Und die kleine Josefine , eure Mama , war hungrig und durstig , denn sie hatte keine liebe Mutter . « » Warum nicht ? « erschrocken rückten die Kinder näher . » Weil sie gestorben war und ihre kleine Josefine allein gelassen hatte . « » Ach ! Und was tat die kleine Josefine ? « » Sie schrie den ganzen Tag , denn sie war durstig und hungrig , aber wenn jemand ihr Milch zu trinken geben wollte , dann drehte sie ihr Köpfchen weg und schrie noch ärger . Und die Leute sagten : die kleine Josefine trinkt nicht , sie wird sterben . « » O ! « Rösli schmiegte sich dicht an die Mutter . » Und wo waren wir , Mama ? « » Und es wäre vielleicht gut gewesen für die kleine Josefine , wenn sie damals gestorben wäre , denn sie mußte noch viel weinen , « sagte Josy , von Schwäche übermannt . Hermannli streichelte ihren Ärmel . » Mach es lustiger , Mama , mach die Geschichte jetzt lustiger . « » Ja , sie wird ganz lustig . Da kommt eine braune Bäuerin aus dem Dorf , mit einem lustigen bunten Rock und einem lustigen seidenen Tuch um die Schultern und mit roten Bändern im Zopf und sagt : Gebt mir die kleine Josefine , bei mir wird sie wohl trinken lernen . « » Ja , « sagte Rösli zufrieden , » mit roten Bändern im Zopf , das ist schön . « » Und sie nimmt die kleine Josefine in den Arm , steckt sie unter das bunte Seidentuch , lacht ihr zu und hätschelt sie und klingelt mit der silbernen Kette an ihrem Hals , und die kleine Josefine muß lachen ! « » Ja , sie muß lachen ! « lachten die Kinder . » Kannst du lachen , so kannst du auch Milch trinken , mein Schatzi , sagt die gute Bäuerin Nina , und richtig - die kleine Josefine dreht nicht mehr das Köpfchen weg , schreit nicht mehr , sondern trinkt ! « » Haha ! Wir haben auch eine Nina , Mama ! « » Und die kleine Josefine ist gerettet , denn die lustige Bäuerin ist ihre Amme geworden und hat sie so lieb wie ihre eigenen Kinder . Und die kleine Josefine wird groß , und die lustige Bäuerin wird alt . Ihre Kinder sind verheiratet , beim Großpapa in Chur führt sie die Wirtschaft . Sie hat aber eine Enkelin , und das ist Laure Anaise . Und nun , was geschieht ? Laure Anaise sagt : Ich will einmal die Josefine in Zürich besuchen , und Hermann und Rösli will ich auch besuchen . Lange will ich bei ihnen bleiben und alles mit ihnen tun . Wann die Stuben geputzt werden , will ich mit putzen helfen , und wann viel zu schaffen ist , will ich mit schaffen . Und wenn sie mich dafür lieb haben , will ich singen und ihnen auf der Zither vorspielen und mit Hermann und Rösli tanzen . Ist das nicht schön ? Sehr lieb werden wir Laure Anaise haben und keinen Augenblick vergessen , daß sie uns besucht und uns hilft . - Wie Mamas Schwester wird Laure Anaise sein - « » Wie Tante Adele ? « machte Hermann erschrocken . » Nein , nicht wie Tante Adele , bitte , Mama ! « rief Rösli . » Wie Tante Marie ? Tante Marie ist ziemlich hübsch , « forschte der Bub mit dem altklugen Gesicht . Die Mutter beruhigte sie . » Laure Anaise ist Laure Anaise , heißt nicht Tante , heißt Laure Anaise , hat eine Zither und lacht den ganzen Tag . « - Diese Nacht weinten die Kinder nicht im Schlaf , von unbewußten Schrecknissen geängstigt . Sie träumten von Laure Anaise , die mit ihnen lacht und springt , daß der schwarze Zopf mit dem roten Bande wackelt . Und am Morgen , als sie erwachten , war Laure Anaise gekommen und lachte wirklich und nickte ihnen zu , nickte bei jedem Wort , aber nichts verstand sie , denn sie war ein romanisches Kind und konnte wenig deutsch . In der Küche erklingt das Lachen und Zwitschern der Kinder , die Zither erklingt . Werden die zarten Klänge allmählich das dumpfe Grabgeläute übertönen , das unablässig , Tag und Nacht , durch dieses Haus dröhnt ? Werden die Frühlingsblumen den schwarzen Spalt verhüllen , dem Höllenqualm entsteigt ? Josefine sah es deutlich durch die geschlossenen Türen gehen , das Gespenst mit den verschleierten Augen , das sie verfolgte mit seiner Unbegreiflichkeit , mit seinen höhnenden , quälenden Rätselfragen . Ich war dein Gatte . Ich war Georges . Wer bin ich ? Wer ist das - Georges ? Bin ich der Mann , den du kennst ? Den du geliebt hast ? Dem du noch anhängst mit der Kraft der Erinnerung ? Der Vater deiner Kinder ? Der Mann , der deine Kinder liebte ? Bin ich dieser Mann ? Oder bin ich der Abschaum , der Verbrecher , der Ausgestoßene , vor dem alle guten Dinge der Erde fliehen , vor dem die Sonne ihr Gesicht verhüllt ? Das Scheusal , das die Menschen nicht unter sich dulden durften ? Der Angesteckte , der die Pest verbreitet ? Nein ! nein ! nein ! schrie es in ihrem zerspaltenen Herzen , ich kenne dich , Georges ! Du bist ganz Mensch ! Hab ich dich nicht oft gesehen , hilfsbereit , eilig , selbstverleugnend fortstürmen mitten in kalter Nacht ? um als Arzt Leidenden beizustehen ? Wie oft hab ich von dir Worte gehört , tiefe , warme , wenn du an den Bettchen unsrer Kinder standest ! Wie dientest du eifrig der Wissenschaft ! Wie wenig verlangtest du von den Menschen ! Wie nachsichtig war dein Spott ! Wie fröhlich war deine Weinlaune ! Hast du nicht angstvoll um mein