“ flüsterte sie leise , „ wir Beide haben uns lieb gehabt , sehr lieb , und wenn es auch nur eine kurze Zeit gewesen , da Du bei mir warst , vergessen habe ich sie nicht , und ich bin Dir treu geblieben bis heute . Daß das auch so kommen mußte mit Dir – so traurig ! Du lieber Gott im hohen Himmel , was thut man nicht alles erleben in dieser kurzen Spanne Zeit ! Es sind doch kaum ein paar vergnügte Jahre , die der Mensch hat ; dann kommt der Kummer scheffelweise . – Gott , was waren wir doch ein paar lustige Mädchen , meine Lisett und ich , und just wie wir dachten , es ist am schönsten in der Welt – da ging das Weinen an . Du lieber Gott , meine Lisett und mein guter alter Christian ! “ Sie nickte traurig mit dem Kopfe , denn vor ihren Augen tauchten zwei grüne , rasenbewachsene Hügel auf , da drüben im Schatten der Kirchhofs-Linden . Da flog ein blühender Fliederzweig durch das Fenster und fiel ihr gerade auf den Schooß . Neckisches Lachen tönte herauf . „ Na , wart ! Das ist die Liesel , “ sagte die Muhme , und ein schelmischer Zug verscheuchte die traurige Miene ; nun saß sie ganz still und drückte sich in den Sorgenstühl zurück . Gleich darauf tauchte ein Mädchenkopf mit dunklem Flechtenkranze vor dem Fenster auf und bog sich spähend hinein . „ Nicht da ! “ sagte sie wie ärgerlich ; dann schrie sie aber erschrocken auf , denn die Muhme machte in ihrem Stuhle eine schnelle Bewegung und fuhr dem Mädchen mit dem Fliederzweige sanft über das verblüffte Gesicht . „ Pfui ! Wie abscheulich , Muhme , mich so zu erschrecken ! “ „ Ei , was ! Wer wohl zuerst erschrocken war ? “ erwiderte die Alte . „ Warte , Du Bösewicht , willst wohl gar noch beleidigt thun ? “ Das Mädchen antwortete nicht darauf , sondern fragte : „ Sind Vater und Mutter schon zurück aus der Stadt ? “ „ Noch nicht ; wird auch wohl elf werden , Kindchen . Geh ’ ruhig schlafen ! Ich bleibe ja wach . “ „ Aber , Muhme , was denkst Du denn ? “ rief das junge Mädchen . „ An diesem wundervollen Abend ? Komm ’ doch ein bischen heraus , riech ’ doch nur ein einziges Mal , wie es duftet von all dem Flieder ! Du glaubst ja nicht , wie prächtig es in dem Garten ist . “ „ Ach , Kind , das ist nichts mehr für mich ; alte Leute sind bös jung machen ; es ist doch feucht draußen , und – meine dumme Gicht – aber bleib ’ Du nur draußen und genieß ’ den schönen Abend ! “ „ Dann , Muhme , komm ’ ich herein zu Dir . Darf ich ? Ich kann heute Abend nicht allein sein , um die Welt nicht . “ „ Nun , da komm ’ , Du närrisches Ding ! “ Das Köpfchen verschwand vom Fenster , und bald darauf öffnete sich die Stubenthür , und die schlanke hochgewachsene Mädchengestalt im hellen Kleide trat in ’ s Zimmer . „ Da bin ich , Muhme ! “ rief sie heiter und setzte sich auf ein Bänkchen zu Füßen der Alten . Der Mondschein fiel voll auf ein ovales Gesichtchen und zeigte ein paar wunderbar tiefe , blaue Augen , die wie bittend zu der alten Frau empor blickten . „ Muhme , “ sagte sie dann leise , „ erzähle mir heute Abend einmal etwas , bitte – “ „ Ei ! Soll ich einem großen Mädchen Märchen erzählen ? “ „ O , nicht doch ! Etwas aus deiner Jugend , Muhme . “ [ 690 ] „ Aus meiner Jugend ? Aber was denn nur ? “ „ Ach , Muhme , erzähl ’ mir einmal , wie es war , als Du – als Du Deinen Schatz zum ersten Mal gesehen hattest ! “ – „ Ei Du – neugierig Ding ! Alles zu wissen bist Du noch viel zu jung . Wozu soll ich Dir das erzählen ? “ „ Ich bin aber siebenzehn Jahr , Muhme , andere Mädchen haben dann längst einen Bräutigam , und – “ „ Ei , sieh ’ mal an ! Du möchtest am Ende gar auch schon Einen haben , – ei , ei , wenn ich das der Mutter erzähle – “ „ Das thu ' nur , Muhme ! “ rief lachend das junge Mädchen . „ Mutter hat mir erst neulich ach ! soviel Leinenzeug gezeigt und gesagt : ‚ Das ist Alles für Deine Aussteuer , Liesel . ‘ “ „ Na , das muß ich sagen ! Aber was wolltest Du ' wissen ? “ „ Du sollst mir einmal erzählen , wie es war , als Du Deinen Seligen zum ersten Male gesehen hast ? “ Die alte Frau erstaunte , und das Kind vor ihr sah mit den großen feuchtschimmernden Augen erwartungsvoll zu ihr empor . Es war so still rings umher ; nur das Brausen des Wassers , das über ’ s Wehr floß , klang in leisen einförmigen Melodien von draußen herein . „ Drei Lilien , drei Lilien , die pflanzet auf mein Grab ! “ sang eine frische Mädchenstimme dort unten im Garten . „ Da kam ein fremder Reitersmann und brach sie ab . “ Die Muhme hob den Kopf . „ Das ist die Dora ; wie sie singen kann , und hat erst heute Schelte bekommen ! Lieben und Singen läßt sich nicht zwingen . “ „ Ach Reitersmann , ach Reitersmann , laß Du die Lilien stehn ! Die soll mein Schatz , mein allerliebster Schatz noch einmal sehn , “ klang es wehmüthig feierlich durch den stillen Abend . „ Das