die Gluth und das Empfinden anderer Herzen ungefühlt und unverstanden zerstieben . “ „ Es kann schon sein , wie Du sagst ; davon verstehe ich nichts , “ meinte die Seejungfer , „ aber ein schöner Herr ist er doch , und gegen den Jacob ist er auch gut , “ fuhr sie fort . „ Der Alte weiß vor Freuden über sein neues Logis nicht aus , noch ein , und ich habe ihm in die Hand hinein versprochen , daß ich heute Abend , wenn es dunkel ist , mit Dir hinkommen will – er hat keine Ruhe , bis wir Alles gesehen haben . “ Magdalene antwortete nicht . Sie hatte das Heft mit Leberecht ’ s Gedichten leise in das große Buch gelegt , und als sie die Klammern schloß , da rollten ein paar heiße Thränen auf den alten Folianten herab – da drinnen lagen ja die ganzen Qualen eines gebrochenen Herzens eingesargt ! Werner ’ s Haus , in der hübschesten und breitesten Straße des Städtchens gelegen , war ehemals auch ein Kloster gewesen . Es hatte jedoch , nachdem es in Privatbesitz gelangt war , beträchtliche Veränderungen erfahren . Der ganze vordere , nach der Straße gerichtete Flügel wurde niedergerissen , an seiner Stelle erhob sich ein stattliches Wohnhaus mit Mauern so massiv und dick , daß jede Nische der breiten Fenster ein kleines Cabinet vorstellen konnte . Die Fensterreihe im Erdgeschoß steckte hinter jenen dichten , bauchigen Eisengittern , die stets einen gewissen Respect einflößen und erkennen lassen , daß es ihre Ausgabe sei , ansehnliche Capitalien und Werthgegenstände zu beschützen , zugleich aber auch deren gesichertes Vorhandensein verrathen zu dürfen . Einige Hintergebäude , welche den weiten Hofraum umschlossen , waren jedoch ihrer Festigkeit und des späteren Datums ihrer Erbauung wegen stehen geblieben , ebenso die hohe , ungemein starke Mauer des Klostergartens , an der noch hie und da kolossale , von uralten Linden umrauschte Steinbilder verschiedener Heiligen unangetastet standen . Die Nacht brach heute früh herein . Ueber der Stadt hing ein dunkler Himmel voll schwerer Gewitterwolken . Kein Lüftchen regte sich , wohl aber quollen ganze Ströme von Blüthenduft aus allen Hausgärten in die stillen , schwülen Straßen . Es hatte eben neun geschlagen , als die Seejungfer in Magdalenens Begleitung vor Werner ’ s Hause erschien , um Jacob den verheißenen Besuch abzustatten . Der große Thorflügel war leicht angelehnt , aus der schmalen Spalte aber drang ein so heller Lichtstrim , daß die Seejungfer sich nicht entschließen konnte , diesen lichten Streifen eigenmächtig zu erweitern und ihre schüchterne Gestalt in der vornehmen Atmosphäre da drinnen beleuchten zu lassen . Allein Magdalene schob ruhig den Flügel zurück und folgte der schnell hineinhuschenden Muhme durch die große , gewölbte Hausflur nach der Hofthür . Ein gegenüberliegendes , erleuchtetes Bogenfenster im Erdgeschoß zeigte ihnen den Weg nach Jacob ’ s Wohnung . Die Gardinen waren nicht zugezogen und ließen den Einblick in die kleine , traute Häuslichkeit völlig frei . Der Alte stand vor der altväterischen Wanduhr und zog sie mit großer Sorgfalt auf , seine Frau saß still bei der kleinen , blanken Lampe am weißgescheuerten Tische und strickte . Neben ihr vor dem Sorgenstuhl mit der hohen , gepolsterten Lehne lag das aufgeschlagene Gesangbuch aus welchem Jacob vermuthlich das Abendgebet vorgelesen hatte . Die Gäste wurden freudig , aber auch mit Vorwürfen begrüßt , weil sie gar so spät kamen , und Jacob meinte , er kenne seinen Nachtraben , schon : das könne den Sonnenschein nicht vertragen und gehe nur bei Nacht um , wie ein Geist ; worauf ihm Magdalene erwiderte , daß sich die Muhme doch noch mehr vor dem Lampenschein fürchte , weil sie durchaus nicht in die hell erleuchtete Hausflur gewollt habe . „ Ja , heute ist ’ s aber auch ganz erschrecklich hell da drüben , es ist großer Thee bei der Frau Räthin . “ sagte Jacob und um seine Lippen spielte ein leichter Humor , der sein Gesicht oft so charakteristisch machte . „ Die Frau Räthin haben drei Tage lang Brezeln und Torten gebacken , Kapaune gebraten , gescheuert und Teppiche ausklopfen lassen , von denen kein Stäubchen kam , weil sie beinahe alle Tage durchgeprügelt werden … “ „ Jedes will seine Freude haben , “ sagte Jacob ’ s Frau neckend , „ und wenn die da droben das Fegen und das Wasser liebt , so bist Du kein Feind vom Bier – laß gut sein ! “ Mit diesen Worten stellte sie einen kleinen Steinkrug voll schäumenden Biers auf den Tisch und gab ihrem Mann dabei einen leichten Schlag auf die Schulter : sie standen nämlich sehr gut zusammen , die zwei alten Leute . Dann holte sie von einer altersschwarzen Eckconsole – Kaunröckchen genannt – drei schönbemalte Tassen , eine blanke Zuckerdose von Zinn und einen Teller voll Semmeln , lauter Vortruppen eines gemüthlichen Kaffees , der denn auch bald dampfend auf dem Tische stand . Magdalene hatte sich während dieser Vorrichtungen , bei denen Jacob ’ s Frau nicht unterließ , sehr lebhaft zu erzählen und der Seejungfer Fragen vorzulegen , wie ermündet aus ein niedriges Bänkchen nicht weit von des Alten Lehnstuhl gesetzt und starrte , das Kinn auf die Hand gestützt , unverwandt hinauf nach der gegenüberliegenden , glänzend erleuchteten Fensterreihe , deren Flügel der Schwüle wegen weit offen standen . Was siegt das junge Mädchen ? … Die weißen Vorhänge blähen sich im Nachtwind , der feucht und leise vorüber streicht ; denkt sie an die gewaltige Fluth , die an den heimathlichen Strand rauscht ? Fern , fern zieht ein Boot und die weißen Segel schwellen im Winde … oder taucht aus der Masse prächtiger Schlingpflanzen in der Fensternische das Vaterhaus im Süden mit seinen sonnbeschienenen Mauern und der niedrigen Thür , aus welcher die goldlockige Mutter mit den hellen , frommen Augen tritt ? … Droben auf einer hellen Wand , von dem blendenden Licht des