anstatt wie bisher immer in den Feldern umherzureiten , finde ich im Hause neue Aufgaben . Ich glaube auch , es wird sparsamer für mein Budget sein . « Fanny verstummte plötzlich , und man sah es ihr unschwer an , daß ihr geschäftiger Geist mit Plänen , Zahlen , Einteilungen eifrig arbeitete . » Wie kann eine Frau , « dachte Adrienne voll Staunen , » die vermöge ihres Reichtums und ihrer Schönheit in der Welt glänzen könnte , sich in einem Leben gefallen , das nicht mehr und nicht weniger ist , als ein Krautjunkertum ins Weibliche übersetzt . « Und sie stand nicht an , mit dem lehrhaften Unfehlbarkeitsgeist , der noch von ihren Erzieherinjahren in ihr lebte , etwas hochmütig auf Fanny herabzublicken . Doch Fanny fuhr mit einer schnellen Frage aus ihren Grübeleien auf , mitten hinein in die überhebenden Gedanken der Schwägerin . » Treibt Joachim irgend eine Kunst ? « » Ich weiß nicht . Ich glaube , er singt , aber weit her wird es wohl nicht sein . Warum ? « » Nun , ich liebe Menschen , die ihre Mußestunden schön auszufüllen verstehen . Ich mag , wenn das Reitkleid und die Wirtschaftsschürze ausgezogen sind , nichts mehr von Rübsaatpreisen und Wollkonjekturen hören . Lanzenau ist musikalisch , ich male etwas , der Pastor und seine Frau haben literarische Interessen , jeder sucht teil an den Freuden des andern zu nehmen . « » So werde ich mich nicht bei Dir langweilen , « sagte Adrienne , eine kleine Beschämung niederkämpfend . » Ich hoffe , nein . Doch das liegt durchaus in und an Dir selbst . Die Fähigkeit zur Langeweile ist Naturanlage : mit Menschen , wie immer sie auch sein mögen , langweile ich mich sehr selten , in der Natur nie ; nur wenn ich im Zimmer lange auf mich ganz allein angewiesen bin ; und das ist auch , glaube ich , mehr Ungeduld zur Bethätigung meines Seins , als gerade Langeweile . Du findest nur Durchschnittsmenschen , aber diese in leidlich harmonischem Seelenleben . « » Wann reisen wir ? « fragte Adrienne glücklich . All ihr inneres Widerstreben war schon in der Sekunde erstorben , als Fannys stolze Gestalt heiter über ihre Schwelle trat . » Morgen , « sagte Fanny , » mit dem ersten Zug , dann sind wir mit Einbruch der Nacht in Mittelbach . « Die beiden Frauen stießen fröhlich zusammen an . Und am späten Abend saß Fanny , deren Nerven offenbar keine Ermüdung kannten , noch im Gasthofzimmer am Tisch , um einen ihrer bündigen Briefe zu schreiben . » Mein lieber Kapitän , « schrieb sie , » ich bin in Kiel , um Ihre Frau nach Mittelbach zu holen . An was Adrienne krankt , ist nicht schwer zu sagen . Sie hat in ihrem Leben nur die Arbeit , den Ernst , die Tugend kennen gelernt und sie ist neugierig auf die Kehrseite der Medaille ; sie will den Genuß , den Jugendübermut , die Sünde kennen . Allmutter Eva wird in ihr wach , aber das wird sie in jeder Frau einmal . Ihr Weib ist bei mir , Sie können ruhig sein . Geht solche Krisis gesund aus , kann der Mann nur dabei gewinnen . Ihre Fanny Förster . « Der Inhalt dieser kurzen Zeilen erschien dieser Frau vollkommen genügend , um sie über das Weltmeer zu senden . Jede andere Frau hätte hier acht und mehr Seiten voll geschrieben . Aber Fanny ging mit dem beruhigten Gefühl zu Bett , sich vollständig ausgesprochen zu haben . Drittes Kapitel Auf der Strecke , die der Jagdzug von Hamburg nach Berlin alltäglich mehrmals durchrast , jagt er in stolzer Eile an kleinen Stationen vorbei . Diese , wie Lazarus am Tisch des Reichen , fangen nur die Brosamen vom Weltverkehr auf , und nur die Lokal- und Bummelzüge schleppen Menschen und Güter den Knotenpunkten zu , wo sich die Linien der eisernen Erdstraßen kunstvoll verknüpfen . Hier schüttet ein Zug seinen Inhalt in den andern aus ; hier zerstiebt in alle Windrichtungen , was meilenlang von einem pustenden Dampfroß gemeinsam vorwärts gezogen wurde ; hier rennen Menschen wie Flüchtlinge auseinander , die eben stundenlang eifrig und angenehm zusammen plauderten , sich die Fahrt verkürzend ; hier schlingen ausgehungerte und verdurstete Männer und Frauen heiße , fettig riechende Bahnhofskost , brühheißen Kaffee , schäumendes , überlaufendes Bier hinein ; hier ist ein Rufen , Läuten , Schreien sondergleichen , das Geld klappert auf dem blechernen Wechselbrett der Buffetière ; Qualmgewölk ballt sich unter dem Schutzdach des Perrons . Und wenn endlich der schrille Abschiedspfiff des fertigen Zugs durch die Luft klagt , setzt alles sich erschöpft und befriedigt in seine Coupéecken fest , der Inspektor sieht der dunklen Schlange nach , die mit ihren Gliedern auf dem Geleise dahingleitet , bis sie sich draußen , fern vom Bahnhof , in schwindelnde Eile setzt - dann ist eine Weile Ruhe , bis von der andern Seite der feuerspeiende Kopf einer andern Zugschlange sich in den Perron schiebt . So lärmt und jagt die Menschheit auf ihrem jetzigen Gefährt durch die Lande . Aber die kleinen Stationen stehen an den großen Bahnen wie verschüchtert neugierige Kinder . Von ihnen aus schauen noch sehnsüchtige oder bange Augen auf die Fenster der vorüberfliegenden Eilzugwaggons . Da ist jeder Ankommende oder Abreisende noch ein Ereignis , das in Ursache und Wirkung besprochen wird , und der Wartesaal mit seinem bescheidenen Bierausschank und dem Buffet , wo einige Käsebrote unter einer Glasglocke trocknen , ersetzt den Bewohnern des nahen Städtchens , Fleckens oder Dorfes das Café und die Börse der Großstädter . Die Ankunft eines Zuges zu erwarten , ist Ziel für manchen Erholungsspaziergang . Auf dem Perron einer solchen kleinen Station , die auf sonniger Fläche inmitten märkischen Sandes lag , wanderte ein junges Mädchen hin und her . Die Mittagssonne verkleinerte durch ihren hohen Stand den Schatten