nichts gesehen als unsere Kleinheit , und ihr habt nichts gehört als die Größe unseres Siegers . Aber , Lewin , es war einst anders , und wir Alten , die wir noch das Auge des großen Königs gesehen haben , wir schmecken bitter den Kelch der Niedrigkeit , der jetzt täglich an unseren Lippen ist . « » Und ich bin es sicher « , fiel jetzt Lewin ein , » er wird von uns genommen werden . Wir werden einen frohen , einen heiligen Krieg haben . Aber zunächst sind wir unseres Feindes Freund , wir haben mit und neben ihm in Waffen gestanden ; er rechnet auf uns , er schleppt sich unserer Türe zu , hoffnungsvoll wie der Schwelle seines eigenen Hauses ; das Licht , das er schimmern sieht , bedeutet ihm Rettung , Leben , und an der Schwelle eben dieses Hauses faßt ihn unsere Hand und würgt den Wehrlosen . « In diesem Augenblick begannen die Glocken zu klingen , die von dem alten Hohen-Vietzer Turm her zur Kirche riefen . Sie klangen laut und voll in dem klaren Wetter , Berndt horchte auf ; dann mit der Hand nach Osten deutend , von wo die Klänge herüberhallten , fuhr er seinerseits fort : » Ich weiß , daß geschrieben steht , die Rache ist mein , und in menschlicher Gebrechlichkeit , das weiß der , der in die Herzen sieht , bin ich allezeit seinem Wort gefolgt . Ich fürchte nicht , daß ich lästere , wenn ich ausspreche : Es gibt auch eine heilige Rache . So war es , als Simson die Tempelpfosten faßte und sich und seine Feinde unter Trümmern begrub . Vielleicht , daß auch unsere Rache nichts anderes wird als ein gemeinschaftliches Grab . Sei ' s drum ; ich habe abgeschlossen ; ich setze mein Leben daran , und , Gott sei Dank , ich darf es . Diese Hand , wenn ich sie aufhebe , so erhebe ich sie nicht , um persönliche Unbill zu rächen , nein , ich erhebe sie gegen den bösen Feind aller Menschheit , und weil ich ihn selber nicht treffen kann , so zerbreche ich seine Waffe , wo ich sie finde . Der große Schuldige reißt viel Unschuldige mit in sein Verhängnis ; wir können nicht sichten und sondern . Das Netz ist ausgespannt , und je mehr sich darin verfangen , desto besser . Wir sprechen weiter davon , Lewin . Jetzt ist Kirchzeit . Laß uns Gottes Wort nicht versäumen . Wir bedürfen seiner . « So trennten sie sich , als die Glocken zum zweiten Mal ihr Geläut begannen . Fünftes Kapitel In der Kirche Das Summen der Glocken war noch in der Luft , als Berndt von Vitzewitz , Renaten am Arm , aus einem in den Schnee gefegten Fußsteig in die große Nußbaumallee einbog , die , leise ansteigend , von der Einfahrt des Herrenhauses her in gerader Linie zur Hügelkirche hinaufführte . Dem voraufschreitenden Paare folgten Lewin und Tante Schorlemmer . Alle waren winterlich gekleidet ; die Hände der Damen steckten in schneeweißen Grönlandsmuffen ; nur Lewin , alles Pelzwerk verschmähend , trug einen hellgrauen Mantel mit weitem Überfallkragen . Die mehrgenannte Hügelkirche , der sie zuschritten , war ein alter Feldsteinbau aus der ersten christlichen Zeit , aus den Kolonisationstagen der Zisterzienser her ; dafür sprachen die sauber behauenen Steine , die Chornische und vor allem die kleinen hochgelegenen Rundbogenfenster , die dieser Kirche , wie allen vorgotischen Gotteshäusern der Mark , den Charakter einer Burg gaben . Wenig hatten die Jahrhunderte daran geändert . Einige Fenster waren verbreitert , ein paar Seiteneingänge für den Geistlichen und die Gutsherrschaft hergerichtet worden ; sonst , mit Ausnahme des Turmes und eines neuen Gruftanbaues der nördlichen Langwand , stand alles , wie es zu den Mönchszeiten gestanden hatte . War nun aber das Äußere der Kirche so gut wie unverändert geblieben , so hatte das Innere derselben alle Wandlungen eines halben Jahrtausends durchgemacht . Von den Tagen an , wo die Askanier hier ihre regelmäßig wiederkehrenden Fehden mit den Pommerherzögen ausfochten , bis auf die Tage herab , wo der große König an eben dieser Stelle , bei Zorndorf und Kunersdorf , seine blutigsten Schlachten schlug , war an der Hohen-Vietzer Kirche kein Jahrhundert vorübergegangen , das ihr nicht in ihrer inneren Erscheinung Abbruch oder Vorschub geleistet , ihr nicht das eine oder andere gegeben oder genommen hätte . Ein Gleiches , was hier eingeschaltet werden mag , gilt von der Mehrzahl aller alten märkischen Dorfkirchen , die dadurch ihren Reiz und ihre Eigentümlichkeit empfangen . Besonders im Gegensatz zu den weltlichen oder Profanbauten unseres Landes . Überblickt man diese , so nimmt man alsbald wahr , daß die eine Gruppe zwar die Jahre , aber keine Geschichte , die andere Gruppe zwar die Geschichte , aber keine Jahre hat . Burg Soltwedel ist uralt , aber schweigt . Schloß Sanssouci spricht , aber ist jung wie ein Parvenü . Nur unsere Dorfkirchen stellen sich uns vielfach als die Träger unserer ganzen Geschichte dar , und die Berührung der Jahrhunderte untereinander zur Erscheinung bringend , besitzen und äußern sie den Zauber historischer Kontinuität . Die Hohen-Vietzer Kirche hatte drei Eingänge , der erste für die Gemeinde von Westen her . Der Turm , durch den dieser Eingang ging , war aus Feldstein roh zusammengemörtelt ; es fehlte die Sauberkeit , die den älteren Bau auszeichnete . Von der Decke herab hing ein Seil , an dem die Betglocke geläutet wurde . Rechts an der Wand hin stand ein Grabscheit , eine Totenbahre ; auf ihr lagen Leinentücher , um die Särge hinabzulassen . An der Wand gegenüber waren wurmstichige Holzpuppen , Überreste eines Schnitzaltars aus der katholischen Zeit her , zusammengefegt ; daneben aufgeschichtetes Knubbenholz , wahrscheinlich um die Sakristei zu heizen . Das eigentliche Schaustück dieser Vorhalle war aber die » Türkenglocke « , berühmt wegen ihres Tones und ihrer Größe ,