Verlangen . Die bekannte innere Stimme rät mir dringend ab , es wieder mit einem Wohnort zu versuchen . Wohnorte eignen sich doch nie recht für mich , und ich eigne mich nicht für die Wohnorte , es gibt also nur Konflikte . Ich glaube , mir kommt alles im Leben immer zu provisorisch vor , und ich nehme es dann auch zu sehr in diesem Sinne . Vielleicht bin ich selbst eben nur provisorisch gedacht , nur entworfen . Es will mir manchmal so scheinen . Aber es ist wirklich zum Gottserbarmen , was ich da heute zusammenschreibe , und es wird besser sein , ich höre auf . Machen Sie sich deshalb um meinen Gemütszustand keine Sorge , es ist wohl nur die lange Retraite und der Abschied von der nassen Stadt , was mich so nachdenklich stimmt . Und trösten Sie sich , lieber Freund , daß ich einstweilen noch nicht auf der Bildfläche erscheine - vielleicht finden Sie inzwischen Yvonne - und wenn Sie gar nichts finden - kommen Sie mir nach . 10 Nun bin ich fort - die Regenstadt liegt in weiter Ferne , die Klosterpforte hat sich hinter mir geschlossen , bis zur nächsten Retraite - die Äbtissin ... die Äbtissin war sehr liebenswürdig und hofft - machen wir drei Kreuze hinter ihre Hoffnungen . Bahnhöfe und Hotelzimmer - ich bin sehr glücklich . Ein unschätzbares Gefühl : nicht hier und nicht da , sondern einfach fort zu sein . Daß ich den ersten Brief aus Venedig schreibe - Kopfschütteln Ihrerseits - Venedig ? - Was wollen Sie , mein Freund ; wieder einmal Schicksal , wieder einmal typisches Erlebnis . Nein , ich wollte auch gar nicht hierher , aber wenn ich nach Italien gehe , will ich regelmäßig nicht nach Venedig und komme regelmäßig doch hin . Erinnern Sie sich noch an das letzte Mal , als ich unerwartet und reisefertig zu Ihnen hinaufkam und Ihnen kundtat , ich müsse auf zwei Tage nach Brindisi fahren ? Es handelte sich um ein längstersehntes Wiedersehen , und das ließ sich durchaus nicht anders arrangieren als eben in Brindisi . Es sollte auch sonst niemand darum wissen , aber an der Bahn traf ich einen entfernten Bekannten , der in denselben Zug stieg . Tags zuvor hatte ich ihm mit vieler Mühe vorgeschwindelt , ich wollte nach Berlin fahren . - Nun fuhren wir zusammen bis Verona , und es half mir nichts - zur Strafe für den Schwindel mußte ich ihm versprechen : auf der Rückreise einen Tag Venedig . An diese Reise denke ich heute noch mit Vergnügen . Italien und ich flogen so einander vorbei , es hat mir noch nie so gut gefallen . Den Tag im Coupe , die Nacht im Schlafwagen - ein paar Stunden Rom , ein paar in Neapel , vierundzwanzig Stunden in dem gottverlassenen Brindisi - gerade genug für Wiedersehen und Abschied . Dann wieder Eisenbahn , Eisenbahn - übernächtig , glücklich und etwas wehmütig - irgendwann um Mitternacht in Venedig - auf dem Kanal , auf dem Markusplatz , im Hotel - mit dem entfernten Bekannten . Genau sechs Tage nach der Abfahrt saß ich wieder bei Ihnen und hab ' Ihnen zur Strafe recht wenig erzählt . Denn Sie mokierten sich weidlich über meinen Ritt ins romantische Land und hatten allerlei schwarze Verdächtigungen . Daß ich wirklich aus alter Treue - in der alten Treue bin ich immer stärker gewesen als in der neuen - in Brindisi war , daran glauben Sie ja noch heute nicht . Und diesmal geschieht Ihnen ganz recht , daß es nicht viel zu erzählen gibt - es ist kaum der Rede wert - nur die harmlose Geschichte vom roten Faden , die Ihre Sensationslust hoffentlich etwas enttäuscht . Die Geschichte vom roten Faden handelt nämlich nur von einem Erlebnis , das nie zustande kam . Ich muß etwas ausholen , denn die Anfänge der Begebenheit liegen schon um einige Jahre zurück , aber ich will es so kurz wie möglich machen . Wir waren damals , was man einen animierten Kreis nennt , und S ... , der Held meiner Geschichte , gehörte mit zu diesem Kreise . Ein Freund von ihm war mein sehr guter Freund , mit dem ich gerade auf Reisen gehen wollte . Man war noch mitten in den Flitterwochen . Wir brauchten volle zwei Monate , um endlich fortzukommen , derweil lebten und wohnten wir zwischen unzähligen Koffern , die immer wieder aus- und eingepackt wurden , zwischen Flinten , Sattelzeug und wissenschaftlichen Apparaten , die uns alle begleiten sollten , und feierten unaufhörlich Abschiedsfeste , denn jeder Tag konnte der letzte sein . Es war eine beständige Konfusion von Wohnungen , Hausschlüsseln und improvisierten Nachtquartieren , woraus sich viele schwierige und heitere Situationen und eine angenehm sündhafte Atmosphäre ergaben . Wir - S ... und ich - waren uns von Anfang an sympathisch und flirteten weidlich miteinander ; aber ganz in Ehren , der Sachlage angemessen . Man blinzelte sich gewissermaßen zu : jetzt nicht , aber vielleicht später einmal . Und dieses : später einmal - bildet den Inhalt der ganzen Historie . Ich ging auf Reisen und kam wieder zurück , man sah sich wieder , und inzwischen war verschiedenes anders geworden . S ... und ich setzten uns ins Einvernehmen , daß jetzt der Moment gekommen sein dürfte . - Aber es sollte nicht sein . Ich weiß nicht , wie oft wir schon beisammen saßen und trauliche Zwiesprache pflogen - jedesmal gab es eine gänzlich unvorhergesehene Unterbrechung . Wir gaben uns Rendezvous , duzten uns auch einmal schon acht Tage lang - immer wieder kam etwas dazwischen . Wir hatten schließlich das Gefühl , als ob das Schicksal - meines oder seines - uns durch Detektive überwachen ließe , die pünktlich im gegebenen Moment uns die Hand auf die Schulter legten : bis hierher und nicht weiter . Ich erinnere mich vor allem an einen Abend