Da begann die Wassermaus zur Kröte : Warum gehen wir des Abends spöte Diesen steilen Berg hinan ? fügt aber hinzu : » Eigentlich ist ' s umgekehrt : die Kröte hat das Wort . Ja , zapple nur , Kröte , kleine Riesenkröte ! Diesen Abend sind wir noch in Deutschland , und deiner Mama Vereinigte Staaten von Nordamerika und sonstigen Herrlichkeiten können mir - kommen . « Wie Helene und Velten von den Müttern empfangen werden , habe ich nicht in den Akten ; was mich selber betrifft , so wird mein Vater wohl gesagt haben : » Endlich könnten diese Dummheiten wohl aufhören . Allotria auf dem Kirchhofe ! ... Und übrigens scheinst du mir auch seit längerer Zeit schon dich einer recht überflüssigen , wenn nicht schädlichen Leserei zu ergehen . Bleib bei deinen wirklichen Büchern und meinetwegen auch älteren Poeten : aber laß mir diese dummen Romane und sogenannten neueren Dichter aus dem Hause , mein Sohn . Nebenan da zur Vernunft zu reden hilft ja nicht : da laß ich den Narreteien allmählich ihren Weg : aber hier in meinen vier Pfählen bleibt Verstand Verstand , Sinn Sinn , Unsinn Unsinn und Schund Schund . Was ist deine Meinung , Adolfine ? « » Bis auf die Knochen muß der Junge durchweicht sein . Eine wahre Überschwemmung hat er mir in die Stube mitgebracht . Gott sei Dank , Kind , daß du wenigstens mit heiler Haut wieder da bist ! Mir beben noch die Glieder - das sieht schön aus im Garten nach dem Hagel und Gewitter . Geh jetzt hin und zieh dir was Trockenes an und vor allen Dingen Pantoffeln . « Habe ich mir so sehr Pantoffeln und so sehr » was Trockenes « nach dem Rat meiner armen , guten Mutter angezogen , daß man es mit Mißbehagen aus diesen Blättern mir anmerkt ? Ich glaube nicht . Was erzieht alles an dem Menschen ! Und wie werden mit allen anderen Hoffnungen und Befürchtungen Eltern-Sorgen und - Glücksträume zunichte und erweisen sich als überflüssig oder besser als mehr oder weniger angenehmer Zeitvertreib im Erdendasein ! Als ein wohlgeratener Sohn , als ein älterer , verständiger Mann , als wohlgestellter Familienvater , als » angesehener « , höherer Staatsbeamter erzähle ich heute weiter vom Vogelsang und teile zuerst mit , daß wir , wenn nicht die besten Lateiner und Griechen auf unserm illustren Gymnasium , so doch die besten Engländer waren . Der für diesen Unterrichtszweig vom Staate besoldete Oberlehrer und Doktor war , obgleich er ein ganzes halbes Jahr » in London gewesen war « , durchaus nicht schuld daran . Wir hatten das einzig und allein dieser » kleinen amerikanischen Krabbe « zu verdanken , die zuerst uns in den Vogelsang die verblüffende Offenbarung brachte , daß allerhand nichtsnutzige Sprachen nicht nur tot zu unserm Elend in den Grammatiken und in Büchern ständen , sondern wirklich und wahrhaftig lebendig seien und bei allerhand Völkerschaften außerhalb des deutschen Vaterlands tagtäglich im Gebrauch und um uns im Vogelsang zu » imponieren « . » Imponieren lasse ich mir nicht . Schlage mal auf im Lexikon : nasty « , sagte Velten , lange vor unseren Sekundaner-Mondschein- und -Gewitter-Abenden mit Heine , Geibel und Uhland in der Tasche und im Hirn und Herzen . » Boy heißt Junge , Bengel oder dergleichen , das weiß ich ; aber nasty boy hat das Balg zu mir gesagt und die Zunge herausgestreckt . Gib mir das Buch , wenn du es nicht finden kannst . « Er riß mir das Lexikon aus den Händen , fand das Wort , und - von da an bis zu Shakespeare , Byron und dem übrigen Groß und Klein ist wieder einmal nur ein Schritt gewesen . Als wir Primaner geworden waren , hatte Miss Ellen Trotzendorff sich zu einem allerliebsten , naseweisen , eigensinnigen deutschen Backfisch herausgewachsen , aber ihr Englisch oder Amerikanisch so ziemlich vergessen : wir aber konnten es . Velten ausgezeichnet , ich mittelmäßig , doch auch vollkommen genügend für ein rühmliches Schulabgangszeugnis in dieser Hinsicht . Mistress Trotzendorff , die mit ein paar angelernten Phrasen von New York herübergekommen war , blieb bei denselben : übrigens wuchs sie sich , wie der Vogelsang sagte , im Laufe der Jahre allgemach aus einer armen Person , die für ihre Kümmernisse nichts konnte , zu einer kompletten Närrin heraus . Und obgleich sie auch dafür eigentlich nichts konnte , so ließ der Vogelsang hier doch keine Entschuldigung gelten , ausgenommen die Nachbarin Andres , die mitleidig und geduldig bei dem Wort blieb : » Die arme Agathe ! « - Jawohl , wir hatten alle unsere Not mit der » armen Agathe « : jeder auf seine Weise . In der besten die Frau Doktor Andres , in der schlimmsten des wirklich armen Weibes eigenes Kind . Was für eine Närrin wäre das geworden , wenn nicht der Vogelsang in allen seinen Nuancen , Schattierungen und Abschattierungen um es herum gewesen wäre ? Welche Bilder und Gedanken steigen mir da auf , wie ich wieder den Brief in die Hand nehme , den mir Helene Trotzendorff , verehelichte Mungo , aus Berlin geschrieben hat und der mich dazu gebracht hat , diese Blätter mit meinen Lebenserinnerungen zu füllen ! Während wir , Velten und ich , wie letzterer sich ausdrückte , unsern Stiefel fortgingen , wuchs unsere Kleine auf wie eine gebannte , verzauberte Prinzessin aus dem Märchenbuch der Brüder Grimm . Sie war klug und schön und wurde immer klüger und immer schöner ; aber sie hatte in Lumpen zu gehen und im wilden Walde im bloßen Hemde zu irren , auf bloßen Füßen Wasser zu holen für die Küche und die goldenen Haare auf der Heide als Gänsemädchen zu strählen . Und leider war sie in ihrer Verzauberung im Vogelsang nicht so geduldig wie die ins Elend geratene Königstochter der lieben Sage . In den Bäumen am Osterberge saß sie wohl auch