Ach , es ist doch viel , was ein Mensch zum Leben braucht , unglaublich viel . Man ist immer von neuem hungrig , und doch hätte man das Geld für soviel wichtigere Dinge nötig . Ich müßte mir so viele Bücher kanfen , ich habe ja so unübersehbar viel zu lernen , nachzuholen ! Ach , und wenn man doch Zeit kaufen könnte , das wäre noch schöner ! Nur ein paar Jahre nicht vom Flecke gehn , nicht älter werden , bis man ein bißchen klüger geworden ist . An welcher Stelle wird die zeit vergeben ? Wo soll ich darum bitten ? Manchmal überläuft ' s mich ganz heiß , wenn ich denke , wie ich ewig im Provisorium stecke , und ich sehe mich um , ob es den andern auch so geht . Und dann scheint mir : ja ! Unser Aller Leben ist ein Provisorium . Aber soll es so sein ? Soll das Leben vergehen , wie etwas Vorläufiges ? Immer bereiten wir uns vor ! Wozu ? Den Glauben an die Unsterblichkeit haben wir aufgegeben , aber nun betragen wir uns , als lebten wir ewig auf der Erde ! Ich nicht . Mir ist so angst oft . Aus allen Ecken ruft es : » schaffe so lange es Tag ist , es kommt die Nacht , da niemand wirken kann . « Der Ruf raubt mir den Schlaf . Und ich fahre auf , und - vertiefe mich in meine Bücher ! Was hilft es , daß ich ' s fast lächerlich finde , ich kann ja sonst nichts thun . Ich muß ja aufnehmen , nur immer aufnehmen , ich bin ja nur eine Elementarschülerin , von der hintersten Schulbank . 2. Dezember . Tage und Tage schon steht ein milchweißer Nebel über der Stadt und dem See , - eine reiche Schneesammtdecke überkleidet Wiesen und Weinberge . Dazu ein milchweißer Himmel , lautlose Stille , balsamduftende Frische . Kein Sonnenstrahl , kein Wind . Alles ganz wie in meinem Kopfe jetzt . Da ist ' s auch nebelig und still . Ein gedämpftes Zuwarten . Aber wenn nicht die Sonne irgendwo dahinter steckte , so wäre ja der Nebel grau und schwarz wie bei uns in Hamburg ! Nein , nein ! Wohl kommen Stunden , wo ich mich erschrocken umsehe und frage : wo ist meine große Freude geblieben ? Aber dann , auf einmal , ein interessantes Wort im Kolleg , ein weiter Gedanke , der mir ein großes dunkles Feld mit flüchtigem Blitzlicht erhellt , und ich erkenne alles , wie es ist . Meine schöne Freude ist nicht vergangen , sie hat sich nur in viele viele Perlen zerteilt , wie das Quecksilber , wenn man ' s ausgießt . Und die Perlchen verschlüpfen , verkriechen sich wohl in das einförmige weiße Gewebe des Tags ...... 20. Dezember . Jetzt kommen Weihnachtsferien , morgen ist zum letztenmal Vorlesung , Viele sind schon verreist . Es ist eigentümlich - ich stehe ganz so isoliert hier , wie ich immer in der Schule stand : Niemand spricht mit mir , und ich spreche mit niemand . Ich bin scheu , ich geniere mich , ich weiß ja nicht , ob es jemand gern sähe , wenn ich ihn anredete . Aber die Einsamkeit drückt mich zuweilen , und wenn ich es wagte , bäte ich wohl einmal jemand um Rat bei meinen Studien . Wenn ich es wagte ! Nein , sie sehn alle so sicher und sorglos aus - es geht nicht . Und die einzige Studentin , die mit mir hört , ist so eilig immer und grüßt nie , nicht einmal dazu nimmt sie sich Zeit . Das wäre doch Sünde , die noch zu stören . - Weihnachtabend . Ist es wirklich Weihnachtabend ? Kein Zeichen sagt es mir , außer dem dunklen Tannenkranz , den ich eben um dein geliebtes Bild gewunden habe , meine Mutter ! - Es ist im Hause wie alle Tage . In der Küche rasselt meine Wirtin mit Kesseln und Deckeln ; heute Morgen hat sie mir ihr Herz ausgeschüttet . Ihr Mann hat sich vor zwei Jahren das Leben genommen und zwar , wie sie sagt , um sie zu ärgern , denn die Versicherungsgesellschaft hat ihr nichts ausbezahlt , da der Mann durch Selbstmord geendet . Nun hat sie einen Prozeß und möchte von mir Rat wissen . Es war ein sonderbares Weihnachtsgespräch ; so entsetzlich abstoßend erschien mir diese Frau , die kinderlos und nicht ganz arm , mit funkelnden Augen , die lebendiggewordene Habsucht , von dem » schönen Gelde « und dem » schlechten Manne « sprach , der sich erhängt hatte , damit sie nichts bekomme . » Sie sagen noch , ich hätt ihn dazu getrieben , ich hätt ihn nicht gut behandelt , « krächzte sie , und ihr eigentlich hübsches Gesicht wurde zur Grimasse . Ich wollte , sie hätte mir das nicht erzählt ; sie ist mir ganz zuwider geworden , ich möchte so bald wie möglich ausziehn . - - Und nun sitze ich und lese im römischen Recht und lese vom Erbrecht ! Man kann es ja wohl bewundern , diese Subtilitäten alle , diese feinsten Ausgestaltungen des Eigentumsbegriffes , aber sich dafür begeistern , es schön und wünschenswert finden als die Grundlage der menschlichen Beziehungen untereinander - nein , das scheint mir unmöglich ! Ueberall zwischen den Blättern sehe ich habsüchtig , eigensüchtig funkelnde Augen , und Finger , zum Behalten , zum Greifen gekrümmt , strecken sich daraus hervor . Jeder Buchstabe krümmt sich zur Kralle . Ich mag nicht mehr ! Heut abend nicht . Ich muß das Buch zuklappen und meine Gedanken wandern lassen - es sind ja Ferien jetzt ! Das Fest der Liebe ! Ach , wo ist die Liebe ? » Jeder für sich ! Jeder für sich ! Jeder für sich ! « so hämmert '