Da begann sie zu klagen und zu wimmern , sie träume nicht und wolle nicht träumen , wolle lieber nie mehr schlafen . Auf jede meiner Einwendungen hatte sie ein Dutzend Antworten . Endlich wurde sie ruhiger und schloß sogar die Augen . Doch schreckte sie bei meiner geringsten Bewegung auf und rief : Bleiben Sie bei mir ! Mitternacht war längst vorüber , da traten unsre Frauen alle zugleich in das Nebenzimmer . Durch die nur angelehnte Tür drang das Geflüster ihrer Stimmen , ein hastiges , verworrenes Durcheinander , aus dem kein deutliches Wort zu entnehmen war . Anka legte den Finger an den Mund und lauschte mit gespanntester Aufmerksamkeit ; als jedoch der Kopf Francines an der Tür erschien , stellte das Kind sich sogleich schlafend und erreichte auch seinen Zweck . Trotz meiner abwinkenden Zeichen , die sie nur der Sorge zuschrieb , Anka könne geweckt werden , raunte die Bonne mir zu : Der Ball ist aus . Die Gräfin stirbt . Anka stieß einen fürchterlichen Schrei aus und warf sich mir um den Hals . Ihr kleiner Körper zuckte und wand sich in einem Ausbruch wahnsinniger Angst . Sie war schon tot , sie war schon den ganzen Abend tot und hat noch getanzt und wird jetzt gleich hereintanzen ! rief sie und drückte sich zitternd und bebend an mich . Francines alberne Versuche , sie zu beruhigen , regten sie nur noch mehr auf . Du lügst ! schrie sie und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht , als die Bonne nun plötzlich zu behaupten begann , Mama habe nur eine kleine Ohnmacht gehabt , eine unbedeutende kleine Ohnmacht , und werde morgen gesund sein . Wir wachten die ganze Nacht hindurch . Jetzt ging es wirklich sehr lärmend um uns zu . Die Wagen der abfahrenden Gäste rollten unter unsern Fenstern vorüber , auf den Treppen , den Gängen war es laut von auf und ab eilenden Schritten , im Hofe wieherten die Pferde der Estafetten und Kuriere , die nach dem nächsten Städtchen und von dort aus auf Postpferden weiterreiten sollten , um Ärzte aus der Residenz herbeizuholen . Am Morgen kam der Doktor und brachte Nachricht von der Gräfin . Sie war auf dem Balle plötzlich umgesunken , konnte lange nicht zu sich gebracht werden . Eine Lungenentzündung stand zu befürchten . Anka hörte ihm halb ungläubig , halb befriedigt zu und wiederholte mehrmals leise , als ob sie sich selbst Trost zusprechen wollte : Meine Mutter ist nur krank , nur krank ... Dann schlief sie ein und schlief bis zum Abend . Mit der Dunkelheit kehrten all ihre Schrecken und Bangigkeiten wieder ; wir durchwachten diese wie die vorige Nacht , und bei Tag wurde wieder geschlafen . So ging es fort , eine Woche lang , am Morgen des achten Tages verschied die Gräfin . Der Graf hatte während ihrer Krankheit nicht von ihrer Seite weichen dürfen . Sie klammert sich an ihn wie die Reue an die Barmherzigkeit , sagte Francine , die sich mit ihrer zudringlichen Dienstfertigkeit den Eintritt ins Krankenzimmer erzwang . Anka zu sehen hatte die Gräfin nur einmal verlangt , und als man ihr sagte , sie schliefe , sich damit zufrieden gegeben und nicht wieder nach ihr gefragt . Graf Stephan irrte im Schlosse umher wie ein Verzweifelter . Er wußte nicht , wohin sich flüchten . Wenn er schwer gesündigt hatte , in diesen Tagen hat er schwer gebüßt . Auf Wunsch des Grafen mußte er alle Berichte über das Befinden der Kranken an die Verwandten , namentlich an die Mutter der Gräfin , schreiben . Ratlos kam er , um meinen Beistand zu erbitten . Die Feder führen war nicht seine Sache , und er gestand es ohne Beschämung ein . Es versteht sich von selbst , daß ich ihm hilfreiche Hand bot , und er war so gequält , so zerknirscht und so dankbar , daß ich beinah Mitleid mit ihm hätte haben können . Damals begegnete ihm , was ihm wohl nie vorher begegnet war , er vergaß , an sich und an den Eindruck zu denken , den er hervorbrachte , er wußte nichts , als daß er ein geschlagener Mensch war . Das Leben , das er gedankenlos und leichtfertig als Freudenjagd behandelt , hatte plötzlich mit stummer und gewaltiger Beredsamkeit zu ihm gesprochen und sein Gewissen geweckt . Er sah um zehn Jahre gealtert aus , als er am Todestage der Gräfin Anka holte , um sie zu ihrem Vater zu führen . Sie sträubte sich , man mußte ihr beteuern , um sie fortzubringen , daß sie gewiß nicht in die Nähe der Verstorbenen kommen würde . Als sie eine halbe Stunde später zurückkehrte , sprach sie nicht ein Wort von ihrem Vater ; sie fing gleich an , mit ihren Puppen zu spielen , führte eine ganze Komödie auf und unterbrach sich auf einmal , um zu sagen : Ich habe immer gehört , daß ein Kind traurig ist , wenn seine Mutter stirbt . Warum bin denn ich nicht traurig , Fräulein ? ... Ja , die war merkwürdig , diese Kleine ! Ich kam mir bei ihren Fragen , auf die ich gar oft keine Antwort wußte , ganz kläglich vor . Den Herrn Grafen sah ich erst am dritten Tage nach dem Tode der Gräfin bei den Trauerfeierlichkeiten wieder . Er erschien ehrfurchtgebietend in seinem großen , stolz getragenen Schmerz . Ich wagte kaum ihn anzusehen , und als er zu mir trat und sagte : Ich empfehle Ihnen Anka , hätte ich die Hand , die er mir reichte , küssen mögen . Nach der Einsegnung , die am frühen Morgen stattgefunden hatte , wurde die Leiche der Gräfin zur Beisetzung in die Familiengruft nach dem Stammsitze des Hauses gebracht . Einige Stunden später begaben wir uns dahin . Den Grafen begleiteten Graf Stephan und die beiden Brüder der Gräfin , die sich eingefunden hatten , um