die individuell genommen , dem Europäer überlegen sind . Ursprünglich stammen sie ja gerade von jenen ab , denen es in Europa zu eng und unfrei war , von Leuten , die durch ihr Unabhängigkeitsgefühl in neue Welten getrieben wurden , wo sich ihre Persönlichkeit ungehemmt entfalten konnte . Diese ererbte Eigenschaft bildet den Grundzug der neuen Rasse , und es hat sich in ihr eine ganz andere Initiative und persönliches Verantwortungsgefühl ausgebildet , als im alten Europa . Vor allem anderen lernen die Amerikaner für sich selbst zu sorgen und sich nicht auf die Führung anderer zu verlassen . Eine Folge ihrer kräftigen Jugendlichkeit ist es , dass sie die politische Nervosität , an der man in Europa so oft leidet , noch nicht kennen . Die in manchen europäischen Ländern so beliebte Beschwichtigungsformel : » Lasst nur die anderen koloniale Gebiete erobern , sie werden schon dran verbluten « , ist den Amerikanern ganz fremd . Eine Auffassung , die ungefähr so klingt , als ob ein Eunuche sich damit trösten wolle , dass man durch Liebesaffairen mitunter in Unannehmlichkeiten geraten kann . Die Nordamerikaner dagegen haben vorläufig durch Verkündigung der Monroe-Doktrin ihren ganzen Erdteil für Tabu erklärt , sie möchten aber am liebsten diese Doktrin auf die ganze Welt ausdehnen , wobei sie besonders den fernen Osten im Sinn haben , seitdem sie dort Fuss gefasst haben . - Vorläufig spricht man in Amerika freilich nur von friedlicher , kommerzieller Expansion , aber Überraschungen kann es auf diesem Wege leicht geben , denn seit dem spanischen Krieg gibt es in Amerika eine Partei , die keine Scheu mehr vor europäischen Mächten kennt und sich allen ebenbürtig glaubt . Diese Leute würden bereit sein , es mit jedem aufzunehmen und , wie Mr. Bridgewater durchblicken liess , am liebsten mit dem , den sie für den gefährlichsten Konkurrenten halten . Mr. Bridgewater warf die Bemerkung hin , dass an England als möglichen Feind am wenigsten gedacht werde . Mit ihrer einstmaligen Mutter würden die Amerikaner am liebsten gemeinsame Sache machen , um eine Art politischen Riesentrust zu schliessen , zur endgültigen Regelung der Welt . Das ist das Weltzukunftsbild , wie es mir ein Amerikaner entwarf . Ich sende es Ihnen in jenes ferne Land , dessen urprosaische , enthusiasmuslose Söhne nur in den Sorgen der täglichen Gegenwart aufgehen und nie Spekulationen über die Zukunft anzustellen scheinen . Und doch könnten vielleicht gerade diese , allen Zukunftsgedanken so abgewandten Leute in der Weltzukunft ein grosser Faktor werden - - denn über uns allen steht das Schicksal , und es lässt Handlungen und Gedankenströmungen , einzelne Menschen und Völker oftmals genau den entgegengesetzten Zwecken nützen , denen sie ursprünglich dienen wollten . 12 New York , November 1899 . Lieber Freund ! Wir haben einen sehr angenehmen Abend bei Bridgewaters verbracht . Schon ihr Haus zu sehen , ist eine wahre Freude . Alle Räume sind mit individuellem Geschmack eingerichtet und mit viel schönen Dingen geschmückt , die Mr. Bridgewater und seine kunstsinnigen Töchter auf ihren Reisen gesammelt haben . Das Haus hat seine eigene Physiognomie , viel Erlebtes liegt darin und es bleibt uns in der Erinnerung , wie eine ausgeprägte Persönlichkeit . Der alte Mr. Bridgewater ist in diesem Hause geboren und bewohnt es jetzt mit Kindern und Enkeln - das ist in New York an sich schon eine Merkwürdigkeit . Nach dem O ' Doyleschen Fest war dieses Diner wie die Offenbarung einer anderen amerikanischen Welt - und beide Häuser liegen doch nur ein paar Blocks von einander entfernt ! Wir hören aber so viel von der amerikanischen Gleichheit reden , davon , dass der Präsident aller Welt die Hände schüttelt , dass wir leicht auf den Gedanken kommen könnten , die amerikanische Gesellschaft sei eine einzige gleiche Brühsuppe , aus der , als Klösse , nur etliche Vanderbilts herausragen . Aber ganz im Gegenteil . Die hiesige Gesellschaft zerfällt in zahllose verschiedene Koterien , die himmelweit von einander entfernt sind . Es sind ja alles Amerikaner , und gewisse Rasseneigenschaften werden sie wohl gemeinsam haben , aber zwischen der O ' Doyleschen und der Bridgewaterschen Koterie z.B. ist ein Unterschied , wie zwischen einem rohen Stück Rindfleisch und einem im Café Anglais servierten Tournedos à la Rossini . Und die Tournedos achten strengstens darauf , dass niemand von den Rindfleischens sich bei ihnen einschmuggele . Im Sinn für aristokratische Exklusivität , haben die Amerikaner uns Europäer vielleicht schon überflügelt . Ein jeder , der etwas auf sich hält , muss hier in der Wahl seines Umgangs auch deshalb selbst so streng sein , weil die Amerikaner niemand haben , der die nötige erhabene Stellung einnimmt , um einem anderen den allgemein gültigen sozialen Segen erteilen zu können . Ich hörte kürzlich eine Amerikanerin sagen , das sei in europäischen Städten , wo es Höfe gibt , so bequem , da könne man ruhig all die Leute kennen , die zu den kleinen , auserlesenen Hofgesellschaften befohlen würden ( nicht etwa zu den grossen Aufwaschefesten , da liefe zu vieles mit durch ) ; aber von denen , die auf der kleinen Liste ständen , könne man mit Sicherheit annehmen , dass sie sozial wünschenswert seien . Aber in Amerika gibt es kein offizielles soziales Haarsieb . Bei Mr. Bridgewater wird offenbar sehr fein gesiebt , und ich habe da angenehme Menschen getroffen . Ich glaube , die Gäste waren alle reich . Ich habe aber für diese Annahme nur den einen Anhaltspunkt , dass sie vieles als durchaus selbstverständlich ansahen , von dem ich weiss , wie schrecklich teuer es hier ist . Keiner von ihnen erwähnte Geld oder Geschäfte . Ich glaube , man könnte ihren » set « den der Geistesaristokratie nennen . Nur darf man in diesem Fall den Begriff Geistesaristokratie nicht mit Schlapphüten , übergeknöpften Manschetten und Smoking-Jacken am Vormittag in Verbindung bringen . Ich sass bei Tisch neben einem Mr. Anstruther , der zum Klub der vierzig amüsantesten Männer New