« Fürstinn Helene hatte sich , ihrer Kränklichkeit wegen , früh in ihre Privatzimmer zurückgezogen - Gräfinn Sidonie , geärgert und gelangweilt , war weniger liebenswürdig , als sie es sonst zu sein pflegte , und folgte bald dem Beispiel der Fürstinn . Dies war das Signal zum allgemeinen Aufbruch ; und zeitig trennte sich die Gesellschaft . Prinz C * * führte die Oburn zu ihrem Wagen , hob sie scheinbar vertraut hinein , wurde aber von zwei nervigen Armen unsanft zurückgeschoben , als er sich selbst ohne Umstände mit hinein setzen wollte . Er wandte sich um ; und ihm entgegen blitzten die zornigen Augen des Baron Stein , der ihm die Worte : » Du Schurke « verständig ins Ohr flüsterte . - Im Innersten aufgeregt und erschüttert , betrat die Oburn ihr trauliches Gemach . » O das war ein böser , böser Tag für mich , « sprach sie zu ihrer vertrauten Lisette , froh , ein Wesen zu finden , dem sie alles mittheilen konnte , was auf ihrem Herzen lastete ; » ach wäre ich doch fort , weit fort von hier , fort von allen diesen Erinnerungen ! Wie reizend dachte ich mir als Kind das Leben der Welt ; wie verwebten sich stets in alle meine Träume Bilder des Glanzes und Glücks - und nun ? Wie fade erscheint mir alles ; wie hat doch so Nichts von all ' dem Glück mich befriedigt ! Ich bin doch recht elend , « fuhr sie in einem Tone fort , der für die Wahrheit der Worte die beste Bürgschaft war ; » so jung und so freudlos hinsterben zu müssen ; mein Herz so heiß - und nirgends Erquickung ; die Eltern todt - und mein Mann - o mein Mann - das ist ja gerade mein Elend ! denn in meiner Ehe fühle ich mich am einsamsten , weil ich nie verstanden werde ; weil mein Herz , mit all ' seinem glühenden Ringen nach einem edeln Leben , hier an Gemeinheit und Bosheit scheitert - o das ist wohl ein tiefes Unglück ! « Einzelne Thränen entströmten den schönen Augen ; dann fuhr sie leise , doch leidenschaftlich fort : » Vergieb mir , Franz ! Nein , ich bin nicht elend ; ich habe Dich ja gefunden , und die Liebe zu Dir ist Erlösung von all ' der Noth , von all ' dem Schmerz des Lebens ! Welche Seligkeit liegt darin , den Mann , den man liebt , in jeder Beziehung edel und groß zu wissen ! Ob ich ihn wohl lieben könnte , « sprach sie träumerisch weiter , » wenn diese Größe eine erlogene wäre , zu der ihn die Sophistik eines vielgewandten Geistes emporgeschwindelt oder die trunkene Phantasie meiner Liebe ? Ob ich ihn lieben könnte , wenn ich ihn verachten müßte ? « Ahnungsvoll hielt sie hier inne , bedeckte die Augen mit der Hand , als wolle sie ein Bild verhüllen , das unheimliche Angst in ihr erwecke ! Bei dem Auskleiden übergab ihr Lisette einen Brief ihres Mannes . Er lautete : » Meine liebe Johanna ! Es freut mich herzlich , daß Dir das Leben in Carlsbad auch ohne mich gefällt . Wie ich höre , sollst Du und unsere schönen Pferde allgemeines Aufsehen bei den Männern machen . Mir ist das recht ! Sehen doch die Leute daraus , daß ich einen guten Geschmack habe . Meine Frau muß bemerkt werden ; das verlange ich - denn ich bin ein reicher Mann . Daß Du mein Vertrauen nicht täuschest , das ich , in Betreff Deines Umgangs mit den Männern in Dich setze , weiß ich sehr gut ; denn ich kenne ja Deine platonische Liebe , von der ich nichts verstehe und nichts verstehen will , weil sie dummes Zeug ist . Adieu , liebe Frau ! Morgen reise ich von hier ab , um Dich zurückzuholen , und hoffe , Dich recht blühend und kräftig anzutreffen . Dein Dich liebender Mann . David Oburn . « Seufzend legte die Frau das zarte Billet wieder zusammen ; und suchte auf ihrem einsamen Lager Schlaf - und Vergessenheit ! 6 Das Wiesenthal bei Karlsbad ist eine überaus nette , kleine Meierei , und zugleich ein sehr beliebter Vergnügungsort der Kurgäste . Es liegt ungefähr 1 / 8 Meile von der Stadt entfernt , dicht unter dem Kreuzberge , in einer entzückenden Umgebung . Ein sehr , schöner , großer Garten mit den reichsten Blumenpartieen und dichtverwachsenen Laubgängen , durch den sich die Eger gleich einem Silberbande schlängelt , umgiebt das freundliche Wohngebäude . Alles war hier so friedlich und still , und bildete einen schneidenden Contrast mit all ' den Leidenschaften der Menschen , die das bewegte Karlsbad umschloß . Madame Oburn mit ihrer Dienerschaft bewohnte in diesem Sommer die für Badegäste eingerichteten Zimmer der Meierei . Mit den Fremden , die Nachmittags dort herauskamen , um ihre Tasse Kaffee mit Schmellen und Hörnchen zu trinken , kam sie in keine weitere Berührung . Nur an Concerttagen öffnete sie wohl die Flügelthüren ihres Gartensaales oder setzte sich in die Geisblattlaube , die eigens zu ihrem Logis gehörte . Doch sah man sie gewöhnlich allein . Nur dann und wann ließ sie einen Musiker , bei dem sie ein bedeutendes Talent entdeckte , zu sich einladen . Weil sie Musik leidenschaftlich liebte , zeigte sie sich , solchen Künstlern gegenüber , stets artig und generös , und wurde in manchen Kreisen die Beschützerin der Kunst genannt . Auch kam sie in den Ruf eines beispiellosen Reichthums . Die Besitzerin der Meierei , eine gewisse Frau Meier , war ein originelles Weib , das eine nähere Charakteristik verdient . Von ihrem wahren Namen und ihrer Herkunft wußte man nichts . Der Sage nach war sie vor vielen Sommern mit einem polnischen Grafen , der sie seine Frau nannte , nach Carlsbad gekommen . Obgleich ziemlich roh , hatte sie doch