treppauf , in das gemeinschaftliche Wohnzimmer . » Liane , er ist schrecklich ! « schrie Ulrike auf , als die Thür hinter ihnen zugefallen war – und in einen Thränenstrom ausbrechend , warf sich das sonst so unerschütterliche ruhige Mädchen auf das Sofa und vergrub ihr Gesicht in den Kissen . » Still , still – mache mir das Herz nicht schwer ! ... Hast du es anders erwartet ? – Ich nicht , « beschwichtigte Liane , während ein bitteres Lächeln schattenhaft über ihr tieferblaßtes Gesichtchen glitt . Sie nahm die schöne Myrthenkrone vorsichtig aus dem Haare und legte sie in den Schrein , der bis dahin alle kleinen Andenken aus der Pensionszeit in sich geschlossen ... In wenigen Minuten war die Brauttoilette mit dem grauen Reisekleide vertauscht ; der runde , mit einem dichten grauen Schleier besteckte Hut wurde unter dem Kinne gebunden und die Hände glitten in die Handschuhe . » Und nun noch einmal zu Papa ! « sagte Liane gepreßt und griff nach dem Sonnenschirme . » Nur noch einen Augenblick – « bat Ulrike . » Halte mich nicht zurück – ich darf Mainau nicht warten lassen , « versetzte die junge Dame ernst . Sie umschlang die Schultern der Schwester und trat mit ihr über die Schwelle . Die sogenannte Marmorgalerie lag in der Bel-Etage und lief in der gleiche Richtung mit der drunten sich hinbreitenden Terrasse , auf welche der Gartensalon mündete . Die Schwestern durchschritten sie , umfangen von der tiefen Dämmerung , welche die festgeschlossenen Läden verbreiteten , in ihrer ganzen ungeheuren Länge bis an das äußerste Ende , wo das Tageslicht , dünn und gespenstig hereinschlüpfend , bleiche Reflexe in dem spiegelglatten , rötlich glänzenden Marmorfußboden weckte . Ulrike stieß den Laden geräuschlos auf ; alle die Porträts der geharnischten Männer mit dem feurig roten Schnurrbarte und den dräuenden Mienen blieben tief im Dunkel ; der volle Sonnenschein konzentrierte sich verklärend auf dem Bildnisse einer erwürdigen Greisengestalt , welche die volle weiße Hand auf den Tischteppich gelegt , vor einem braunen Samtvorhange saß . Das unschöne Wahrzeichen der Trachenberg , das rotflammende Haupt- und Barthaar , hatte sich hier in seiden-weiches Silber umgewandelt und lag voll und glänzend auf dem Scheitel und der Oberlippe . » Lieber , lieber Papa ! « flüsterte Liane und hob die gefalteten Hände zu ihm empor – sie war sein Stolz , sein Liebling , sein Nesthäkchen gewesen , dessen Köpfchen oft schlafend an seiner Brust gelegen und das er noch im schweren Todeskampfe mit der unsicheren Hand schmeichelnd geliebkost hatte ... Seitwärts dämmerte ein Frauenbild , eine hagere , steifgestreckte Gestalt ; ihre Schleppe umsäumte Hermelin ; auch die entblößten Schultern hoben sich spitz und gelb aus dem weißen Pelze , und auf der hohen Frisur saß ein feines Krönchen – das war Lianens Großmutter väterlicherseits , auch eine Prinzessin , aber aus einem kleinen souveränen Fürstenhause . In diesem steifgeschnürten Leibe hatte kein warmes Herz geklopft – die hellen kalten Augen stierten unbarmherzig auf die Enkelin nieder , die niedergeschlagen , mit thränenumflorten Blicke das alte Erbschloß verließ , um dem Glanze und Reichtume entgegen zu gehen . Sie reckte den dürren Arm mit dem elfenbeinbesetzten Fächer in die Tiefe der Galerie hinein , als wollte sie , mit dieser Bewegung über die Bilderreihe hingleitend , sagen : » Lauter Konvenienzheiraten , auserwählte Geschlechter , berufen nicht zum Lieben , wohl aber zum Herrschen bis in alle Ewigkeit ... « Und es klang , als gehe ein Flüstern von Lippe zu Lippe – es war aber nur der Zugwind , der hereinsäuselte und den erdentstiegenen Duft , den der Regen geweckt , bis hinunter an die uralten Holztafeln mit den Geharnischten trug ... Draußen auf der Terrasse wurde es aber auch lebendig von Männerschritten , die langsam wandelnd vom Gartensalon herkamen und erst am äußersten Ende in gleicher Richtung mit dem offenen Galeriefenster verstummten . Die Schwestern blickten verstohlen hinab . Baron Mainau stand an der Terrassenbrüstung und sah halb abgewendet in die Gegend hinaus – ein vollständig anderer als der kühle , gehaltene Bräutigam , der bei der Zeremonie pünktlich und tadellos seine Schuldigkeit gethan , nun aber auch mit sichtlichem Wohlbehagen alles abzuschütteln suchte , was seine stolze , aber auch feurig gewandte Erscheinung für Augenblicke gleichsam in eine Schablone gezwungen hatte . Er war vollkommen reisefertig und hatte sich eine Zigarre angebrannt , deren blaue Wölkchen bis hinauf in die Marmorgalerie stiegen . » Ich sage nicht › Schönheit ‹ – mein Gott , wie vieltausendfältig ist auch der Begriff ! « fuhr Freund Rüdiger fort , dessen etwas hohe , weiche Stimme schon während der Wanderung in einzelnen Lauten heraufgeklungen war – jetzt hörte man scharf und klar jede einzelne Silbe . » Nun ja , diese kleine Liane hat weder eine römische , noch eine griechische Nase – bah , ist auch gar nicht nötig – das Gesichtchen ist so unsagbar lieblich . « Baron Mainau zuckte die Achseln . » Hm , ja , « sagte er in unverkennbar persiflierendem Tone , » ein sittig und bescheiden Mägdelein von furchtsamem Charakter , mit schwärmerischen Mienen und blassen Veilchenaugen à la Lavallière – was weiß ich « – er brach wie gelangweilt ab und zeigte mit einer lebhaften Bewegung in die Landschaft hinaus . » Da sie ' mal her , Rüdiger ! Der Mensch , der den Rudisdorfer Park angelegt hat , ist wirklich ein genialer Kopf gewesen – effektvoller könnte doch der hochgelegene Renaissancebau da drüben nicht herausgehoben worden sein als durch diese wundervolle Buchengruppen . « » Ach was ! « versetzte Herr von Rüdiger geärgert . » Dafür habe ich nie Augen gehabt , das weißt du ... Ein schönes Frauenauge , ein schönes Frauenhaar – tausend noch einmal , war waren das für Flechten , die am Altare heute zu deinen Füßen lagen ! « » Eine etwas verblaßte Schattierung der Trachenbergschen Familienfarbe , « sagte Mainau leichthin . »