ihm , bis zu den nächsten Ferien ein Reisestipendium vom Minister , den ich kannte , zu erwirken und hielt , auch Wort , doch leider zog sich die Sache , wie alle derartigen Angelegenheiten , länger hinaus , als ich erwartete , und die erforderliche Summe traf erst nach Ablauf der Ferien ein . Hilsborn mußte sich also gedulden bis zu der nächsten Vakanz , es handelte sich freilich um ein halbes Jahr Aufschub , doch war ja damit nichts verloren . — Plötzlich heiratete Herr Gleißert die Tochter eines wohlhabenden Gastwirts und kam um Urlaub ein , da er eine Hochzeitsreise machen wollte . Der Urlaub wurde bewilligt und Gleißert war vier Wochen fort . Seltsamer Weise erhielt sein Freund während dieser Zeit keine Nachricht von ihm und als er zurückkehrte , bemerkten wir Alle , daß er uns nicht wissen lassen wollte , wo er sich die Zeit über aufgehalten . Wir dachten , er habe hiefür Privatgründe und forschten nicht weiter nach . Das Semester war um und Hilsborn be ­ gab sich nun auf die Reise nach Triest . Dort arbeitete er Tag und Nacht mit übermenschlicher Anstrengung . — Das Resultat seiner Forschungen fiel befriedigend aus und er kam zurück mit den Vorarbeiten für ein Werk , welches seinen Ruhm , sein Lebensglück begründen sollte und konnte . — Eines Tages , ich werde es nie vergessen , war er gerade bei mir , als der Buchhändler mir mehrere neue wissenschaftliche Schriften schickte . Hilsborn blätterte sie heiter und unbefangen durch , auf einmal wird er leichenblaß . Unter den Büchern befand sich eines von Gleißert , das seine Idee zum Gegenstand hatte . Ich war fast ebenso erstaunt und erschrocken wie Hilsborn ; es konnte kein Zufall sein , der zwei Menschen gleichzeitig auf einen so fern liegenden Gedanken geraten ließ , um so mehr , als Gleißerts gegenwärtiges Fach ihn nicht speziell auf Forschungen , wie die Hilsborns , hinwies . Nach langem , unverkennbarem Kampfe mit sich selbst ge ­ stand mir denn auch Hilsborn , daß er Gleißert seine Ideen mitgeteilt und sich von Anfang an oft und ausführlich mit ihm darüber besprochen habe , ohne daß dieser jemals auch nur die leiseste Andeutung fallen ließ , als habe er sich schon früher mit dem Gegenstände beschäftigt . Im Gegenteil begann er gerade damals eine Schrift über Fragen der Chemie , welche nie erschienen ist . So schwer sich auch der edle , arglose Mensch dazu entschloß , er mußte endlich an eine gemeine Betrügerei seines Freundes glauben , denn wir stellten Nachforschungen über Gleißerts Hochzeitsreise an und es zeigte sich , daß er in Triest gewesen war , daß er dort die von Hilsborn beabsichtigten Untersuchungen gemacht und mit einer auffallenden Eile den Druck des Werkes beschleunigt hatte . — Die äußere Tatsache einer nichtswürdigen Handlungsweise stand fest — und ebenso fest stand in uns Allen die moralische Überzeugung , daß Gleißert nicht selbst ­ ständig auf Hilsborns Idee geraten war , sondern sie gestohlen hatte ! — Ich zog ihn als damaliger Prorektor zur strengsten Verantwortung . Seine Verteidigung war schlau , aber keineswegs überzeugend oder beweisend . Ja , ein Hauptargument der Anklage vermochte er nicht abzu ­ leugnen , nämlich die höchst verdächtige Tatsache , daß er sich aus sogenannter Freundesfürsorge von Hilsborn hatte das Versprechen geben lassen , keinem Menschen dessen Entdeckung mitzuteilen , „ damit sie nicht gemißbraucht würde ! “ Er wollte also alleiniger Besitzer des Geheim ­ nisses sein , um nicht durch irgend einen Zeugen für Hils ­ borns Autorschaft des Diebstahls überführt werden zu können . — Ich frage die verehrte Gesellschaft “ , unterbrach sich der alte Herr in edler Entrüstung , „ ist bei diesen Tatsachen noch ein Zweifel an der Niederträchtigkeit des genannten Herrn möglich ? “ — „ Nein , gewiß nicht , Herr Geheimrat , gewiß nicht ! “ riefen Alle einstimmig . „ Nun “ , fuhr der Erzähler fort , „ so erging es auch uns ! Wir beschlossen sämtlich , den unglücklichen , um seine schönsten Bestrebungen und Hoffnungen betrogenen Hilsborn zu rächen . Wir hatten freilich keine gesetzlichen Waffen gegen Gleißert in der Hand . Unser plumpes , täppisches Gesetz straft wohl Nachahmungen und Fälschungen , aber dem Ideendiebstahl vermag es nicht auf seinen leisen Geistesspuren zu folgen . Der hungrige Bettler , der ein Brot nimmt , wird eingesperrt , aber der , welcher einem Menschen sein Bestes , Kostbarstes stiehlt , seinen eigenen schmerzgeborenen Gedanken , die Frucht jahrelangen Mühens , — der geht frei von dannen ! — Wir Professoren übernahmen es , das Gesetz zu ergänzen . Wir veröffentlichten die Sache in allen wissenschaftlichen Blättern — und reichten einstimmig beim Ministerium unser Ent ­ lassungsgesuch ein , da wir es nicht mit unsererer Ehre verträglich fänden , länger die Kollegen eines solchen Menschen zu sein . — Natürlich wurde Gleißert hierauf schimpflich entlassen und ihm die akademische Laufbahn dadurch für immer verschlossen . — Ich wurde bald darauf von Marburg wegberufen und seit ich Leibarzt des Königs und in der Hauptstadt bin , habe ich meinen ehemaligen Kollegen aus den Augen verloren . Hilsborn kränkelte seit der Zeit und starb wenige Jahre spater . Sein Sohn ist jetzt mein Adoptivkind . — Was aus Gleißert wurde , weiß ich nicht ! “ — „ Das kann ich Ihnen sagen “ , begann ein stattlicher Herr , der nach der Ähnlichkeit ein Bruder der Staatsrätin sein mußte . „ Ich kenne die Verhältnisse hier sehr genau , weil ich die Absicht habe , die Fabriken Hartwichs für meinen Sohn zu kaufen . Nach den Berichten des Schullehrers spielt der saubere Patron auch hier eine zweideutige Rolle . Es sei nicht zu leugnen , daß er durch seine Leitung und wichtige chemische Er ­ findungen den Wert der Fabriken seit seiner Ankunft um das Doppelte erhöhte , denn Hartwich sei ein sehr beschränkter Mensch , der nichts verstehe und