schweifen jetzt südwärts , wo seine Seele durch die Wolken und die Düsternis der Ferne die Konturen der Alpen erschaut in lichter Pracht , und darüber wölbt sich aus reinem Äter der ewige Himmel . Und über das Gebirge hinweg schwingt sich seine Seele , bis an das blaue thyrrenische Meer , bis zum Gestade der Sirenen am leuchtenden Golf der klassischen Wunderstadt Parthenope . Ja , dort weilt sie jetzt , in den glücklichen Gefilden Kampaniens , im Duft und Glanz einer wonnigen , lachenden , mit sich selbst zufriedenen Natur . O , wie sich sein junges Herz nach ihr sehnt ! Wie er dieses stumme Liebes-Schicksal nur erträgt un dieser dumpfen Werkeltäglichkeit bajuwarischer Bierversumpfung ... Daß der König diese , Stadt meidet , wie innig begreift er ' s jetzt .... Eine chaotische Häusermasse , liegt sie hier zu seiner Linken ; eine dicke , träge , blaugraue Wolke schwebt über ihr gleich einem dummen , boshaften Dämon . Was ist das ? Aus der häßlichen Wolke löst sich plötzlich eine faustgroße Feuerkugel , in wunderbarem grünen Licht beschreibt sie einen Bogen gegen den östlichen Horizont , erleuchtet magisch wie ein langsamer Blitz die schwarze Gegend - das Maximilianeum am Isarufer auf der Gasteig-Höhe glüht auf wie ein Geisterschloß - und die Erscheinung verlöscht ohne Geflacker , bevor sie den Horizont erreicht . » Flora , ich denke Dein ! « rief Schlichting in überquellender Empfindung und hielt die Hand über das geblendete Auge . » Aber Schlichting , wo bleibst Du denn ? « hörte er plötzlich wie durch eine Wand Kuglmeiers Stimme . » Die Andern sind ja längst voraus , den Mädels nach . « » Die Andern ? « fragte Schlichting verwundert aus seinem Traum , erwachend ; » ach so ! Geg ' nur Hans . Ich finde den besseren Weg allein heim . Mich begleitet Flora ... « Der kleine Kuglmeier war verschwunden . » Wie wenig er seiner Schwester gleicht ! - Daß sie zehn Jahre älter ist - älter ist ? - zehn Jahre mehr zählt als ich , das macht sie nur reifer und tüchtiger und begehrenswerter , mehr älter ... Begreiflich , daß die Raßlerischen Kinder für eine solche Erzieherin schwärmen und sie nicht vergessen können . Besonders der Hermann . Ich werde ihn anstiften , ihr wieder zu schreiben und dann werde ich einiges Persönliche von mir hineinkorrigieren - das ist unauffällig und verträgt sich ganz gut mit meinen Verpflichtungen als Nachhilfs-Lehrer in klassischen Sprachen . Und selbst wenn Frau Raßler dahinterkäme - ein so herzensgutes Weib , resolut , und dabei lustig und versteht einen Spaß - lachen würde sie , weiter nichts ... « Schlichting fühlte sich so wohl und frei bei diesem Selbstgespräch und sein Alleinsein kam ihm jetzt vor wie die Befreiung aus einer Haft . Seine Brust hob sich in unendlichem Kraftgefühl , und elastischen Schrittes verließ er die Brücke . Plötzlich hielt er an : links führt der Weg durch eine schmale Anlage über das Muffatwehr , rechts in die Lindenallee mit dem kleinen Park vor der Frühlingsstraße - geradeaus in die Vorstadt Au . Wohin also ? Daß er den abenteuernden Kameraden nicht noch einmal in die Hände läuft ! Die überütigen Bursche hatten ihn überdies heute schon zu Unziemlichkeiten und Geschmacklosigkeiten verleitet . Ein Scherz mit leichtfertigen Mädchen , die dazu noch sauber und anmutig sind , ist zwar kein Verbrechen , allein es ist sicherer , man geht dem verliebten , beutelustigen Gesindel aus dem Weg . Also links , über das Muffatwehr , das ist der kürzeste , einsamste und sicherste Weg - und der abwechslungsreichste zwischen den beiden Isarläufen , frischeste und lustigste obendrein . In zehn Minuten ist man an der Maximiliansbrücke . Vom Thurm der Auer Mariahilfskirche schlug eben die elfte Stunde in kräftigen , sonoren Schlägen , so schmetternd , als ob auch die Glocken in ihrer Höhe vom nahenden Frühling wüßten und von der neuen Kraft und Schönheit , die er über die sehnende Kreatur ergießt . Der Einsame zählte halblaut und bog links ab . » Schon elf ! Links , nicht wahr , Flora ? Der Nachtschwärmer soll sich sputen , daß er in die Federn kommt , damit er in fröhlicher Herrgottsfrühe ... « Was ist denn heute auf Weg und Steg Verrücktes los ? Schlichting blieb in seinem Selbstgespräche stecken , als er des seltsamen Bildes ansichtig wurde . Hart am Ufer stand ein riesig hoher , mannsdicker Weidenbaum mit weitausladendem , gegen den Fluß überhängendem Astwerk . Eine Wurzel , dick wie ein Mannsschenkel , war vom Stamm frei in die Höhe gewachsen mit einer länglichrunden Schlinge nach auswärts , die einen natürlichen Sitzplatz bot , jedoch nur hochgewachsenen Leuten erreichbar . Auf dem Wurzelsitz hockte ein Mann mit herniederbaumelnden nackten Füßen , angethan mit einem weiten , weißgrauen Talar , das Haupt unbedeckt , Haare und Bart ungeschoren . Neben ihm kauerte ein Weib , in schwarze Tücher und Fetzen regellos gehüllt ; die Gestalt war mehr zu erraten , als deutlich zu sehen . Sie hatte die Beine an den Leib gezogen ; Kopf und Brust lagen im Schooß des Mannes , die Arme hingen schlaff herab . Es war Zufall , daß Schlichtings Blick die Gruppe auf dem Wurzelsitz gewahrte . Vom Wege aus war sie nicht leicht zu bemerken ; die Schattenwirkung war an dieser Stelle der Anlage so stark , daß nur ein gewitzigtes Auge durch die weißgraue Talarsilhouette angeleitet werden konnte , hier menschliche Gestalten zu suchen . Zudem hielten sich die Umrißlinien fast unbeweglich : nur der herabhängende Arm machte ab und zu eine pendelnde Bewegung , gleich einer Geste , die ein Wort begleitet , und der ruhende Frauenkopf hob sich zuweilen zu einer seitlichen Drehung , um dem Manne ins Antlitz zu sehen , mit dessen Bart- und Haupthaar-Gelock die Nachtluft spielte . Wie der Jäger sich an ein edles Wild heranpirscht , so schritt Schlichting ,