des Bruders in die Höhe . Es waren am heutigen Tage grade drei Wochen seit dem Wiederkommen des afrikanischen Gefangenen verflossen , und wie kein Kind im Dorfe Bumsdorf den geheimnisvollen , staunenden Schrecken vor dem großen , braunen Mann , der mit den Menschenfressern aus einer Schüssel gegessen hatte , vollständig überwunden hatte , so war auch für Fräulein Lina Hagebucher dieser Bruder immer noch ein hohes , unsägliches Wunder und Mysterium und konnte für noch längere Zeit nicht in seiner ganzen Fülle und Bedeutung ausgedacht werden . Was Nippenburg und Bumsdorf aber im ganzen und großen anbetraf , so nahmen sie , obgleich ein Mann , der aus dem unbekannten innersten Afrika heimgekehrt , jedenfalls etwas Ungewöhnlicheres war als der abenteuerlichste Amerikafahrer , das Ding bereits viel kühler und gelassener , und die liebe weitere Verwandtschaft , die sich heute im Hause des Steuerinspektors versammeln sollte , nahm es sogar sehr kühl und sehr gelassen . Dem Manne aus dem Tumurkielande wuchsen mit den Haaren auf dem à la Tumurkie geschorenen Schädel auch die unangenehmeren europäischen Gefühle wieder , und wir müssen ihm die volle Berechtigung zugestehen , auf manchem Wege und auch auf diesem durch das Dorf Bumsdorf den Kopf hängen zu lassen . Er hatte viel geduldet bis zu seiner Befreiung durch den Herrn Kornelius van der Mook : dann war er in dem Hause seiner Eltern erwacht und hatte jene seltene Minute des vollen , sichern Glückes gekostet . Aber schnell wie immer war dieser Augenblick vorübergegangen - ein Morgenschlummer , ein sonniger Tag in der Geißblattlaube , am Abend ein Gang durch die Wiesen und Kornfelder nach dem Walde ! Schon das nächste Erwachen brachte wieder das erste leise Anspülen bitterer Fluten , und nach acht Tagen war Leonhard Hagebucher vollständig daheim , das heißt , er wußte Bescheid , und Bescheid zu wissen gehört und stimmt gewöhnlich nicht im geringsten zu und mit dem Glück . Wohl saß er noch in der Geißblattlaube an der Landstraße und freute sich der Sonne des Vaterlandes , der Stimmen und Schritte der alten Eltern , des lieblichen Lachens der kleinen hübschen Schwester , wohl suchte und fand er in Stadt und Dorf hundert und aber hundert freundliche Jugenderinnerungen ; man kam ihm immer noch an den meisten Orten mit Gruß und Handschlag herzlich entgegen , und es gab immer noch viele Leute , welche seiner Odyssee mit Herzklopfen lauschten und dankbar für alles waren , was er in dieser Hinsicht zu bieten hatte ; aber - aber dem Unbehagen wuchsen doch täglich mehr züngelnde , saugende Polypenarme , mit welchen es die Seele des müden Wanderers fester und immer fester umschlang . Nun wußte die Welt bereits , daß der Sohn des Steuerinspektors Hagebucher als ein armer Mann aus der Fremde heimgekehrt sei , und die wundervollen Illusionen , welche sich Nippenburg gemacht hatte , waren schnell in ihr Gegenteil umgeschlagen , und man teilte einander unter bedächtigem Kopfschütteln mit , daß ein Vagabond in alle Ewigkeit ein Vagabond bleiben werde und daß es vielleicht um vieles besser gewesen wäre , wenn die Mohren dahinten am Äquator den unnützen Menschen bei sich behalten hätten . In der Kiste , welche dem armen Leonhard auf einem Schubkarren gen Bumsdorf nachgefahren worden war , befanden sich keine Säcke voll Diamanten und Perlen , keine Schachteln voll Goldstaub , sondern höchstens einige afrikanische Merkwürdigkeiten zum Andenken für die näheren Freunde und Verwandten . Herr Leonhard Hagebucher konnte aus dem Inhalt dieses Reisekastens keine Villa bauen und nicht nunmehr im Schatten seines Parkes , an seinem eigenen Herde und in der Gesellschaft eines liebenden Weibes aus den bessern Ständen seine Tage verbringen . Keine Nippenburger Mutter hätte einem solchen in der Luft stehenden Individuum ihre Tochter zur Ehe gegeben , und das war noch das allerwenigste : Leonhard Hagebucher hatte während seiner Gefangenschaft im Tumurkielande so ziemlich alles vergessen , was dem Menschen in unsern zivilisierten Zuständen zu seinem Fortkommen verhilft , ja ihn nur notdürftig auf der Stelle aufrecht erhält . Jede Wissenschaft , jede Kunst , jede Technik war über ihn hinausgeschritten ; wo sonst die hohen Wasser sich umgetrieben hatten , da war jetzt öder Sand oder fruchtbares Ackerland , und wo vordem Sand und Wiesen gewesen waren , da jagten sich jetzt die Wellen . In Abu Telfan im Tumurkielande hatte den armen Gefangenen nichts gestört als die physische rohe Gewalt und die Sehnsucht nach der Freiheit , das Heimweh nach dem Vaterlande ; jetzt in der Heimat fing alles an , ihn zu stören und zu beunruhigen ; er war fremd geworden in der Zivilisation , in Europa , in Deutschland , in Nippenburg und Bumsdorf ; eine unendliche und in jeder Weise begründete Angst vor den Dingen und vor sich selber mußte sich seiner bemächtigen - ein Schritt weiter , und er konnte sich nach dem Tumurkielande leise zurücksehnen : die Würde und Freiheit , die Bildung und Sitte des europäischen Menschen imponierten ihm viel zu mächtig . Lassen wir ihn übrigens jetzt vorerst seinen Weg zum Dorfe fortsetzen , und sehen wir derweilen , wer von der Freundschaft und Verwandtschaft zum großen Rat und Kaffee im Hause seiner Eltern ankam oder schon angekommen war . Angekommen war in ihrer gelben Kutsche die Tante Schnödler , zu welcher eigentlich auch ein Onkel Schnödler gehörte , der jedoch , da die Tante das Geld hatte und er - der Onkel - dieses weder durch Talente , Energie noch die geringste männliche Grobheit ausglich , nicht mitgerechnet wurde . Sie , die Tante Schnödler , die Kusine der Mutter Leonhards , saß bereits , jede Situation beherrschend , in dem Paradezimmer des Hauses Hagebucher auf dem Kanapee und fand es , wie Ludwig der Vierzehnte , sehr provozierend , daß man sie sowohl auf den Kaffee als auch auf den Neffen aus dem » Kaffernlande « warten ließ . In Sicht auf der Landstraße war der Onkel , Kaufmann und Stadtverordnete von Nippenburg , der Herr