die Nacht über . Die Sterne leuchteten noch am Himmel , als ich hinausging . Ich lagerte mich unter dunkeln Platanen an einem Hügel , der nicht sehr ferne von der Straße lag . Mancherlei bewegte sich mir in der Seele . Auch meine trüben Tage , ehe ich Diotima gefunden hatte , erschienen mir wieder . Der Mensch kann manches tragen , dacht ich . Die Freude gehet über ihm auf und unter . Aber er wandert doch auch in der Nacht seinen Weg so hin . Ist er nur einmal vertraut damit geworden , so wird ihm auch das Unerträgliche leidlich . Nur muß er nicht zurücksehn , auf das , was er verlor . Ein Tropfe aus der Schale der Vergessenheit , das ist alles , was er bedarf ! Ich hatte einige Tage zuvor einen alten Schiffer gesprochen , der im Gefechte mit den Korsaren den rechten Arm verloren hatte , auch sonst zur Fahrt zu schwach geworden war . Der hatte mir erzählt , wie er anfangs jedesmal hinausgegangen sei an den Hafen , wenn ein Schiff ausgelaufen sei , oder wiedergekommen , wie er sich immer da der alten Zeiten erinnert habe , wo ihm der Vater noch seinen Segen mitgegeben hätte auf die Fahrt , und wie er dann mit klopfendem Herzen hinausgewandert wäre aufs herrliche Meer , wie ihm ein frischer Trunk vom Brunnen das Herz erfreuet hätte bei einer Landung , oder der blaue Himmel nach einer stürmischen Nacht , und dann bei glücklicher Rückkunft der Gruß seines Alten - das wär ihm immer eingefallen , wenn er draußen am Hafen hätte Schiffe gehn und kommen gesehn , und ihm hätte oft vor Sehnsucht das Herz geblutet , und er hätte oft geweint in seinen alten Tagen , wie ein Kind , wenn er wieder in seine Hütte geschlichen wäre mit seinem Einen Arme , aber seitdem ihn seine Füße nicht mehr tragen wollten , und er nicht mehr ans Meer hinaus käme , und nicht mehr so oft seiner Jugend gedächte , trag er sein Schicksal geduldiger . So ist der Mensch , dacht ich , ist nur erst die Freude recht ferne , so hält er dem Kummer stille , und hilft sich , so gut er kann . Der erwachende Morgen weckte mich aus meinen Gedanken . Es schien mir sonderbar , daß ich darauf gekommen war . Jetzt sah ich unten auf der Straße die lieben Reisenden herankommen . Ich raffte schnell mich auf , und wollte hinab . Aber ich dachte , es möchte doch wohl auffallen , und so blieb ich . Ich hörte , wie sie sangen . Siehst du , wie entbehrlich du bei ihrer Freude bist , sagt ich mir , und mir war es doch , als könnt ich eher die Luft , die ich atmete , vermissen , als Diotima . Nun war mir der Gesang allmählich verhallt , auch die dunkeln Gestalten , die mein Auge , solang es konnte , verschlang , waren verschwunden . Ich lauschte noch eine Weile , und blickte da hinaus , wo ich sie verloren hatte ; aber ich hörte nur das tropfende Wasser in den Ritzen des Hügels ; kein menschliches Geschöpf zeigte sich in der ganzen Strecke , wohin ich sah . Lebe wohl , Diotima ! Herrliche ! Gute ! rief ich endlich und kehrte nach Hause . Ich geleitete sie im Geiste ; ich belauschte ihr Auge , wie es hinaussah in die schöne Welt ; jetzt ist sie wohl in dem Tale , dacht ich , wo die lieblichen Gruppen von Ulmen und Pappeln stehn , wovon du ihr sagtest ; da denkt sie vielleicht , du hättest nicht uneben geweissagt , und sagt den andern , sie möchte dir wohl gönnen , daß du auch da wärst , und deine Freude hättest . - Aber entbehren kann sie dich doch gar leicht ! du sahst es ja ! Das dacht ich auch , doch zürnt ich mir dabei , und schlug mirs aus dem Sinne , weil es klein und eigennützig wäre , daß ich wünschen könnte , sie sollte nicht fröhlich sein , wann ich gerade mich nicht freuen könnte . Mit meiner ganzen Liebe hing ich an der Stunde , wo ich sie wiedersehen sollte . Es war ein fröhliches Gewebe von Hoffnungen , womit ich das Herz mir schweigte , und war ich damit zu Ende , so löst ichs wieder auf , es lieblicher zu erneuern . Mit süßem Zauber wehten mir , wie Boten der Holdin , die Lüfte des Himmels vom Tal entgegen , wo ich ihrer wartete . Blütenflocken umtanzten mich , und Nachtigallen schlugen unter den Rosen am Wege . Sonst war es stille ringsumher ; ich konnte jeden Laut vernehmen , der von ferne kam . Itzt wanderte mir ein freundlicher Pilger vorüber . Ob er nicht auf seinem Wege Reisenden begegnet wäre , fragt ich ihn . Er hätte Reisende gesehn in einem Haine , erwiderte der Pilger , sie hätten dort sich vor dem Mittagsstrahle unter die Ulmen geflüchtet ; ein holdes Mädchen hätte Namen in die Bäume geschnitten . Ich wünscht ihm herzlich für seine frohen Worte frohe Wandertage und eilte fort . Jetzt , wo das Tal sich öffnete , sah ich hinaus ; da kamen sie ! Diotima warf den Schleier zurück , und nickt ' und lächelte mir entgegen , und ich flog hinan . Da bot sie traulich mir die Hand ; ich mußt ihr geschwind erzählen , wie ich jeden Tag indes gelebt ; ich sagt ihr , daß ich früh am Tage , wo sie abgereist , den Hügel bei San-Nicolo besucht , und sie von da gesehen hätt und gehört , daß ich indes ihre Harfe gestimmt , und den Gesang gelernt , den sie am Abend , da ich sie zum ersten Male begrüßte , gesungen hätte , daß ich oft nach ihren liebsten Blumen in Notaras