Mannes , der ihr Sohn war . Raspe überragte seine Mutter weit . Er trug seine hohe Gestalt mit einer gewissen stolzen Festigkeit , die sehr soldatisch und zuweilen ein wenig steif wirkte . Sein ernstes , offenes Gesicht bekam einen weichen Ausdruck , als er seine Mutter so schutzbedürftig fand . Der Sohn wußte ja : die Freundschaft mit dem bedeutenden Mann hatte seiner Mutter seelisch und geistig viel gegeben . Jetzt , aus dem leidenschaftlichen Vortrag des Erlittenen und der Lage , spürte er , daß diese Beziehung wohl einen noch viel größeren Platz im Leben seiner Mutter eingenommen habe , als er vermutet . Aber dieses Begreifen ließ nun keine Eifersucht mehr aufkommen . Er fand Worte der Verehrung und Dankbarkeit für den Verstorbenen . Und sah auch zugleich , wie man , ohne zu lügen , doch in durchaus begreiflicher Darstellung , der Familie alles erklären könne . Vollends leicht gestaltete sich die Sache , wenn der ältere Sohn des Geheimrats , der Dragoner , noch im Trauerhause weilte . Dann konnte Raspe als Kamerad zum Kameraden gehen . Glücklicherweise war Raspe auch in Uniform gekommen . Nun hieß es sofort handeln . Er schlug die Mappe in ein Papier , siegelte und ließ die Mutter darauf schreiben : Eigentum des Herrn Geheimrat Rositz . Und dann ging er . Sophie drückte ihre Stirn gegen die Fensterscheibe und sah unten , drüben auf dem Bürgersteig , den Sohn , der noch heraufgrüßte . Er ist wundervoll , dachte sie entzückt , ihrer alten Schwäche untertan , immer am begeistertsten von demjenigen Sohn zu sein , der gerade bei ihr war . In der Tat hatten die Söhne auch beständig alles getan , durch ihr Wesen und ihre Leistungen der Mutter das Leben zu erleichtern und zu verschönern ; sie durfte mit Achtung und Dankbarkeit an alle beide denken . Jetzt sann sie mit Rührung und Bewunderung über Raspe nach . Sie wußte , das Wort , das ein großer General einmal als Richtschnur für preußische Offiziere ausgesprochen hatte : Groß denken und klein leben ! - das war der Wahlspruch ihres Jungen geworden . Und wenn sie zuweilen über seine Anspruchslosigkeit und die Kleinheit der Zulage - er nahm nur das Nötigste - klagte , so wußte er ihr klarzumachen , daß sein Beruf nun einmal Entsagungen fordere und daß es auf einige mehr nicht ankomme . » Offizier sein « , sagte er , » heißt fortwährend große Opfer bringen . Das ist unser Stolz . Und vielleicht kommt bald einmal die Stunde , wo das Volk das wieder mehr würdigt , als jetzt in der langen Friedenszeit möglich ist . « Unterdessen ging Raspe Hellbingsdorf den Kurfürstendamm entlang , überschritt die Corneliusbrücke und kam durch die Friedrich-Wilhelm-Straße bis zum Tiergarten . Der Schnee , der seit gestern mittag bis heute früh unaufhaltsam gefallen war , machte die Straßenbilder glänzend und lachend . Der Tiergarten war ein weißes Feld , aus dem das dunkle Heer der Bäume starr und hart aufragte . In den Gabelungen der Aeste nisteten kleine Schneemengen . Wenn irgendeine Bewegung durch die Luft ging und die Zweige sacht anblies , rieselte weiße Streu herab . Das war alles so freundlich . Und Raspe ging höchst gelassen seinem Ziele zu . Er sah keinerlei Ursache , nervös zu sein . - Es war ein ungewöhnlicher , in mancher Hinsicht unerklärlicher Fall - nun ja . Aber unter ehrenhaften Menschen findet man sich auf Treu und Glauben auch in das Ungewöhnliche . Das war also das Rositzsche Haus . Vielmehr schon ein kleines Palais . Ein weißer , prunkvoller Barockbau , mit schwarzblauem Dach , auf dem die Nachmittagssonne grell gleißte . Dem Hochparterre war eine Terrasse vorgelagert . Ein wenig stieg der Weg von der Gitterpforte her an bis zum seitlichen Eingang , den ein Glasbaldachin schirmte . Der Bediente gab die Auskunft , daß Herr Leutnant Rositz allerdings noch nicht abgereist seien und sich zu Haus befänden . Raspe ermunterte den leisen , vornehm zögernden und wichtigen Menschen zu strafferer Beflissenheit , indem er etwas befehlshaberisch sagte , es handle sich um eine wichtige und dringliche Sache . Darauf verlor sich der Mann in Trauerlivree im Hintergrunde des breiten , mit dicken Teppichen und alten Truhen und Sitzbänken ausgestatteten Korridors . Es lag nicht in Raspes Gewohnheiten , den Reichtum anderer Leute zu bewundern und einer prächtigen Umgebung , falls sie nicht gerade sehr künstlerisch wirkte , Beachtung zu schenken . Er bemerkte kaum , wie kostbar hier alles war ; auch in dem Raum , in den man ihn führte und zwei Minuten zu warten bat , sah er sich nicht genau um . Es schien ein Festsaal . Die Breitseite mit den großen Fenstern an der Front des Hauses . Reiche Stuckwände , hellgrau und gold , vom Plafond eine riesige glitzernde Kristallkrone und gelbseidene Sessel an den Wänden hingereiht . In der Mitte unter der Krone ein Rundsofa , das von einer Marmorgestalt gekrönt war . Raspe spürte nur : dies schien ja eigentlich kein Raum für eine ernste , gemessene Unterhaltung . Er ging auf und ab . Die zwei Minuten waren lang . Aber der Diener hatte murmelnd , noch im Bann von Raspes Befehlshaberton und vielleicht auch der Uniform , angedeutet , daß gerade der Rechtsanwalt der Familie ... und wahrscheinlich Nachlaßsachen ... kurz , vorweg die zwei Minuten dehnbar gemacht . Die Sonne schien , die Kristalle der Krone blitzten , es gleißte die gelbe Seide des Rundsofas , geziert hob die marmorne Figur ihre Arme zum Haar empor , das in steinernen Strähnen ihre stumme Stirn kränzte ; der weiße Stein schimmerte körnig . Und Raspe ging auf und ab . Mit einem Mal öffnete sich eine der Flügeltüren , die einander gegenüber in den Schmalseiten des Saales standen . Eine junge Dame kam herein , in dem stumpfen Schwarz der neuen Trauerkleidung . Sie stand überrascht . Raspe machte große Augen .