? Bist du mir böse ? « » Ach , Kind ! « Die Kleesberg umschlang mit beiden Armen das Mädchen und küßte ihm die Wange so zärtlich , wie nur eine bekümmerte Mutter ihr Kind zu küssen vermag . » Wie kann ich dir böse sein ? Ich hab ' dich lieb . Und habe nur dich . Wir beide brauchen uns . Ich bin deine Mutter , du bist mein Kind ! « Sie betraten den Park , und klirrend fiel hinter ihnen das hohe , schmiedeeiserne Tor ins Schloß . Es hallte unter den Bäumen , und ein ungestümes Flattern und Gerüttel ließ sich vernehmen . Eine breite Allee , von alten Ulmen halb überdacht , führte in gerader Linie zum Schlosse . Blumenduft und Heugeruch erfüllten die Luft . Inmitten der Allee weitete sich ein großes Kiesrondell , auf dem sich ein mächtiger , aus Eisenstangen und grobem Drahtgeflecht gebildeter Käfig erhob . Er barg die sieben Steinadler , die Graf Egge im Laufe mehrere Jahre als halbflügge Vögel aus ihren Nestern gehoben . Während Kitty und Tante Gundi vorüberschritten , begann im Käfig ein grauenhafter Spektakel . Gleich schwarzen Schatten huschten in der Dämmerung die aus ihrer Ruhe aufgescheuchten Adler durcheinander ; fauchend und mit gellenden Schreien warfen sie sich gegen das Drahtgeflecht und rüttelten an ihrem Kerker ; unter dem Klatschen der Flügelschläge hörte man das Knirschen des Drahtes , wenn die scharfen Fänge in das Flechtwerk griffen . Tante Gundi beeilte sich , an dem Käfig vorüberzukommen . » Eine merkwürdige Liebhaberei , das ! « grollte sie . » Dieser Aasgeruch , mitten zwischen den Rosenbeeten ! Pfui ! « Kitty schwieg ; diese Vögel waren eine Freude ihres Vaters , eine lebendige Trophäe seines kühnen Jägermutes . Aus dem Schlosse fiel schon der Lichtschein einzelner Fenster in die Allee . Nun zeigte sich ein weiter , fein besandeter Platz mit Blumenbeeten , exotischen Gewächsen und einer plätschernden Fontäne , von deren hohem , gleich mattem Silber leuchtendem Strahl ein feiner Staubregen gegen die finsteren Bäume dampfte . In der Tiefe des Platzes erhob sich Schloß Hubertus , eine Mischung von gotischem Kastell und moderner Villa . Man sah es auf den ersten Blick : hier wohnte ein großer Jäger vor dem Herrn . Über jedem Fenster war ein mächtiges Hirschgeweih an der Mauer befestigt - eine Sammlung , anzusehen wie eine riesige , die Geweihbildung aller Hirschgattungen demonstrierende Wandtafel ; hier hing der konfuse Hauptschmuck des lappländischen Renntiers , die wuchtige Schaufel des schwedischen Elchs , der stämmige Schlag der böhmischen Wälder , das Zentnergeweih des amerikanischen Wapiti , der Urhirsch aus der Bukowina , das massige Kronengeweih des Bakonyerwaldes , die gefingerte Schaufel des Dambockes , der weichlich gezeichnete Hauptschmuck des gefütterten Parkwildes und das schlanke , schön verästelte Geweih des stolzen Edelhirsches der deutschen Berge . Jede dieser Trophäen hatte Graf Egge auf seinen Jagdreisen mit der eigenen Kugel gewonnen , unter jedem der Geweihe war ein weißes Täfelchen angebracht , auf dem die Heimat des Hirsches und der Tag verzeichnet standen , an dem das Wild gefallen . Jetzt verschleierte tiefe Dämmerung diese stolze Jägerchronik , und wie ein Gewirr von dürren Ästen starrten die hundert Enden aus der Mauer . Lichtschein fiel aus der offenen Tür über die steinerne , von wildem Wein und Jerichorosen umrankte Veranda , zu der drei breite Stufen emporführten . Als Kitty und Tante Gundi die Veranda betraten , kam ihnen ein junger Diener entgegen , der sich besorgt erkundigte , ob die Damen nicht ins Gewitter geraten wären . » Nein , Fritz , « sagte Kitty , » wir kommen trocken nach Hause . Wo ist mein Bruder ? « » Der Herr Graf arbeiten in seinem Zimmer . « Durch einen breiten Flur , dessen Wände von den Steinfliesen bis zur Decke mit Jagdtrophäen aus aller Welt bedeckt waren , eilte Kitty zur Treppe . Auch hier im Treppenhaus wie in den Korridoren des oberen Stockes hing Geweih neben Geweih an allen Wänden . Kitty öffnete eine Tür und schob das Köpfchen durch den Spalt . » Stört man nicht ? « » Komm nur ! « erwiderte eine ruhige Männerstimme . Das matte Licht einer mit chinesischem Schirm bedeckten Studierlampe füllte den nicht allzu großen , einfach möblierten Raum . Bücher , Zeitungen und Broschüren lagen , da es an Schränken fehlte , überall umher , auf dem Tisch , auf allen Stühlen . Der große Schreibtisch war von einem Ringwall dicker Bände umzogen , so daß für Lampe , Tintenzeug und Aktenmappe nur ein kleiner Raum verblieb . Man glaubte sich in dem Zimmerchen eines fleißigen Studenten zu befinden , der vor dem Examen steht . Aber Graf Tassilo , Kittys ältester Bruder , hatte die Schuljahre längst hinter sich . Er nahm den Schirm von der Lampe und erhob sich : eine schlanke , vornehme Gestalt mit einem energischen Kopf , einem scharfgeschnittenen Gesicht und einem Knebelbart , wie König Ludwig II. ihn zu tragen pflegte . Die Härte der Züge , die Tassilo vom Vater hatte , wurde gemildert durch den ruhigen Glanz der Augen , die den Augen der Schwester glichen . Man konnte lesen in diesem Gesicht und Blick : da steht ein Mensch , der mit sich im klaren ist und weiß , was er will ; eine starke , zähe , an Arbeit und Selbstbeherrschung gewöhnte Natur mit warm fühlendem Herzen . Aber es mochten schwere Kämpfe gewesen sein , in denen er das sichere Gleichgewicht seines Lebens gewonnen ; das verriet die tiefgeschnittene Furche zwischen den Brauen . Graf Tassilo stand im dreißigsten Jahr , doch hätte man ihn wohl um einige Jahre älter geschätzt . Herzliches Wohlgefallen leuchtete beim Anblick der Schwester aus seinen Augen . Wie das lichte Figürchen auf ihn zugeflattert kam , das war auch , als wehte ein frischer Frühlingshauch in die ernste Stube . Kitty umschlang den Bruder . » Guten Abend , Tas