Minute konnte mich zur Witwe gemacht haben ... Und ich fing vor der Thür zu weinen an . - Das war die richtige Verfassung für solch traurigen Besuch . Ich klingelte . Niemand kam . Ich klingelte ein zweites Mal . Wieder nichts . Da streckte jemand bei einer anderen Flurthür den Kopf heraus : » Sie läuten umsonst , Fräul ' n - die Wohnung ist leer . « » Wie ? ist Frau v. Ullsmann fortgezogen ? « » Vor drei Tagen in die Irrenanstalt überführt worden . « Und der Kopf war hinter der zufallenden Thür wieder verschwunden . Ein paar Minuten blieb ich regungslos auf demselben Flecke stehen und vor meinem inneren Auge spielten sich die Szenen ab , die hier stattgefunden haben mochten . Bis zu welchem Grade mußte die arme Frau gelitten haben , bis daß ihr Schmerz in Wahnsinn ausbrach ! » Und da wollte mein Vater , daß der Krieg dreißig Jahre währte - für das Wohl des Landes ... wie viele solcher Mütter mußten da noch im Lande verzweifeln ? « Aufs tiefste erschüttert ging ich die Treppe herab . Ich beschloß , noch einen anderen Besuch bei einer befreundeten jungen Frau abzustatten , deren Gatte gleich dem meinen auf dem Kriegsschauplatz war . Mein Weg führte mich durch die Herrengasse an dem Gebäude - das sogenannte Landhaus - vorbei , wo der » patriotische Hilfsverein « seine Büreaus untergebracht hatte . Damals gab es noch keine Genfer Konvention , kein » Rotes Kreuz « , und als Vorbote jener humanen Institutionen hatte sich dieser Hilfsverein gebildet , dessen Aufgabe es war , allerlei Spenden in Geld , Wäsche , Charpie , Verbandszeug u.s.w. für die armen Verwundeten in Empfang zu nehmen und nach dem Kriegsschauplatz zu befördern . Von allen Seiten kamen die Gaben reichlich geflossen ; ganze Magazine mußten zur Aufnahme derselben dienen ; und kaum waren die verschiedenen Vorräte verpackt und fortgeschickt , da türmten sich wieder neue auf . Ich trat ein ; es drängte mich , die Summe , die ich in meiner Geldbörse trug , dem Komitee zu überreichen . Vielleicht konnte dieselbe einem leidenden Soldaten Hilfe und Rettung bringen - und dessen Mutter vor Wahnsinn bewahren . Ich kannte den Präsidenten . » Ist Fürst C. anwesend ? « fragte ich den Portier . » Im Augenblick nicht . Nur der Vizepräsident Baron S. ist oben . « Er zeigte mir den Weg nach dem Lokale , wo die Geldspenden abgegeben wurden . Ich mußte durch mehrere Säle gehen , wo auf langen Tischen die Pakete an einander gereiht lagen . Stöße von Wäschestücken , Cigarren , Tabak - und namentlich Berge von Charpie ... Mir schauderte . Wie viel Wunden mußten da bluten , um mit so viel gezupfter Leinwand bedeckt zu werden ? » Und da wollte mein Vater , « dachte ich wieder , » daß zum Wohle des Landes der Krieg noch dreißig Jahre dauere ? Wie viel Söhne des Landes müßten da noch ihren Wunden erliegen ? « Baron S. nahm meine Gabe dankend in Empfang und erteilte mir auf meine verschiedenen Fragen über die Wirksamkeit des Vereins bereitwilligst Auskunft . Es war erfreulich und tröstlich zu hören , wie viel des Guten da geschah . Soeben kam der Postbote mit eingelaufenen Briefen herein und meldete , daß zwei Schubkarren voll Sendungen aus den Provinzen abzugeben seien . Ich setze mich auf ein im Hintergrund des Zimmers stehendes Sofa , um das Hereintragen der Pakete abzuwarten . Dieselben wurden jedoch in einem anderen Raume abgegeben . Jetzt trat ein sehr alter Herr herein , dem man an der Haltung den einstigen Militär ansah . » Erlauben Sie , Herr Baron , « sagte er , indem er seine Brieftasche hervorzog und sich auf einen neben dem Tische stehenden Sessel niederließ , » erlauben Sie , daß auch ich mein kleines Scherflein zu Ihrem schönen Werke beitrage . « Er reichte eine Hundertgulden-Note hin . » Ich betrachte Sie alle , die Sie das organisiert haben , als wahre Engel ... Sehen Sie , ich bin selber ein alter Soldat ( Feldmarschall-Lieutenant X. schaltete er , sich vorstellend , ein ) und kann es beurteilen , was für eine enorme Wohlthat den armen Kerlen geschieht , die sich dort schlagen ... Ich habe die Feldzüge von anno 9 und anno 13 mitgemacht - da hat ' s noch keine » patriotischen Hilfsvereine « gegeben ; da hat man den Verwundeten keine Kisten voll Verbandzeug und Charpie nachgeschickt . - Wie viele mußten da , wenn die Vorräte der Feldscherer erschöpft waren , jämmerlich verbluten , die durch eine Sendung , wie diese hier , hätten gerettet werden können ! Das ist eine segensreiche Arbeit , die Eure - Ihr guten , edlen Menschen - Ihr wißt gar nicht , Ihr wißt gar nicht , wie viel Gutes Ihr da thut ! « Und dem alten Manne fielen zwei große Thränen auf den weißen Schnurrbart herab . Draußen erhob sich ein Lärm von Schritten und Stimmen . Beide Flügel der Eingangsthüre wurden aufgerissen und ein Gardist meldete : » Ihre Majestät die Kaiserin . « Der Vizepräsident eilte zur Thür hinaus , um die hohe Besucherin , wie geziemend , am Fuße der Treppe zu empfangen , doch sie war schon im Nebensaal angelangt . Ich schaute von meinem verborgenen Plätzchen mit Bewunderung nach der jugendlichen Monarchin , die mir im einfachen Straßenkleide beinahe noch lieblicher erschien , als in den Prunkroben der Hoffeste . » Ich bin gekommen , « sagte sie zu Baron S. , » weil ich heute früh einen Brief des Kaisers vom Kriegsschauplatz erhalten habe , worin er mir schreibt , wie nützlich und willkommen die Gaben des patriotischen Hilfsvereins sich erweisen - und da wollte ich selbst Einsicht nehmen ... und das Komitee von der Anerkennung des Kaisers in Kenntnis setzen . « Hierauf ließ sie sich von allen Einzelheiten der Vereinsthätigkeit unterrichten und betrachtete