, die Stühle und die Portionen . Dort versammelten sich die Brüder vom Jammertal , um die Götter in den Staub zu schleifen und den Weltbau zu zerstören . Dorthin lenkte Daniel seine Schritte . Er kannte den liliputanischen Raum , er kannte die verhungerten Gesichter . Er kannte den Maler , der nie malte , den Schriftsteller , der nie schrieb , den Studenten , der nicht studierte , den Erfinder , der nichts erfand , den Bildhauer , der seine Kunst in einer Gipsgießerei verschwendete , den Schauspieler , der seit vielen Jahren auf Urlaub war , und das halbe Dutzend armselige Philister , die hierher kamen , um sich gruselnd zu ergötzen . Er kannte den jungen Freiherrn von Auffenberg , der aus Gründen , welche niemand wußte , mit seiner Familie zerworfen war , und Herrn Carovius kannte er , der stets den Beobachter zu spielen schien , geheimnisvoll dasaß , schmachtend und ironisch vor sich hinlächelte und mit der Hand über das lange Haar strich , das über dem Nacken in künstlichem Gleichschnitt endigte . Er kannte die von den Schultern abgeriebenen Stellen an den Wänden , die eingetrockneten Flecken auf der Politur der Tische , die Hirschhornknöpfe auf der Weste des Wirts und die rauchgeschwärzten Vorhänge an den winzigen Fenstern . Er kannte das Geschrei , die täglich sich wiederholenden Worte , die anarchistischen Windbeuteleien des Malers , den sie Krapotkin nannten , die philosophischen Zynismen des Studenten , der sich als Sokrates des neunzehnten Jahrhunderts fühlte und auf fünfundzwanzig verbummelte Semester wie auf ebensoviele siegreiche Schlachten zurückblickte . Die interessanteste Erscheinung war Herr Carovius . Er war ein belesener Mann ; auch auf die Musik verstand er sich gründlich , viele seiner Bemerkungen verrieten es . Er war ein Schwager von Andreas Döderlein , doch schien er diese Verwandtschaft nicht mit freundlichen Augen zu betrachten , denn sobald irgendwer von Andreas Döderlein sprach , verzerrte sich seine Miene , und er rückte zapplig auf seinem Stuhl herum . Er war eine undurchschaubare Persönlichkeit , und hätten ihm nicht schon seine Jahre eine gewisse Achtung verschafft , er war fünfundvierzig , so hätte es der boshafte Hohn getan , mit dem er die Menschen betrachtete . Die Leute sagten , er besitze viel Geld ; wurde ihm dies hinterbracht , so beteuerte er mit gräßlichen Eiden seine Armut . Aber da er keinen Beruf hatte und sich einem Müßiggang hingab , der geheimnisvoll wirkte wie alles an ihm , hielt man ihn in diesem Punkt , trotz der Eide , für unzuverlässig . » Wer ist denn der spindeldürre Quack dort ? « fragte Herr Carovius , auf Daniel deutend , den Bildhauer Schwalbe . Er kannte Daniel längst , doch behagte es ihm bisweilen , den Neuling zu spielen . Der Bildhauer sah ihn unwillig an . » Einer , der noch an sich glaubt , « erwiderte er finster . » Einer , der im Drachenblut der Illusionen gebadet hat und unverletzlich ist wie Jung-Siegfried . Er ist überzeugt , daß alle , die da ringsherum in ihren Häusern schlafen , von seiner künftigen Größe träumen und den Lorbeer für ihn schon beim Grünzeughändler bestellt haben . Er weiß nicht , daß ihnen nur ihr Mittagessen heilig ist , daß sie Bier trinken , wenn die Schalmeien erklingen , und gähnen , wenn der Sinai flammt . Er ist erfüllt von sich , das genügt ihm , und er sammelt Honig . Die Biene will nur Honig , und findet sie keine Blüten , so schwirrt sie um den Mist . Wie Figura zeigt . Prosit Nothafft , « schloß er und erhob sein Glas gegen Daniel . Herr Carovius lächelte schmachtend . » Nothafft , « meckerte er , » Nothafft ! Hübscher Name , aber nicht für Walhall , eher für das Firmenschild eines Schneiders . Hach , du lieber Gott ! Der Knochen , an dem jetzt die jungen Leute kiefen , ist zu meiner Zeit noch voll Fleisch gewesen . « Dann heftete er , den Zwicker fester auf die Nase setzend , seine Augen ehrfürchtig blinzelnd gegen die Tür , durch welche , elegant , schlank und mißvergnügt , der junge Eberhard von Auffenberg eintrat , der das Leben hier suchte , wo andere es wegwarfen . In später Nacht zogen die Brüder durch die Straßen und brüllten die stillen Häuser an . Während das Gelächter und sinnlose Streiten an sein Ohr drang , vernahm Daniel eine sanfte Stimme in Es-Moll , darunter schritten in gewaltiger Wucht unerbittlich die Achtel einher ; dann löste sich die Stimme in einen feierlichen Akkord in Es-Dur auf , und dann war alles wie in die Tiefe des Meeres versunken . 5 Gegen Ende des Sommers ereignete es sich , daß Philippine , Jason Philipps Tochter , ihrem siebenjährigen Brüderchen mit einem sogenannten Schnepper ein Auge ausschoß . Die Geschwister spielten im Hof , Willibald , der ältere Knabe wollte den Schnepper haben , Philippine , die keinen Spaß verstand , riß ihn roh aus seinen Händen , drückte den Stein auf das elastische Band , schnellte ihn mit ziemlicher Kraft ab , der kleine Markus rannte dazwischen , ein Schrei ließ die ahnungsvolle Mutter von ihrem Zahltisch in den Hof stürzen , sie sah , wie sich das Kind auf der Erde wälzte , Jason Philipp lief , während Therese den Knaben in die Wohnung hinauftrug , zum Arzt , aber es nützte kein Eingriff mehr , das Auge war verloren . Philippine hatte sich versteckt . Ihr Vater fand sie endlich unter der Kellerstiege . Er schlug sie so erbarmungslos , daß die Hausgenossen herbeieilten und ihm in die Arme fielen . Der kleine Markus war Thereses Lieblingskind . Sie konnte das Unglück nicht verwinden . Was in ihrem Gemüt schon lang geschlummert , wurde nun beharrlicher Wahn ; sie grübelte nach der Schuld . Bisweilen erhob sie sich des Nachts aus dem Bett , zündete die Kerze an