zu dick , voller Speisedunst . « Er ergriff die Wiege am Kopfende und winkte der Amme , die entgegengesetzte Seite aufzunehmen ; aber die Majorin legte selbst Hand mit an , und so trugen die beiden alternden Geschwister den neuen Träger des Wolframschen Namens – ihrem Familienbewußtsein und Dünkel nach ein Menschenkind , kostbar wie ein Königsohn – durch Küche und Hausflur , und die Amme folgte , hochmütig das fette Doppelkinn vorstreckend , breitspurig mit ihrem Strickstrumpfe . 4. Die Türen blieben offen , und Felix fühlte den lebhaften Wunsch , auch hinauszugehen und das » alte Falkennest « , aus dem der klägliche , kümmerliche Sproß da drüben schon jetzt mit seinen Spinnenfingerchen jeden Insassen anderen Namens stieß , auf Nimmerwiederkehr zu verlassen ... Von Neid und Mißgunst war keine Spur in der Seele des jungen Mannes ; er hatte im Gegenteil laut aufgejubelt bei der Nachricht , daß ein Wolfram geboren sei ; denn ihm war der Gedanke , einst auf dem Mustergut hausen zu müssen , immer ein verhaßtes Schreckgespenst gewesen . Freilich hatte er sich nicht träumen lassen , daß sich mit dem ersten Atemzuge des kleinen , mißgestalteten Burschen eine Wandlung vollziehen würde , die das Leben auf dem Klostergute geradezu unerträglich und ihn damit gewissermaßen heimatlos machte . Der Onkel hatte ihm eben noch die Rolle eines Überflüssigen zugewiesen , der in jede beliebige Ecke gesteckt wurde , wenn seine Anwesenheit den schwachen Nerven des Wickelkindes nicht zusagte . – So hart und streng der Rat den phantasievollen Knaben einst behandelt , dem angehenden jungen Manne gegenüber war er doch in den letzten Jahren rücksichtsvoller , gleichsam vertraulicher gewesen . – Felix stampfte in zorniger Scham mit dem Fuße auf – das hatte nicht ihm , seinem aufrichtig gemeinten Streben , seinen erworbenen Kenntnissen gegolten , wie er fest geglaubt ; es war die Rücksicht für den Einzigen gewesen , in dessen Adern noch Wolframsches Blut floß , die Achtung vor dem späteren Besitzer des Klostergutes . Nun schüttelte der Rat » das notwendige Übel « , den Lückenbüßer ab – in der seidenbehangenen Wiege lag sein eigen Fleisch und Blut – er trat wieder brüsk und herrisch auf , wie er einst mit dem fremden , jung einfliegenden Vöglein , dem armen » Kolibri « verfahren . Und die Mutter ? – Der Sohn zweifelte nicht an ihrer mütterlichen Liebe , wenn sie auch mit den äußeren Zeichen derselben kargte , wie beim Geldausgeben – sie verachtete jede lebhaftere Gefühlsäußerung als » geziertes Wesen « . Von dem Verstand und Charakter ihres Bruders hatte sie die höchste Meinung – seine unbeugsame Härte und Strenge gehörte zum Manne , wie der Ordnungssinn und die Häuslichkeit zur Frau – sie ging blindlings mit ihm . In bezug auf das Haus aber , dem sie entstammt , sollte sie geradezu spartanisch hart denken ; das Interesse ihres Sohnes käme erst in zweiter Linie , behaupteten die wenigen näheren Bekannten , die auf dem Klostergute verkehrten . Das vermeintliche Aussterben der länger als Jahrhunderte hindurch blühenden , hoch angesehenen Familie war ihr stets ein nagender Kummer gewesen ; sie hatte die kleinen , flachshaarigen Nichten nie geliebt , und für die Mutter , die ihnen das Leben gegeben , eine Art Mißachtung im Herzen getragen . Das wußte Felix so gut , wie er stets den tiefen Schatten beobachtet hatte , der über ihre Stirne hinzog bei der Bemerkung anderer , daß die Namen Lucian-Wolfram dereinst vereint dem Besitztum ihrer Familie vorstehen sollten – die unversöhnliche Frau gönnte diese Auszeichnung dem Namen dessen nicht , der » sie unglücklich gemacht hatte « ... Sie war mithin am wenigsten geeignet , die schlimmen Eindrücke , die ihr Sohn eben empfangen hatte , zu mildern , ihm im Hause des Bruders den Boden unter den Füßen wiederzugeben ... Aber wozu denn auch ? – Er brauchte und wünschte ja selbst diese ungastliche Heimat nicht mehr ! Der junge Mann , der eben noch in zorniger Aufwallung den Fuß zum Fortgehen auf die Schwelle gesetzt hatte , kehrte rasch zurück und trat an das Fenster der Wohnstube – trotzig und empfindlich durfte er jetzt nicht sein ; er war ja nicht zu seiner Erholung , wie er fälschlich geschrieben , sondern zu einer dringenden Besprechung gekommen . Eine heiße Angst machte ihm plötzlich das Herz heftig schlagen – er hatte sich in Berlin diese Unterredung bei weitem leichter gedacht ; jetzt , wo er die zwei ernsten , verschlossenen Gesichter auf dem streng einfachen Hintergrund eines bürgerlich geregelten Hausstandes wiedergesehen , erschien ihm sein Vorhaben riesengroß an Schwierigkeit . » Lucile ! « flüsterte er aufseufzend , und sein Blick irrte durch das laubbeladene Geäst der draußenstehenden Rüster , das die Spätnachmittagssonne hier und da in prangendem Maiengrün transparent aufleuchten machte . Und wie auf seinen Ruf hergelockt , schlüpfte über diesen goldgrünen Grund hin die geschmeidige Gestalt mit den lang über den Nacken rollenden Locken , jeden Nerv voll prickelnden , siebzehnjährigen Übermutes , die lieblich geschwungenen Lippen übersprudelnd von Tollheiten und Mutwillen – er fühlte die weißen , warmen Kinderarme um seinen Nacken verstrickt , fühlte das Wehen des blumenreinen Atems auf seiner Wange – und der ganze Rausch der Liebesseligkeit , der ihn seit Monden trunken machte , kam über ihn und gab ihm Kampfesmut und die Zuversicht seiner jugendlich idealen Lebensanschauung zurück . Unterdessen war die Majorin in die Küche zurückgekehrt ; sie hatte einen Brotlaib aus dem Schranke genommen und schnitt tüchtige Stücke für ein paar im Flur stehende Bettelkinder ab . Auch der Rat kam herein ; Felix hörte seinen festen Tritt auf den Steinfliesen der Küche ; er ging auf die Wohnstube zu , blieb aber plötzlich wie auf einen Ruck stehen . Das eine Küchenfenster stand offen , und draußen im Hofe sagte ein Tagelöhner zu der Magd , die eben mit einem Arm voll frischen Klees nach den Ställen ging : » Du , der Alte drüben im Schillingshofe