nach Innen als nach Außen strahlte . Die Blässe ihrer Wangen war geisterhaft und stach um so mehr von der tiefen Röthe ihrer halbgeöffneten Lippen ab , die sich von Zeit zu Zeit bewegten . Waren es Gebete , die sie zum Himmel sandte , oder Seufzer einer ungestillten Liebessehnsucht ? - Die Orgel schwieg . Lydia fuhr aus ihrem traumartigen Zustande empor . Sogleich kehrte die Röthe auf ihre Wangen zurück ; es schien , als sei ihre fromme Sehnsucht gestellt . Sie blickte um sich und gewahrte Salvador , der sie unverrückt angeblickt hatte . Er hatte weder die Orgel gehört , noch die Litanei des Priesters nach dem Gesang des Chors , er hatte überhaupt nicht gehört , nur gesehen - Lydia . Er erschrak fast , als Lydia sich erhob . Taumelnd folgte er ihr hinaus auf die jetzt fast menschenleere , mondbeschienene Straße . Sie hatten nur wenige Schritte bis zu Lydias Wohnung . Als sie den Perron in die Höhe stiegen , öffnete sich die Thüre und eine tief im Mantel gehüllte Gestalt trat mit hastigen Schritten heraus . Es war Lichninsky , der von Alicen kam . Lydia hatte ihn zuweilen vom Fenster aus gesehen und kannte ihn durch Alice . Er erkannte sie sogleich wieder und erstaunt über die wunderbare Schönheit - sie hatte vergessen den Schleier herabzulassen - blieb der Fürst einige Sekunden auf der Schwelle stehen , in ihren Anblick versunken . Lydia war unwillig über diese Störung und sagte mit sanftem aber festem Tone : - Fürst Lichninsky , Sie stehen mir im Wege . Der Name Lichninsky brachte auf Salvador , der den Fürsten gar nicht beachtet hatte , eine elektrische Wirkung hervor . Seine erste Bewegung war ein Griff nach der Schärpe . Er vergaß , daß er sie abgelegt . Da ballten sich seine Fäuste in krampfhaften Zuckungen , seine Lippen bebten . So trat er neben Lydia , dem Fürsten gegenüber aber außer Stande , seine Gefühle in Worte zu fassen , wiederholte er nur die Worte Lydias , die in seinem Munde eine ganz andere Bedeutung erhielten : Fürst Lichninsky , Sie stehen mir im Wege . Lydia sah , erschreckt über diese Unart , den Knaben an , der bisher so folgsam und sanft sich gezeigt . Der Fürst maß ihn mit einem erstaunten , doch kalten Blick , und schlug darauf ein lautes Gelächter auf . - Jetzt war Salvadors Wuth bis zur äußersten Grenze gebracht . Er machte sich bereit , dem Fürsten einen Faustschlag ins Gesicht zu versetzen , da fühlte er eine feste Hand sich auf seine Schulter legen . Erzürnt blickte er sich um , als er jedoch in das ruhige , vorwurfsvolle Gesicht des Paters schauete , ließ er den Kopf sinken und Thränen glänzten in seinen Augen . Lydia hatte mit Neugierde diese Scene , welche fast nur den Zeitraum einer Sekunde umfaßte , zugeschaut . Jetzt wandte sie sich an Angelikus mit der Bitte um seinen Segen für die Zeit ihrer Trennung . - Ich segne Dich von Herzen , meine gute Tochter - sagte der Pater mit bewegter Stimme . - Mögst Du anderwärts die Ruhe finden , die Du bisher vergeblich gesucht . Ich habe dafür gesorgt , daß Dir auch in Deinem neuen Aufenthalt der geistliche Beistand nicht mangelt . Darauf drückte er einen väterlichen Kuß auf ihre Stirn und entließ sie . Als Lydia sich entfernt hatte , standen Lichninsky und der Pater einander gegenüber . - Armes Kind - sagte , wie zur Erklärung der Letztern - Sie hat die beiden Eltern in kurzer Zeit verloren und steht nun ganz verwaist in der Welt da , ohne Freunde und Verwandte . Auf meine Bitte hat unsere Freundin Alice sich erboten , sie mit sich nach Berlin zu nehmen , und dafür zu sorgen , daß sie dort eine passende Stellung findet . Eben war ich im Begriff , zu ihr zu gehen . Es scheint , als kommen Sie jetzt von einem Besuche bei ihr . Der Pater war , der Anweisung Alicens folgend , die Treppe hinabgestiegen und von dort durch das Hintergebäude in die Seitenstraße gelangt , so daß der Fürst , welcher jenen Ausweg nicht kannte , von der Grundlosigkeit seines Verdachts fast gänzlich zurück kam , als er sah , daß der Pater , eben von der Straße kommend , ihm auf der Schwelle begegnete . Dennoch wollte er noch eine letzte Probe machen . - Sie ist sehr angegriffen und bedarf der Ruhe , wie sie mir sagte - entgegnete er auf des Paters Aeußerung , daß er Alicen besuchen wolle . - Nun , es ist nichts Wichtiges , was wir zu verhandeln haben . So will ich sie denn nicht weiter stören . Gehen wir eine Straße miteinander , Fürst , wenn ' s Ihnen gefällig ist . - Von Herzen gern - erwiederte dieser , jetzt vollständig beruhigt , indem er dem Pater den Arm reichte . Sie schritten eine Zeit lang lautlos neben einander her . Beide waren unruhig : Lichninsky , weil er über den Sinn der geheimnißvollen Art , mit der Alice auf die Uhr gewiesen und den Schlüssel ihm in die Hand gedrückt , zwar klar , aber über die Gründe zu diesem Verfahren vollständig im Dunkeln war . War Jemand Zeuge ihres Gesprächs gewesen oder nicht ? Der Pater , - der einzige Mensch , welchem Alice , wie er glaubte , vielleicht eben so viel Vertrauen schenkte , wie ihm selber , und dem sie die Stunde des Rendez-vous auf dem heutigen Spaziergange mitgetheilt haben konnte - konnte es nicht sein , davon war er jetzt überzeugt . Wer also konnte es sein ? Ueber diese Frage grübelte er lange nach , ohne ihrer Lösung deshalb näher gerückt zu sein . - Der Pater seinerseits hatte aus den Lücken , welche das Gespräch zwischen Alicen und Lichninsky einige Mal erhielt und in Folge deren der Fürst