er da nur eben seinem Temperament , vielleicht aber auch der ungeheuren Schätzung , die sein Volk einem Worte aus des Vaters Munde beizulegen pflegt . Sender Glatteis hatte prophezeit , daß Mendele als » Schnorrer « hinter der Hecke sterben werde ; alle Welt wußte es und zweifelte nicht daran , daß sich das Furchtbare erfüllen müsse . Mendele freilich trug sein Haupt noch immer hoch , aber wie schwer das Wort innerlich in ihm wuchtete , wagte er sich wohl selbst nicht zu gestehen , bis ihn das unstete , elende und doch für Naturen seines Schlages reizvolle Leben völlig in seinen Bann gezogen hatte . Da freilich sprach er es auch aus : » Ein Schnorrer bin ich und ein Schnorrer will ich bleiben ... « Er sprach es mit lachendem Munde ; zuweilen freilich mag ihm das Herz dabei sehr wehe getan haben . Aber manchmal lag auch ein gewisser Stolz darin und schließlich ein gewisses Selbstgefühl . Ähnlich mag es seiner berühmten Schicksalsgenossin zu Mute gewesen sein , als sie den Leipziger Spießbürgern die stolze Antwort gab : » Nur eine Komödiantin , ja , aber die Neuberin ! « Mendele Kowner war der König der » Schnorrer « seiner Zeit ; man sah ihn überall herzlich gern , es war ein rechtes Fest für jede Gemeinde , wenn er wiederkam , und aus abgelegenen Ortschaften kamen oft Einladungsbriefe : sie seien doch auch Menschen und ehrliche Juden und hätten sich bisher nur mit ganz gewöhnlichen » Schnorrern « begnügen müssen , - ob er sie nicht auch einmal beehren wolle ? ! Er aber kam nur , wenn es ihm beliebte , wenn ihm das Städtchen der Auszeichnung würdig erschien , einen so großen Schnorrer zu beherbergen ; um Geld war er nicht zu haben , verteilte auch in jenen Städtchen , wo er oft einkehrte , die Gunst seines Besuches nur nach der Würdigkeit , nicht nach dem Besitz . Was er forderte , konnte ihm selbst ein armer Mann gewähren : Nachtlager und Nahrung , wenn es sein konnte , ein Gläschen Wein und zum Abschied einige Kupfermünzen , so viel als nötig war , in den nächsten Ort zu gelangen . Mehr aber nahm er auch vom Reichsten nicht . Der echte » Schnorrer « ist ja auch sonst nicht habgierig ; aber keiner verachtete das Geld so , wie der » Kowner « . Schon dies mußte ihm unter den Söhnen seines Volkes , dem Erwerb so hoch steht , weil das Geld seit zwei Jahrtausenden seine einzige Waffe im Kampf mit seinen Bedrängern gewesen , eine unerhörte Stellung sichern . Und nun waren ja zudem all die Gaben und Gnaden , die den » Schnorrer « machen , in ihm verkörpert . Ein Mann dieses Handwerks - oder nein , es ist ja eine Kunst - muß weit umhergekommen sein , denn die Leute lassen sich zwar gern Lügen von ihm gefallen , ja sie fordern sie zu ihrer Unterhaltung , aber nachdem er ihnen versichert , daß er in Italien immer nur Eier gegessen , die er in der Sonne gargekocht , nachdem er ihnen das » goldene Haus « des Kaisers zu Wien und die diamantenen Fenster im Zarenpalais an der Newa geschildert , verlangen sie , die an der Scholle haften und doch von Wißbegier und Sehnsucht nach der Fremde erfüllt sind , wie wenig andere Menschen , ernsthaften Bericht über Land und Leute . Lügt er sie dann noch an , so ist es mit seinem Ruhm vorbei . Der Kowner hatte das nicht nötig . Er war sehr weit herumgekommen , fast durch ganz Europa , soweit Juden wohnten , bis Petersburg und Konstantinopel , bis Berlin , Straßburg , Wien und Venedig . So war er an Scherz und Ernst ein Krösus , der immer aus dem Vollen spendete , ohne sich doch je zu erschöpfen . Wo er wirksamer war , wußten sie kaum zu entscheiden . Wenn er erzählte , wie wenig Ruhe der arme , große Rothschild in Frankfurt am Main habe , weil er , um der Welt seinen Reichtum zu beweisen , alle Viertelstunde ein frisches Hemd anziehen müsse , oder das Glück der Italiener pries , die so billiges Fleisch hätten , weil sie keines Fleischhauers bedürften - wolle man dort einen Ochsen schlagen , so schicke man ihn ohne Sonnenschirm auf die Weide , und er komme als fertiger Braten heim - ; oder die Petersburger beklagte , weil dort zur Winterszeit die Straßen auch bei hellstem Sonnenschein künstlich erleuchtet werden müßten , da der Atem der Menschen wie eine undurchdringliche Wolke über ihnen lagere ; oder über die Kaufleute klagte , die alles verteuerten , sogar die Tinte , die doch nur aus dem Schwarzen Meer geschöpft zu werden brauche , dann lachten alle , daß ihnen die Tränen über die Backen liefen . Aber dann lauschten sie angehaltenen Atems , wenn er das märchenhafte Venedig vor ihren Augen aus dem Meere emporsteigen ließ , oder schilderte , wie er von Padua nach Konstanz gewandert , auf der Straße , wo ewiger Schnee liege , während drunten die blauen Seen lachten und das Anland im Schmuck des Frühlings ; wenn er ihnen eine Anschauung davon gab , wie groß Wien oder Berlin sei , und wie die Leute dort lebten , namentlich die Juden . Niemand wußte so viel Schnurren und von niemand konnte man so viel lernen , denn der Kowner wußte ja alles . Nachdem er ihnen seinen vertrauten Verkehr mit Napoleon geschildert , daß sie sich vor Heiterkeit nicht zu fassen wußten , machte er ihnen begreiflich , wie der Mann in Wahrheit gewesen , was er angestrebt und wie er geendet , und da sie in dem Kaiser der Franzosen den Mann verehrten , der den Juden seines Landes vor allen anderen Fürsten die vollen Menschenrechte verliehen , so lauschten sie bewegt , wenn ihnen der Kowner von seinem Tode auf