, um die Meinung des berühmten und gefürchteten Mannes zu hören . Doch das Gesicht Feuerbachs zeigte einen so düsteren Ernst , daß niemand ihn mit einer Anrede zu belästigen wagte ; sein machtvolles Auge blickte brennend nach innen , die Lippen waren gleichsam aufeinander geballt , auf der Stirn lag eine von Nachdenken zitternde senkrechte Falte . Das Schweigen wurde vom Bürgermeister mit der Frage unterbrochen , ob Exzellenz nicht geruhen wolle , das Mittagessen in seinem Haus zu nehmen . Feuerbach dankte ; dringende Geschäfte nötigten ihn zu sofortiger Rückkehr nach Ansbach , entgegnete er . Darauf wandte er sich an Daumer , reichte ihm die Hand und sagte : » Sorgen Sie sogleich für die Übersiedlung des Hauser ; der arme Mensch braucht dringend Ruhe und Pflege . Sie werden bald von mir hören . Gott befohlen , meine Herren ! « Damit entfernte er sich in raschen , kleinen , stampfenden Schritten , eilte den Hügel hinab und verschwand alsbald gegen die Sebalderkirche . Die Zurückbleibenden machten etwas enttäuschte Mienen . Da sie alle überzeugt waren , daß der Scharfsinn dieses Mannes ohne Grenzen sei und daß kein andres als sein Auge das Dunkel durchdringen könne , welches über Untat und Verbrechen brütete , waren sie verstimmt über eine Schweigsamkeit , die ihnen beabsichtigt und planvoll erschien . Am Abend befand sich Caspar in der Wohnung Daumers . Der Spiegel spricht Das Daumersche Haus lag neben dem sogenannten Annengärtlein auf der Insel Schütt ; es war ein altes Gebäude mit vielen Winkeln und halbfinstern Kammern , doch erhielt Caspar ein ziemlich geräumiges und wohleingerichtetes Zimmer gegen den Fluß hinaus . Er mußte sogleich zu Bett gebracht werden . Es zeigten sich jetzt mit einem Schlag die Folgen der jüngst durchlebten Zeit . Er war wieder ohne Sprache , ja bisweilen ohne Gefühl des Lebens . Auf den ungewohnten Kissen warf er sich fiebernd herum . Wie jammervoll , ihn bei jedem Knacken der Dielen erschaudern zu sehen ; auch das Geräusch des Regens an den Fenstern versetzte ihn in aufgewühlte Bangnis . Er hörte die Schritte , die auf dem weiten Platz vor dem Haus verhallten , er vernahm mit Unruhe die metallenen Schläge aus einer fernen Schmiede , jeder Stimmenlärm brachte auf seiner eingeschrumpften Haut ein Zeichen des Schmerzes hervor ; und von Moment zu Momentvertauschten seine Züge den Ausdruck der Erschöpfung mit dem gepeinigter Wachsamkeit . Drei Tage lang wich Daumer kaum von seinem Bett . Diese Opferkraft und Hingebung erregte die Bewunderung der Seinen . » Er muß mir leben « , sagte er . Und Caspar fing an zu leben . Vom dritten Tag ab besserte sich sein Zustand stetig und schnell . Als er am Morgen erwachte , lag ein besinnendes Lächeln auf seinen Lippen . Daumer triumphierte . » Du tust ja , als ob du selbst dem Kerker entronnen wärst « , meinte seine Schwester , die nicht umhin konnte , an seiner Freude teilzunehmen . » Ja , und ich habe eine Welt zum Geschenk erhalten « , antwortete er lebhaft ; » sieh ihn nur an ! Es ist ein Menschenfrühling . « Am andern Tag durfte Caspar das Bett verlassen . Daumer führte ihn in den Garten . Damit das grelle Tageslicht seinen Augen nicht schade , band er ihm einen grünen Papierschirm um die Stirn . Späterhin wurden die Dämmerungszeit oder die Stunden bewölkten Himmels für diese Ausgänge vorgezogen . Es waren ja Reisen , und nichts geschah , was nicht zum Ereignis wurde . Welche Mühe , ihn sehen , ihn das Gesehene nennen zu lehren . Er mußte erst zu den Dingen Vertrauen gewinnen , und ehe nicht ihre Wirklichkeit ihm selbstverständlich ward , machte ihn ihre unvermutete Nähe bestürzt . Als er endlich die Höhe des Himmels und auf der Erde die Entfernung von Weg zu Weg begriff , wurde sein Gang ein wenig leichter und sein Schritt mutiger . Alles lag am Mut , alles lag daran , den Mut zu kräftigen . Das ist die Luft , Caspar ; du kannst sie nicht greifen , aber sie ist da ; wenn sie sich bewegt , wird sie zum Wind , du brauchst den Wind nicht zu fürchten . Was hinter der Nacht liegt , ist gestern ; was über der nächsten Nacht liegt , ist morgen . Von gestern bis morgen vergeht Zeit , vergehen Stunden , Stunden sind geteilte Zeit . Dies ist ein Baum , dies ist ein Strauch , hier Gras , hier Steine , dort Sand , da sind Blätter , da Blüten , da Früchte ... Aus dem dumpfen Hören heraus erwuchs das Wort . Die Form wurde einleuchtend durch das unvergeßliche Wort . Caspar schmeckt das Wort auf der Zunge , er spürt es bitter oder süß , es sättigt ihn oder läßt ihn unzufrieden . Auch hatten viele Worte Gesichter ; oder sie tönten wie Glockenschläge aus der Dunkelheit ; oder sie standen wie Flammen in einem Nebel . Es war ein langer Weg vom Ding bis zum Wort . Das Wort lief davon , man mußte nachlaufen , und hatte man es endlich erwischt , so war es eigentlich gar nichts und machte einen traurig . Gleichwohl führte derselbe Weg auch zu den Menschen ; ja , es war , als ob die Menschen hinter einem Gitter von Worten stünden , das ihre Züge fremd und schrecklich machte ; wenn man aber das Gitter zerriß oder dahinter kam , waren sie schön . Hatte es am Morgen neu geklungen , zu sagen : die Blume , am Mittag war es schon vertraut , am Abend war es schon alt . » Dies Herz , dies Hirn , zur Fruchtbarkeit aufbewahrt durch lange Zeiten , treibt wie vertrockneter und endlich befeuchteter Humus Sprößlinge , Blüten und Früchte in einer Nacht « , notierte der fleißige Daumer ; » was dem matten Blick der Gewohnheit unwahrnehmbar geworden , erscheint diesem Auge frisch wie aus