Unterschrift blickend : Stephanie Sudenburg ! Also nur eine neue Einladung ! Mit Dank abgelehnt ! Selbstverständlich ! Nur daß der Brief für eine bloße Einladung ein wenig lang war ! Was also will man von mir ? Hochgeehrter Herr Professor ! Darf eine Gesellschaft junger Leute , die eben in strengster Heimlichkeit unter meinem Vorsitz bei uns tagt , sich in ihrer Rat- und Hilflosigkeit an Ihre bewährte Güte wenden und Sie bitten , Ihren Geist über ihr leuchten zu lassen ! Ich will Sie und mich nicht lange mit der Vorrede aufhalten und gleich zur Sache kommen . Heute über vierzehn Tage ist Papas - nebenbei sechzigster - Geburtstag . Es ist der lebhafteste Wunsch von uns Kindern und unsern Freunden , den Tag durch eine Festlichkeit zu feiern , von der wir annehmen dürfen , daß sie Papa ein Vergnügen bereiten wird . So weit sind wir alle einig ; aber es scheint , wir kommen ohne die Beihilfe eines superioren Geistes darüber nicht hinaus . Deshalb unser - wiederum einmütiger und einstimmiger - Appell an Sie . Raten Sie , helfen Sie uns ! Daß Sie es können , wissen wir alle ; daß Sie es wollen , daran zweifelt niemand . Wir geben uns ganz in Ihre Hand ; Sie werden an uns eine willige , gehorsame Gefolgschaft finden . Noch eines ! Da der liebe Papa in seiner grenzenlosen Bescheidenheit dergleiche Ovationen - so sehr er sich nachträglich daran freut - grundsätzlich ablehnt , sind wir willens , vielmehr gezwungen , wenigstens so lange als möglich unser Vorhaben vor ihm geheim zu halten . Ein häufiges Zusammenkommen der Verschworenen - das doch jedenfalls nötig sein wird , und ja auch eigentlich der Hauptspaß bei der Sache ist - würde ihm zweifellos auffallen . In dieser Verlegenheit hat sich Frau Hauptmann von Meerheim ( Mauerstraße 8 part . ) freundlichst erboten , uns bei sich aufzunehmen . Wie ich von der liebenswürdigen Dame erfahre , haben Sie , hochgeehrter Herr Professor , sowohl ihre als auch des Herrn Hauptmanns , wenn auch nur flüchtige , Bekanntschaft neulich auf unserm rout gemacht . Sie beide freuen sich sehr , Sie bei sich zu sehen und bitten mich , Ihnen ausdrücklich zu sagen , daß Sie von einer vorhergehenden Visite dispensiert sind . Wie hochwillkommen uns Ihre verehrte Frau Gemahlin wäre , im Falle sie an unsern Kindereien Geschmack fände , bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung . Unsere nächste Zusammenkunft ist auf morgen ( Sonnabend ) , 8 Uhr , abends anberaumt . Wir hoffen zuversichtlich auf Ihr gütiges Erscheinen ; speciell bitte ich um eine möglich umgehende Zeile , die uns unsere Zuversicht bestätigt . Die ich mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung und Bitte um Empfehlung an Ihre verehrte Frau Gemahlin bin Ihre ergebenste Stephanie Sudenburg . P.S. Frau von Sorbitz , die mir fortwährend über die Schulter sieht , verlangt die Hinzufügung , daß sie mit dem Inhalt dieser Kritzelei nicht nur völlig einverstanden sei , sondern das Verdienst beansprucht , als die erste in unserer Versammlung Ihren Namen genannt uns auf die absolute Notwendigkeit , uns Ihrer Hilfe zu versichern , hingewiesen zu haben . Als ob das nötig gewesen wäre ! Indessen will ich hiermit der Schmeichlerin , da sie gar so schön bittet , den Gefallen gethan haben . D.O. Albrecht hatte den in einer zierlichen Handschrift geschriebenen Brief in atemloser Hast durchflogen , bei dem Postskript hatten die Hände , die den Brief hielten , heftig gezittert . Also doch ! Er ließ das Blatt auf den Odyssee-Kommentar fallen , in welchem er , als das Mädchen eintrat , eine Notiz für die Lektion heute gesucht hatte ; sprang auf ; fing an , mit großen Schritten in dem kleinen Zimmer hin und her zu gehen ; blieb vor dem Spiegel stehen , um ein paar Momente höchst aufmerksam sein Gesicht zu betrachten und dann abermals seine Wanderung zu beginnen . Also doch ! Keine bunten Seifenblasen ! keine täuschenden Träume ! Was er in den großen stolzen Augen zu sehen geglaubt hatte , es war wirklich der Wiederschein des Feuers gewesen , das in seiner Seele brannte ! Denn von ihr allein ging dies aus - die Nachschrift , die köstliche Nachschrift bewies es ja deutlich ! Nicht für ein Königreich hätte er diese Nachschrift hingegeben ! Kein Mensch würde an ihn gedacht haben ; aber sie , sie hatte mit ihrer schönen , kühlen , weißen Hand die Gelegenheit bei der Stirnlocke ergriffen - die Gelegenheit , mit ihm wieder zusammen zu kommen , mit ihm wieder beisammen zu sein , nicht einmal ! wiederholt , eine vorläufig unabsehbare Reihe von Malen - man weiß ja , wie es bei dergleichen herzugehen pflegt ! wie unersättlich die Leute nach Proben und immer wieder Proben sind ! Eine kleine , weinende Stimme , die aus dem zweiten Zimmer neben dem seinen kam , ließ ihn den schon erhobenen Fuß wieder niedersetzen und verstört um sich blicken . Klara ! Wie sollte er ihr das beibringen ? plausibel machen ! Sie würde ihn auslachen ! Nein , auslachen nicht ! Sie nahm ja alles ernsthaft - Gott sei es geklagt ! Aber um so schlimmer ! Die gründliche Beweisführung , daß er ein Narr sei , wenn er sich darauf einließ , und den vornehmen Herrschaften abermals nach der Pfeife tanzte ! Er konnte ihr doch nicht sagen : nein , Schatz , diesmal liegt die Sache anders . Diesmal handelt es sich um - ja , großer Gott , um was denn ? Ja , um das ! Um das einzig und allein ! Darum , mir den Beweis zu führen , daß ich kein thörichter Knabe bin , der sich durch ein paar heuchlerisch gütige Blicke aus schönen Augen , ein paar schmeichelhafte Worte von Sirenenlippen um sein bißchen Verstand bringen läßt . Ja , Du tapferer Griechenheld , Du sollst mein Vorbild sein ! Würden die Menschen