hat sie mich erst recht hochmütig angeschaut , dann hat sie gelacht und gesagt : » Kommen Sie morgen zu meiner Tante und holen Sie sich das Jawort , aber ohne Schußwaffe , Herr Graf . « Und dann hat sie mich noch einmal angesehen , daß ich beinah übergeschnappt bin , und ist mit der Frau Tante heimgefahren , und am andern Mittag , da bin ich halt der glücklichste Bräutigam geworden , wie Sie mich hier sehen . « Er lachte laut und froh bei dieser Erzählung und zeigte dabei ein Paar Reihen prachtvoller weißer Zähne unter dem schwarzen Schnurrbart . Der Baron lachte mit , und auch Frau v. Bendeleben lächelte dazu : » Jedenfalls ist die Art Ihrer Werbung neu und originell « , bemerkte sie , » und ich glaube , daß Sie meiner exzentrischen kleinen Tochter damit imponiert haben , Herr Graf . Sie liebt es , alles möglichst anders wie andere Leute zu betreiben . Wären Sie ihr schmachtend zu Füßen gefallen , oder hätten Sie ihr in ruhiger , überlegter Weise gesagt , daß Sie sie lieben , oder ihr einen wohlstilisierten vernünftigen Brief geschrieben – wer weiß , ob Sie schon am andern Tage der glückliche Bräutigam gewesen wären . « Der Baron stimmte ein , und der Graf schien sehr erfreut , sofort das Richtige getroffen zu haben . Sobald ich konnte , zog ich mich zurück unter dem Vorwande , Kopfschmerzen zu haben . Ich glaube , es war auch ganz recht , es gab ja noch so viel zu besprechen in der Familie , wobei ich nur störend gewesen wäre . Der junge Bräutigam wollte am folgenden Tage schon wieder abreisen , und so war die Zeit nur knapp bemessen . Oben in unserem traulichen Stübchen dachte ich über den heutigen Tag nach , ach , und es waren recht trübe , dumme Gedanken . Zuerst kam es mir vor , als wäre es recht lieblos von meinem Vater , daß er mir erst heute , nach gemachter Sache , seinen Entschluß , das Amt niederzulegen , mitgeteilt hatte . Dann sah ich wieder das höhnische Lächeln um den Mund des jungen Pastors und hörte endlich Kathrins derbe Strafpredigt . Mein Gott , wenn sie recht hätte , wenn Hanna sich auch bald verlobte , und ich müßte in die öde Heimat zurück ! Der Gedanke drängte sich mir heute zum zweiten Male mit aller Gewalt auf . Ich drückte meinen Kopf in die Kissen und weinte , als ob mir das Herz brechen müßte . Ich weinte mich schließlich in den Schlaf und träumte die wunderlichsten Geschichten , so daß Hanna , die ich nicht kommen gehört hatte , mich ganz ängstlich fragte , ob ich krank sei , ich spreche so sonderbares Zeug zusammen . In den nächsten Tagen hatte ich kaum Zeit , mich flüchtig an dies alles zu erinnern . Es gab nach der Abreise des Grafen Satewski sehr viel zu tun . Die Aussteuer für Ruth wurde von Frau v. Bendeleben mit dem ganzen Stolze einer glücklichen Mutter in Angriff genommen , auch wir durften nicht müßig sein . Die großen Truhen in der Wäschestube waren geöffnet und ganze Ballen der köstlichsten Leinwand wurden zerschnitten . In einer großen Stube arbeiteten sechs Näherinnen , und wir mußten helfen und wurden fleißig ermahnt : » Ihr könnt dabei etwas lernen . « Eine Zeitlang fuhren wir jeden Tag in die Stadt , gingen von Laden zu Laden und kehrten stets mit ungeheuren Paketen wieder heim . In unserem Stübchen im Turme lagen große Haufen feiner Zeuge , und Hanna und ich saßen mittendrin , unsere Arbeit an der Nähsäule festgesteckt , und bemühten uns , die feinsten Stiche zu machen . Draußen entfaltete sich der Frühling immer herrlicher , unsere Augen sahen über den Park hin , der im hellsten Grün schimmerte . Seitwärts lag das Dorf , und die Häuser leuchteten aus den blühenden Obstbäumen wie aus einem Meere von Schnee . Ich trällerte und sang bei meiner Arbeit mit den Vögeln um die Wette . Wenn aber das Wetter gar zu schön war , schlüpften wir in unsere Reitkleider , und dahin flogen wir durch die frühlingsduftigen Fluren . So kam die Zeit heran , wo Hochzeit sein sollte . Die mächtigen Kisten und Kasten waren bereits abgeschickt . Hanna hatte zu meinem Entzücken ihr Hochzeitskleid anprobiert und reizend ausgesehen , und an einem schönen Maimorgen stand ich auf der Terrasse und winkte mit dem weißen Tuche , und aus dem Reisewagen , der , mit vier Pferden bespannt , auf der Chaussee so rasch dahinrollte , wehten auch weiße Tücher . Ich sah ihm nach , bis die Bäume ihn meinen Blicken entzogen . Dann trocknete ich meine Tränen , die mir der Abschied von Hanna entlockt hatte , und ging ganz traurig in unser Zimmer . Es war mir ordentlich sonderbar , so allein zu sein , niemand zu haben , mit dem ich plaudern konnte . Und als alle Trostgründe , die ich mir selbst vorsagte , daß vierzehn Tage eine so kurze Zeit seien , daß Hanna ja versprochen hatte , immerfort an mich zu denken , nichts halfen und die Tränen sich mir immer von neuem wieder in die Augen drängten , nahm ich meinen Strohhut und ging nach meines Vaters Hause . Ich war selten in der letzten Zeit dort gewesen . Der Gedanke , den jungen Pfarrer anzutreffen , war mir peinlich . Ich hatte sogar an dem Sonntage , wo er feierlich als Pfarrer eingeführt worden , nicht die Kirche besucht , womit ich Kathrinens ernstlichen Zorn weckte . Ich hatte Mühe gehabt , sie wieder zu besänftigen . Das eigentliche Pfarrhaus lag dem Hause meines Vaters gegenüber . Ich war ganz erstaunt , als ich es heute sah , kaum wiederzuerkennen war es : sauber mit Ölfarbe angestrichen , blitzten die neuen , klaren Fenster so hell und freundlich , dahinter schimmerten schneeweiße