Schneehöppli ? Warum rufst du so um Hilfe ? « Das Geißlein schmiegte sich nahe und vertrauensvoll an Heidi an und war jetzt ganz still . Peter rief von seinem Sitz aus , mit einigen Unterbrechungen , denn er hatte immer noch zu beißen und zu schlucken : » Es tut so , weil die Alte nicht mehr mitkommt , sie haben sie verkauft nach Maienfeld vorgestern , nun kommt sie nicht mehr auf die Alm . « » Wer ist die Alte ? « fragte Heidi zurück . » Pah , seine Mutter « , war die Antwort . » Wo ist die Großmutter ? « rief Heidi wieder . » Hat keine . « » Und der Großvater ? « » Hat keinen . « » Du armes Schneehöppli du « , sagte Heidi und drückte das Tierlein zärtlich an sich . » Aber jammere jetzt nur nicht mehr so ; siehst du , ich komme nun jeden Tag mit dir , dann bist du nicht mehr so verlassen , und wenn dir etwas fehlt , kannst du nur zu mir kommen . « Das Schneehöppli rieb ganz vergnügt seinen Kopf an Heidis Schulter und meckerte nicht mehr kläglich . Unterdessen hatte Peter sein Mittagsmahl beendet und kam nun auch wieder zu seiner Herde und zu Heidi heran , das schon wieder allerlei Betrachtungen angestellt hatte . Weitaus die zwei schönsten und saubersten Geißen der ganzen Schar waren Schwänli und Bärli , die sich auch mit einer gewissen Vornehmheit betrugen , meistens ihre eigenen Wege gingen und besonders dem zudringlichen Türk abweisend und verächtlich begegneten . - Die Tierchen hatten nun wieder begonnen , nach den Büschen hinaufzuklettern , und jedes hatte seine eigene Weise dabei , die einen leichtfertig über alles weghüpfend , die anderen bedächtlich die guten Kräutlein suchend unterwegs , der Türk hier und da seine Angriffe probierend . Schwänli und Bärli kletterten hübsch und leicht hinan und fanden oben sogleich die schönsten Büsche , stellten sich geschickt daran auf und nagten sie zierlich ab . Heidi stand mit den Händen auf dem Rücken und schaute dem allen mit der größten Aufmerksamkeit zu . » Peter « , bemerkte es jetzt dem wieder auf dem Boden Liegenden , » die schönsten von allen sind das Schwänli und das Bärli . « » Weiß schon « , war die Antwort . » Der Alm-Öhi putzt und wäscht sie und gibt ihnen Salz und hat den schönsten Stall . « Aber auf einmal sprang Peter auf und setzte in großen Sprüngen den Geißen nach , und das Heidi lief hinterdrein ; da mußte etwas begegnet sein , es konnte da nicht zurückbleiben . Der Peter sprang durch den Geißenrudel durch der Seite der Alm zu , wo die Felsen schroff und kahl weit hinabstiegen und ein unbesonnenes Geißlein , wenn es dorthin ging , leicht hinunterstürzen und alle Beine brechen konnte . Er hatte gesehen , wie der vorwitzige Distelfink nach jener Seite hin gehüpft war , und kam noch gerade recht , denn eben sprang das Geißlein dem Rande des Abgrundes zu . Peter wollte es eben packen , da stürzte er auf den Boden und konnte nur noch im Sturze ein Bein des Tierleins erwischen und es daran festhalten . Der Distelfink meckerte voller Zorn und Überraschung , daß er so am Bein festgehalten und am Fortsetzen seines fröhlichen Streifzuges gehindert war , und strebte eigensinnig vorwärts . Der Peter schrie nach Heidi , daß es ihm beistehe , denn er konnte nicht aufstehen und riß dem Distelfink fast das Bein aus . Heidi war schon da und erkannte gleich die schlimme Lage der beiden . Es riß schnell einige wohlduftende Kräuter aus dem Boden und hielt sie dem Distelfink unter die Nase und sagte begütigend : » Komm , komm , Distelfink , du mußt auch vernünftig sein ! Sieh , da kannst du hinabfallen und ein Bein brechen , das tut dir furchtbar weh . « Das Geißlein hatte sich schnell umgewandt und dem Heidi vergnüglich die Kräuter aus der Hand gefressen . Derweilen war der Peter auf seine Füße gekommen und hatte den Distelfink an der Schnur erfaßt , an welcher sein Glöckchen um den Hals gebunden war , und Heidi erfaßte diese von der anderen Seite und so führten die beiden den Ausreißer zu der friedlich weidenden Herde zurück . Als ihn aber Peter hier in Sicherheit hatte , erhob er seine Rute und wollte ihn zur Strafe tüchtig durchprügeln , und der Distelfink wich scheu zurück , denn er merkte , was begegnen sollte . Aber Heidi schrie laut auf : » Nein , Peter , nein , du mußt ihn nicht schlagen , sieh , wie er sich fürchtet ! « » Er verdient ' s « , schnurrte Peter und wollte zuschlagen . Aber Heidi fiel ihm in den Arm und rief ganz entrüstet : » Du darfst ihm nichts tun , es tut ihm weh , laß ihn los ! « Peter schaute erstaunt auf das gebietende Heidi , dessen schwarze Augen ihn so anfunkelten , daß er unwillkürlich seine Rute niederhielt . » So kann er gehen , wenn du mir morgen wieder von deinem Käse gibst « , sagte dann der Peter nachgebend , denn eine Entschädigung wollte er haben für den Schrecken . » Allen kannst du haben , das ganze Stück morgen und alle Tage , ich brauche ihn gar nicht « , sagte Heidi zustimmend , » und Brot gebe ich dir auch ganz viel , wie heute ; aber dann darfst du den Distelfink nie , gar nie schlagen und auch das Schneehöppli nie und gar keine Geiß . « » Es ist mir gleich « , bemerkte Peter , und das war bei ihm so viel als eine Zusage . Jetzt ließ er den Schuldigen los , und der fröhliche Distelfink sprang in hohen Sprüngen auf und davon in die Herde hinein . - So war unvermerkt der Tag vergangen