Gesellschaft besorgten Director einigermaßen wieder zu sich und die Dame , welche ihre Ehre vor so vielen Männern compromittirt sah , vollends außer sich . Vorher hatte sie gedroht , den Director ihre Nägel fühlen zu lassen , jetzt fügte sie der Drohung die That hinzu . Das Staunen des kunstsinnigen Publikums von Fichtenau , den gefeierten Künstler , den Helden so vieler Abenteuer in solcher Noth und Bedrängniß zu sehen , war außerordentlich . Einige wollten Frieden stiften , Andere lachten und hetzten , wieder Andere ( Männer in blauen Blousen und Gamaschen , die regelmäßig mit Roß und Wagen in der » Grünen Mütze « einkehrten und die Seiltänzerwirthschaft , die sie in ihrem gewöhnlichen Comfort störte , mit mißgünstigem Auge betrachteten ) sprachen laut von Lumpenpack und Hinauswerfen , was denn wieder von den Kunstenthusiasten äußerst mißliebig aufgenommen wurde . Zornige Gesichter , drohend erhobene Arme ; schimpfende Stimmen hinüber und herüber ; endlich ein Gewirr , in welchem selbst der Wirth der » Grünen Mütze « , der , die kurze Pfeife im Munde , in der Küchenthür lehnte , nichts Einzelnes mehr zu unterscheiden vermochte . Fünftes Capitel Oswald hatte , nachdem er mit Franz in dem eleganten » Curhause « von Fichtenau gastliche Aufnahme gefunden , dem Verlangen , die kleine Czika noch heute Abend aufzusuchen , nicht widerstehen können . Er hoffte von der braunen Gräfin zu erfahren , wie sie in diese wunderliche Gesellschaft gerathen sei , und zugleich sie zu bereden , entweder zu Oldenburg zurückzukehren , oder ihm doch wenigstens das Kind zu überlassen . Er glaubte durch odysseische Klugheit bewirken zu können , was der achilleischen Heftigkeit des Barons unmöglich gewesen war , um so mehr , als die braune Gräfin ihm wohlzuwollen schien und die kleine Czika offenbar zu ihm größeres Vertrauen hatte , als zu dem » Andern « , der ihr Vater war . Ueberdies fühlte er eine persönliche Zuneigung zu dem schönen Kinde und der Zigeunerin , die ihm an jenem verhängnißvollen Nachmittage , als er sich auf dem Wege zu Melitta im Walde verirrte , zuerst begegnet waren und so gleichsam sein Verhältniß zu Melitta vermittelt hatten . Hernach waren sie wieder auf so seltsame Weise in seine Bekanntschaft mit Oldenburg verflochten worden . Und dann war es noch ein anderes Gefühl , das Oswald zu raschem Handeln trieb . Die Dankbarkeit , zu welcher ihn Oldenburg ' s ritterliche Hülfe bei Bruno ' s Tod und in dem Duell mit Felix verpflichtet hatte , drückte ihn . Er mochte einem Manne nicht verpflichtet sein , gegen den er von vornherein eine fast instinctive Abneigung empfunden , den er hernach während seiner Liebe zu Melitta als seinen Nebenbuhler gefürchtet hatte ; einem Manne , dessen kühne Kraft seinem schwankenden Geiste , so sehr er sich dagegen sträubte , gewaltig imponirte , und den er dennoch - der Himmel weiß , mit welchem Recht ! - der Charakterlosigkeit und Zweideutigkeit des Betragens zieh ; ja , von dem er , wenn Oldenburg und Melitta ' s Verhältniß dem Bilde entsprach , welches die Barnewitz und andere Geberdenspäher und Geschichtenträger davon entwarfen - während der ganzen Zeit auf die demüthigendste Weise düpirt worden war . Gelang es ihm jetzt , diesem befreundeten Feinde einen großen Dienst zu leisten , ihm sein Kind , welches er schon verloren gegeben hatte , wieder zuzuführen - so war die drückende Schuld der Dankbarkeit abgetragen , so war die Rechnung quitt , und Oswald Stein brauchte vor dem Baron Oldenburg nicht die Augen beschämt niederzuschlagen ! Diese Gedanken und Empfindungen erfüllten Oswald ' s Seele , während er in Begleitung des Hausknechtes aus dem Curhause durch die stillen Straßen des Städtchens nach der Grünen Mütze schritt , die ihm von Franz als das Hauptquartier der Seiltänzer bezeichnet worden war . Franz selbst war im Curhause zurückgeblieben , da er zu discret war , sich in ein Geheimniß zu drängen , welches man vor ihm verbergen zu wollen schien . Oswald hatte nämlich , als er ihm lachend erzählte , wie er es angefangen habe , den Leuten die wunderliche Scene mit dem Seiltänzerkinde zu erklären , ein Schweigen beobachtet , das Franz kaum anders auslegen konnte , als : sein Gefährte wolle oder dürfe über diese Angelegenheit sich nicht weiter auslassen . Er hatte deshalb , als Oswald bemerkte , es sei heute Abend wohl schon zu spät geworden , um Berger noch aufzusuchen , blos : ich glaube auch ! geantwortet und Oswald seine Begleitung nicht angeboten , als dieser , nachdem er eine Viertelstunde lang schweigend in dem Zimmer auf- und abgegangen war , erklärte , noch eine Promenade in der Abendkühle machen zu wollen . Franz fügte sich in die Launen seines launenhaften Gefährten um so leichter , als er in diesem Augenblicke mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt war . Er hatte gehofft , in Fichtenau einen Brief seiner Braut vorzufinden , sich aber in seiner Erwartung getäuscht gesehen . Das Ausbleiben des Briefes erfüllte ihn mit einiger Sorge , um so mehr , als Sophie sonst sehr pünktlich zu schreiben pflegte und ihren Ankunft in Fichtenau sich überdies schon um einige Tage verspätet hatte . Er tröstete sich mit der Hoffnung , daß die letzte Post , welche , wie man ihm sagte , jeden Augenblick eintreffen müsse , den sehnlichst erwarteten Brief bringen würde . Unterdessen erreichte Oswald das gastliche Dach der Grünen Mütze gerade in dem Augenblicke , als es einen Theil des krausen Inhaltes , welchen es heute Abend beherbergte , durch die offene Hausthür auf die Straße entsandte , wo der Massenkampf , der bis dahin auf dem Flur gewüthet , sich in einzelne Gruppen aufzulösen begann , die , den Trümmern eines umhergestreuten Scheiterhaufens gleich , noch für einen Moment um so heller aufflackerten , um im nächsten aus Mangel an Nahrung zu verlöschen . Der Frieden wurde um so leichter hergestellt , als eigentlich Niemand so recht wußte , weshalb