Mythologie und Weltgeschichte gefallen . Gerade über Lilli ’ s harmloser Spielecke hing ein größeres Gemälde , das in früheren Zeiten manchmal , namentlich bei hereinbrechender Abenddämmerung , ihr kindliches Gemüt mit panischem Schrecken erfüllt hatte . Es war ein Orest , den die Furien verfolgen . Mit flüchtigem Pinsel und einer gewissen Hast gemalt , war es auffallend verzeichnet in den Proportionen , Fehler , die den Eindruck des Bildes zu einem lächerlichen hätten machen können , wäre nicht der Kopf des Orestes gewesen ; aber dieses Gesicht hatte etwas Ueberwältigendes in seinem Ausdruck . Nicht das haarsträubende Entsetzen in den Zügen war es allein , was den widerstrebenden Blick des Beschauers immer wieder fesselte ; tiefer noch ergriffen die namenlos bittern Schmerzen der Reue , welche der sonst so ungelenke , steife Maler mit wahrer Meisterschaft diesem Antlitz aufgedrückt hatte . Kurz vor seinem Tode hatte Erich Dorn die Bilder eigenhändig hier aufgehangen . Er weilte gern und viel unter seinen Schöpfungen , und das letzte Wort , das er bei seinem plötzlichen Scheiden aus dieser Welt mühsam hervorgestammelt , war „ der Pavillon “ gewesen . Seine Frau betrachtete deshalb auch das kleine Gartenhaus wie ein heiliges Vermächtniß . Sie sah streng darauf , daß die Bilder genau so hängen blieben , wie die geliebte Hand sie geordnet hatte , und ihr Sohn , wie auch Tante Bärbchen , mußten ihr wiederholt versprechen , daß sie das Gebäude sammt seiner kleinen Gemäldesammlung vor dem Untergange behüten wollten . Daran dachte Lilli jetzt , als sie sinnend vor dem Orestesbilde stand . Sie begriff vollkommen , daß die Tante den Mann verabscheuen müsse , der sie zwingen wollte , ihr Gelöbniß zu brechen . Aber vielleicht , wenn die Hofrätin ihren Groll gegen die andere Linie der Dorn ’ s überwunden und dem jungen Nachbar ruhig vorgestellt hätte , weshalb sie die Erhaltung des Pavillons wünschen müsse , vielleicht wäre er da , trotz seiner Wildheit , doch von der Vernichtungsidee abzubringen gewesen . Dieser Gedankengang des jungen Mädchens wurde plötzlich unterbrochen durch ein Geräusch drüben im Garten des Nachbars . Sie hörte deutlich , daß mehrere Männer auf den Pavillon zuschritten und plötzlich Halt vor demselben machten . Durch die Lücken der Jalousie sah sie , wenn auch nur bruchstückweise , die Gestalt eines Arbeiters im Schurzfell und mit Handwerksgerät beladen . Neben ihm standen der Neger und noch ein Anderer in Livree . Was beabsichtigten sie ? „ Na , Ihr sollt sehen , “ sagte der Arbeiter lachend zu den Andern , „ ich werde ein Loch in das alte Nest machen , daß ihm das Lebenslicht bald ausgehen soll … Da wird ja wohl die Alte da drüben endlich merken , daß Herr von Dorn nicht mit sich spaßen läßt . “ In demselben Moment erdröhnte die Wandseite , an welcher der Orestes hing , unter einem furchtbaren Schlag . Lilli riß das Bild herab und zog die Bank , auf der die Puppengesellschaft residirte , tiefer in ’ s Zimmer . Fast unmittelbar darauf erfolgte draußen ein zweiter Anprall ; unter einem schrecklichen Poltern und Geprassel löste sich ein ungeheures Stück Lehmfachwerk und stürzte herein in [ 450 ] den kleinen Salon . Die undurchdringlichen Staubwolken , die zu gleicher Zeit aufwirbelten , nötigten das junge Mädchen , vor die Tür zu flüchten , aber nur für einen Augenblick wich sie , die Bilder mußten ja gerettet werden , ehe der Vandale draußen sein Zerstörungswerk fortsetzte . Sie war eben im Begriff , in das Zimmer zurückzukehren , als es von fern herüberklang : „ Halt , halt , es ist vorläufig genug ! “ Es war dieselbe Stimme , die gestern Abend den Neger in ’ s Haus berufen hatte , eine volltönende , männliche Stimme , der man es anhörte , daß sie gewohnt sei , zu befehlen . Ah , das war sicher der Blaubart gewesen ! Er schien das Werk seiner Rache in höchsteigener Person besichtigen zu wollen , denn ein rascher , fester Männerschritt näherte sich dem Pavillon … Sollte sie fliehen ? Nein . Sie war tief empört über die Gewalttätigkeit dieses Mannes , er sollte empfinden , daß er verachtet werde , daß Andere Ruhe genug besäßen , um seiner Brutalität und Anmaßung entgegenzutreten . Sie trat an den Tisch , der inmitten des Salons stand , stellte eine leere Kiste auf denselben und fing an , scheinbar höchst gleichmütig , das herumliegende Spielzeug einzupacken . „ Jacques , “ sagte die Stimme jetzt dicht hinter dem Fensterladen , sie klang in diesem Augenblick sehr streng und herrisch , „ ich hatte befohlen , daß man zuerst dies Fenster öffnen und sich überzeugen solle , ob nicht innerhalb der Wand sich irgend etwas befinde , das beschädigt werden könnte ; weshalb ist das unterblieben ? “ „ Ach , gnädiger Herr , “ entgegnete der Maurer an Stelle des zur Verantwortung gezogenen Dieners , „ was soll denn da drin sein ? Die Alte wird doch wahrhaftig nicht ihre Kostbarkeiten in der Rumpelkammer aufheben ! “ Es erfolgte keine Antwort ; statt dessen erschien eine Männergestalt in der Maueröffnung und sah herein . Unwillkürlich hob Lilli die gesenkten Lider . Da standen sie sich gegenüber , Auge in Auge , der fürchterliche Blaubart und die junge Dame , die plötzlich ihre ganze , bedeutende Dosis Trotz und Willensstärke nötig hatte , um in diesem wichtigen Augenblick nicht aus ihrer Heldenrolle zu fallen . Sie schalt sich innerlich „ ein ganz erbärmliches Menschenkind “ , weil sie nicht vermochte , den rebellischen Blutwellen zu gebieten , die unter jenem Blick ihr Gesicht überfluteten . Sie überredete sich , nur einen Moment flüchtig hinübergesehen zu haben , und wußte doch ganz genau , daß dort eine kräftig gebaute Gestalt von höchst eleganter Haltung stehe , daß ferner auf dieser Gestalt in der einfachen , braunen Joppe ein auffallend schöner , jugendlicher Männerkopf sitze mit Zügen , die allerdings