, daß er morgen vierspännig fahren könne , wenn er wolle ; allein man glaubte nicht , daß er morgen die fünf Silbergroschen , die er heute borgte , zurückzahlen werde . Man schenkte ihm heute die vollste Bewunderung und warf ihn morgen aus der Kneipe , und der , welcher ihm dabei den grimmigsten Fußtritt gab , schlich übermorgen zu ihm und schob die Schuld auf einen andern . Daß er seine Gelegenheit in allen Dingen abzuwarten wußte und nach Jahren noch jede Beeinträchtigung und Beleidigung heimzahlte , war jedermann bekannt , und da jedermann bekanntlich dem andern gern von Zeit zu Zeit einen tüchtigen Schabernack spielen läßt , so behauptete der Meister Dietrich Häußler seine Stellung in Krodebeck , bis er selbst es für angezeigt hielt , sie aufzugehen . Er zeugte drei Söhne , die , wie gesagt , in früher Jugend verkamen , da er nichts mit ihnen anzufangen wußte . Nachher wurde Marie geboren und wuchs auf in Schmutz und Lumpen und hatte schon in ihrer Kindheit ein übel Leben ; denn es wiederholte sich mit ihr eine alte , alte Geschichte , nämlich die von der Schönheit , welche in die Welt hineingeboren wird und natürlich von denen , die sich am heftigsten nach ihr sehnten , anfangs auf das stumpfsinnigste verkannt werden muß . Es haben viel größere und edlere Leute als der Barbier von Krodebeck ihr Ideal verkannt , ja blieben sogar noch hinter dem Barbier zurück ; denn als diesem die Augen geöffnet worden waren , da glaubte er an sein Ideal und begrüßte es mit Jauchzen , was sehr hohe Geister und herrliche Charaktere sehr häufig nicht über sich gewinnen konnten . Die Augen gingen ihm übrigens nicht sogleich auf und vor Vergnügen über . Das kleine Mädchen erschien anfangs in seinem Schmutz und seinen Lumpen , in seiner vollen und abscheulichen Verwahrlosung häßlich genug und wurde daher auch in den ersten Kinderjahren fast noch ärger mißhandelt als die unnützen Buben . Es bekam wenig zu essen , aber viele Fußtritte und Schläge . Was die Bauernschaft von Krodebeck dann und wann an dem Vater Häußler sündigte , kam der Familie des Barbiers in ganz logischer Folge heim , und oft vernahm man das Geheul und Wimmern dieses häuslichen Herdes in ruhigen Nächten durch das stille Dorf . Oft , sehr oft fanden die gnädige Frau vom Lauenhofe , welche damals noch eine viel jüngere und in behaglicher Ehe lebende gnädige Frau war , und der Chevalier von Glaubigern , welcher ebenfalls in jener Zeit ein noch viel rüstigerer Ritter war , Gelegenheit , hier ihre Autorität geltend zu machen , jedoch ohne großen Nutzen . Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin hielt es unter ihrer Würde , in solchen Fällen ihre Autorität geltend zu machen . Von einer Dame , welche eigentlich berechtigt war , Byzanz zu regieren und den Sultan Mahmud den Zweiten für einen niederträchtigen Usurpator zu erklären , von der konnte man doch nicht verlangen , daß sie sich so weit herunterlasse , um die Verhältnisse im Hause des Barbiers von Krodebeck zu regeln und sein Weib vor Prügeln , sein Kind Vor Fußtritten zu schützen . Und doch trug nur die sehr noble und sehr mächtige Chevalière von Malta die Schuld davon , daß der Meister Dietrich sein Ideal erkannte . Es war an einem schönen Sommermorgen , als das Fräulein , von einem romantischen Spaziergange in die Wälder durch das Dorf nach dem Lauenhofe zurückkehrend , durch einen argen Lärm im Hause des Barbiers aus seinen hohen Träumen aufgeschreckt und der trivialen Gegenwart gegenübergestellt wurde . In dem Hause dauerte zwischen Mann und Weib der Kampf um den täglichen Frieden noch fort ; doch vor dem Hause am Brunnen wusch Marie Häußler bereits die Tränen aus den Augen und das Blut von der Nase . Ein schicksalvoller Sonnenstrahl fiel auf die Stirn , das Haar und die nackte braune Schulter des Mädchens , und statt in das Haus zu stürzen und dem Barbaren den Prügel aus der Hand zu nehmen , stand das Fräulein sehr still und hob die Lorgnette und winkte lächelnd hinüber : » Himmel , welch ein Bild ! « Es war freilich ein Bild , ein reizendes Bild , und Adelaide bewährte das feinste Gefühl für den Zauber desselben . Sie ging langsam näher und hob mit den äußersten Fingerspitzen das Kinn der Weinenden empor , ließ das Augenglas herabfallen und rief : » Es ist in der Tat keine Täuschung ; - es ist wirklich überraschend ! Und das ist heraufgekommen wie die Blumen unter der Hecke . Mon Dieu , Kind , wie kommst du unter die Kanaille ? Weißt du genau , wer du bist und woher du kommst ? « Mit ziemlich weit geöffnetem Munde , aber noch immer schluchzend , deutete Marie Häußler auf die Tür ihres Vaterhauses , in welcher jetzt der Meister Dietrich stand und , gleichfalls sehr verwundert , nicht zu wissen schien , ob er sich näher heranwagen oder sich so tief als möglich vor der Malteserin in das Innere zurückziehen solle . Aber Fräulein Adelaide winkte , und der Barbier von Krodebeck trat oder kroch vielmehr mit den höflichsten Bücklingen näher und wünschte dem Fräulein einen guten Morgen , worauf dieses jedoch entgegnete : » Er ist ein elender , ein flegelhafter , nichtswürdiger und zu gleicher Zeit ein dummer Gesell , Häußler . Ohne Komplimente , Häußler , Er ist ein widerlicher , brutaler Patron , und wenn die Welt noch regiert würde , wie es sich gebührt , so würde Er sicherlich nicht einen solchen heitern Morgen durch seine Roheiten ungestraft verstören dürfen . Übrigens hab ich Ihn nicht gerufen , um Ihm das zu sagen , denn es ist kaum noch etwas darüber zu sagen ; aber das will ich Ihm mitteilen , daß ich dieses junge Mädchen von jetzt an unter meinen besondern Schutz nehme . Weiß Er , Häußler , daß Er eine sehr hübsche Tochter