in einer kleinen Dorfkirche und legte mein Glaubensbekenntnis ab , ohne daß meine Großmutter eine Ahnung davon hatte . So war ich aufgewachsen , wild und lustig wie die unberührten Weiden drüben am Fluß , und wie ich so dastand unter der Föhre , barfüßig , im kurzen groben Rock , und der Abendwind blies in mein flatterndes Haar , da lachte ich , lachte laut über den jungen Herrn , der so sorgsam den weichen Rasenweg für seine feinen Sohlen aussuchte und schützendes Leder über die weißen Hände zog - und das war meine Rache . Mochten sie doch diese unabsehbaren , flachen Strecken eine furchtbare Einöde nennen ; für mich waren sie beseelt vom Geiste der Heimat und von einer ganzen Armee luftiger Gestalten , als da sind Feen , Wasser- und Luftgeister , aber auch - Gespenster ; ja Gespenster ! Ich war schon ein wenig zusammengefahren bei meinem eigenen Lachen - hatte es doch so wunderlich über die dämmernde Heide hingeklungen , so fremd , als sei es gar nicht von mir selbst , sondern von der einfachen Mondsichel hergekommen , die sich am unermeßlichen Gewölbe droben ebenso verlor , wie meine kleinwinzige Person inmitten der ungeheuren , schweigenden Ebene . Schwarz stand der Wald am Horizont , er trennte mit einem scharfen Strich unerbittlich Himmel und Heide ; und im Osten , da , wo am Tage ein feiner , grüner Streifen verlockend leuchtete , ballten sich weißliche Dünste . Dort lag der Torfsumpf voll tiefer Wasserlachen und bestanden mit Binsen und sprödem Riedgras ; die kleinen stehenden Gewässer tief drinnen aber umsäumte Schilf , und die weiße Seerose lag bleich auf dem dunklen Spiegel - ich meinte immer , das seien keine Blumen , sondern traurige Menschengesichter . Jetzt schwebten sie aufwärts , und die weißen Schleier und Gewänder quollen nach und blähten sich und flossen herein auf das trockene Heideland , über das einst , in uralten Zeiten , grüne , rauschende Meereswogen hingerollt waren , wie heute der gute , alte gelehrte Herr mit der Blechbüchse auf dem Rücken gesagt hatte . Vor den wehklagenden , in den Sumpf zurückgedrängten Wassergeistern fürchtete ich mich nicht - aber da unten zu meinen Füßen war heute Menschenasche verschüttet worden ; frevelnde Hände hatten den Grabhügel aufgebrochen und die Ruhe der Toten gestört ... An der anderen Seite neben dem Föhrenstamm lag das Knöchelchen eingescharrt - wie , hob es sich nicht schon als Finger aus der Erde , wieder fest eingefügt in die weiße Hand ? Wuchs es nicht immer höher , da dicht neben mir , bis er dastand , der Phönizier , finster und dräuend , mit der breiten , weißen Stirn Karls des Großen und der Goldkrone in dem zurückbäumenden kastanienfarbenen Haar ? ... Kalte Schauer überliefen mich , mit stockendem Atem stand ich starr und steif und sah nicht rechts , noch links ; ich hatte nicht einmal den Mut , den Arm vom Föhrenstamm zu lösen , und doch erwartete ich jeden Augenblick mit leise gesträubtem Haar , den kalten Finger auf dem nackten , warmen Fleisch zu fühlen - und da legte sich plötzlich eine Hand schwer auf meine Schulter . Ich stieß einen gellenden Schrei aus . » Leonore , was machst du für Streiche ! « schalt Ilse . Sie stand hinter mir und hielt mich mit festen Armen - ich glaube , ich wäre sonst wie leblos den Hügel hinabgerollt . » Ach , Ilse , der Phönizier « - stammelte ich . » Was ? « fragte sie gedehnt . Sie schob mich von sich und sah mir mißtrauisch besorgt in die Augen - sie hatte ja heute schon einmal gefragt , ob ich toll geworden sei . Ihr Gesichtsausdruck brachte mich sofort zu mir selbst - ich mußte laut auflachen und warf mich an ihre Brust ; da war ich geborgen vor allen Gespenstern und auch vor dem fremden Gesicht , das , obschon längst in der Dämmerung verschwunden , sich doch sogar dem Geist des Phöniziers aufgedrängt hatte . » Hat ' s wieder einmal gespukt ? « fragte Ilse . » Und nun gar unter Gottes freiem Himmel ! ... Ja , du und Heinz , ihr seid mir ein Paar Helden ! « Die gute Ilse - unter dem dunklen Dach des uralten Dierkhofes war auch sie nicht sicher vor allerlei unheimlichen Begegnungen , und wenn sie auch mutig und beherzt auf alles losging , so wußte sie doch der haarsträubenden , verbrieften und womöglich amtlich bestätigten Dinge genug , vor denen der Verstand der Verständigen absolut still sein mußte . Sie nahm meine Rechte in ihre harte kühle Hand und führte mich den Hügel hinab . 4 Der Raum , der im niedersächsischen Hause sich zwischen der Tenne und den Wohnräumen hinzieht , und in welchem sich der Küchenherd befindet , heißt der Fleet . Auf dem Dierkhof erhob er sich noch nach uralter Sitte um einige Zoll über den lehmgestampften Boden der Tenne , sonst aber trennte ihn weder eine Wand , noch ein niedriger Bretterverschlag von der letzteren ; man konnte somit von dieser Stelle aus die lange Dreschdiele bis zum Hausthor und die sich zu beiden Seiten hinziehenden Viehstände bequem übersehen . Auf den Fleet mündeten ein Fenster und zwei Thüren der Wohnräume ; er war mit kleinen Steinplatten sauber belegt , hatte , wie schon erwähnt , zu beiden Seiten Thüren , die ins Freie führten , und war für mich der gemütlichste Platz im ganzen Hause . Dort stand auch , nicht weit vom Herde , zur Sommerzeit der Eßtisch . Als ich mit Ilse eintrat , brannte schon die Lampe auf dem Tische , sie verlor sich in dem weiten , dunkel angerauchten Raum wie ein kleiner Funken . Durch das offene Hausthor fiel noch das fahle Dämmerlicht von draußen auf die vorderen Viehstände ; sie waren leer , auf dem Dierkhofe wurde nur so viel Oekonomie betrieben , als zu unserem eigenen