Gewissenlosigkeit führen ? – Was aber die Sklaverei betrifft , in der Ihr schmachtet , so leugnet Ihr sie mit dem Munde , aber mit Blicken und Gebärden legt Ihr sie auf eine ärgerliche Weise an den Tag . Darum bitte ich unsern scheidenden Freund ‹ , er ergriff den Venezianer bei der Hand , › Euch über Euern gefährlichen innern Zwist aufzuklären . Er ist Euch glaubwürdig