nicht mit solchen Kleinigkeiten unsere Reform beginnen . Wir wollen nicht von unten nach oben , sondern von oben nach unten reformieren . Räumt man uns erst die gesellschaftliche Stellung des Mannes ein , dürfen wir ebenso im Gerichtssaal , auf dem Katheder wirken wie er , dann ergiebt sich alles andere von selbst . Abwarten . « Hildegard bestellte sich noch einen Teller Paradiesäpfel . » Ich denke , wir haben lange genug gewartet . Wenn die Frauen « setzte sie nachdenklich hinzu » wirklich überzeugt von dem Recht ihrer Ansprüche wären , würden sie nicht viel mutiger auftreten ? « Das junge Mädchen am Tische nickte . » Das kann ich nicht leugnen . Wir sind sehr feig . Als der Arzt , unter dem ich meine ersten Studien begann , mir eines Tages eine Liebeserklärung machte , blieb ich aus Angst fort , statt ihn gehörig abzukanzeln . « » Na hören Sie , wenn Sie von Feigheit reden , wer ist dann mutig unter uns ? « Fräulein Glanegg lachte , daß man ihre glänzenden Zahnreihen sah , und entgegnete nichts . Elvira winkte der Kellnerin . Man bezahlte . Dann erhoben sich die drei Damen . Vor dem Hause nahmen sie Abschied von einander . Fräulein Glanegg stieg in einen Pferdebahnwagen , und Hildegard schloß sich Elvira an , um sie zu ihrer Schule zu begleiten . » Ein hübsches Mädchen « sagte sie im Gehen . » Ja , nichtwahr ? « » Verkehrt sie auch bei Frau von Werdern ? « » Gott bewahre « rief Elvira , » die würde dort nicht geduldet werden . Unsere Emanzipierten halten sehr auf die gesellschaftliche Sauberkeit , das muß man ihnen lassen . Und Gott sei Dank ! Denken Sie nur , was würde es unserer Sache für Schaden bringen , wenn solche sogenannte interessante Existenzen sich daranhingen . « » Spielen Sie auf dies junge Mädchen an ? « Elvira blieb stehen und blickte Hildegard an . » Wissen Sie , ich für meinen Teil habe nichts gegen Fräulein Glanegg einzuwenden , aber - doch hören Sie . Es bleibt natürlich unter uns . Sie lebt mit einem zwanzig Jahre älteren Manne zusammen , der Vater von drei Kindern ist , und dessen Frau sich in den dürftigsten Verhältnissen befindet . « » Weshalb trennt er sich nicht von der Gattin , um die Glanegg zu heiraten ? « » Das ist ja eben das Unglaubliche an der Sache . Sie will nicht geheiratet werden . Sie ist für die freie Liebe . « » Das ist stark « meinte Frau Wallner , » und zu seiner Frau zurückkehren mag er auch nicht ? « » I wo ! Er liebt ja die Andere . « Hildegard schüttelte den Kopf . » So etwas begreife ich nicht . Es kommt mir einfach verrückt vor . « In diesem Augenblick fuhr eine elegante Equipage vorüber , aus der eine Dame Elvira gnädig zunickte . Die Lehrerin verneigte sich tief . » Frau von Kranbüchler , Eine unserer Hauptstützen . Nächsten Sonnabend werden Sie sie wohl bei Frau von Werdern treffen . Sie ist alle paar Abende da . « » Wer ist sie denn ? « » Eine sehr reiche , von ihrem Manne geschiedene Frau . Die Frauenbewegung ist ihr Schooßkind . « » Sie hat wohl keine andern Kinder ? « » Doch , sogar deren drei . Aber diese verfügen über Gouvernanten , Erzieherinnen , Bonnen , so daß die eigene Mutter wenig mehr für sie zu thun findet . « » Und da widmet sie sich der Frauenbewegung ? « » Jawohl . « » Aber dann ist es ihr ja bloßer Zeitvertreib , nichts anderes . « Elvira zuckte die Schultern . » Möglich . Jedenfalls ist ihr Geld , mit dem sie sehr freigebig umgeht , für unsere Sache gut zu gebrauchen . « Die beiden Frauen gingen eine zeitlang schweigend neben einander , dann meinte Hildegard : » Diese Glanegg verläßt meine Vorstellung nicht ; wissen Sie , im weitern Sinne gehört sie doch auch zu den Emanzipierten . Nur diese ganze Bewegung konnte ihr den Boden ebnen , auf dem sie jetzt geht . « » Das leugne ich nicht « meinte Fräulein Kampfmann , » aber sagen Sies nie im Salon der Frau von Werdern . Der bloße Name der Glanegg macht ihr unwohl . « Hildegard schüttelte den Kopf . » Ich finde mich in all diesem nicht zurecht . « Dann reichte sie Elviren die Hand hin . Sie waren vor der Schule angekommen . Frau Wallner setzte einsam ihren Weg fort . Sie spürte von Stunde zu Stunde eine immer größere Leere in sich wachsen . Etwas wie eine tiefe Beschämung bemächtigte sich ihrer . Sie mußte doch sehr naiv gewesen sein früher , - oder nein , eigentlich grenzenlos hochmütig , oder noch etwas anderes : borniert . Sie trat in eine Konditorei , die auf ihrem Wege lag , ließ sich eine Tasse Chokolade geben , und versank in Gedanken . Merkwürdig , früher hatte sie so wenig selbst gedacht . Immer mit den Gedanken Anderer . Beim Lesen von Büchern , in der Kirche , in der Gesellschaft ihrer Freundinnen . Alle möglichen Einflüsse hatten auf sie gewirkt , nur ihr eigenes Selbst hatte sie nie aufgefordert , sein Bekenntnis zu sagen . Wie wäre das auch möglich gewesen ? Als braves Kind wurde sie erzogen zu denken wie ihre Eltern , gute Kleinbürger , dachten . Dann kam sie zur Schule , wo ziemlich beschränkte Lehrerinnen , die im Plappern fremder Sprachen das Heil ihrer Schülerinnen sahen , ihre Erziehung leiteten . Dann geriet sie unter den Einfluß ihrer Freundinnen , tadelloser Gesellschaftsgänse , die keinen Schritt vom Wege thaten , aber auch keine Ahnung besaßen , was einen wirklichen Menschen ausmacht . Die ganze Ödheit des jungen wohlerzogenen Mädchens schmückte sie . Die Schablonenjungfrau , wie sie im