nie eine andere Landschaft als die holsteinische gesehen , war diese Reise eine Wonne - nämlich die Vorstellung : jezt wirst du die weite Welt , Ströme , Gebirge , Städte und Länder schauen , wirst erfahren was es Alles unter der Sonne giebt ! Anfangs entsprach das aber gar nicht meinen Erwartungen ! in Hamburg , in Braunschweig gab es kein Palais royal , der Thüringerwald schrumpfte neben dem gigantischen Maßstab meiner Phantasie zu einem Maulwurfshügel ein , die Ufer des Mains waren niedrig , der Fluß selbst schmal und gelb , die Rebgelände monoton , heiß und schattenlos . Ich vermißte die frischen Wiesen , die klaren Landseen , die Buchen und Eichen meiner Heimat , und allüberall fand ich meinen Horizont beschränkt weil ich das Meer nicht hatte , welches mehr noch für den Gedanken als für den Blick unermeßlich ist - aber nicht ermüdend wie die Ebene , von welcher die Vorstellung von Staub , Mühsal , Schmutz , Qualen , Erdigkeit untrennbar ist , sondern ausruhend weil es ein Spiegelbild des Himmels zu sein scheint . Aber Würzburg gefiel mir ungemein - die alte Stadt , die zahlreichen Kirchen , der bischöfliche Hof , mein Onkel der Bischof , der uns mit großer Herzlichkeit und süddeutscher Ungezwungenheit wie liebe Familienglieder und alte Bekannte empfing , obgleich er uns nie gesehen - Alles machte mir einen poetischen warmen Eindruck . » Das rührt vom katholischen und vom süddeutschen Wesen her , « sagte Sedlaczech , dem ich diesen Eindruck mittheilte und dem ich mich auf der Reise sehr angeschlossen hatte . Am Tage nach unsrer Ankunft fand ein großes Kirchenfest Mariä Heimsuchung statt , und mein Onkel celebrirte das Hochamt im Dom . Ich wünschte demselben beiwohnen zu dürfen . Miß Johnson erklärte es mit puritanischer Trockenheit für Götzendienst und war dagegen , meine Mutter , die keine andre Religion als die Liebe kannte und deren angebeteter Gemal Katholik gewesen war , gönnte jeder Kirche ihren Cultus und gewährte meine Bitte . Ich ging mit Sedlaczech in den Dom . Er war Katholik . Er erklärte mir das Symbol der Messe , und gab mir sein Gebetbuch damit ich ihrem Gange folgen könne . Sie machte einen überwältigenden Eindruck auf mich . Zum ersten Mal begriff ich mit zerknirschter Seele das Opfer Christi ! Musik , Weihrauch , Blumen , Prachtgewänder , Bilderschmuck , Goldglanz , Kerzenlicht , flammende Altäre , der majestätische Dom - welch ein großartiges Bild der Weltherrlichkeit , der irdischen Größe , die Christus verschmähte und gelassen in den Tod der Verbrecher ging um für seine Lehre der Barmherzigkeit : daß die opferwillige Liebe von Sünde und Furcht erlöse , zu sterben . Wie angedonnert stürzte ich auf meine Knie und fragte mich heimlich mit blassen bebenden Lippen ob ich wol eines solchen Opfers fähig sei , und gestand mir : Nein , o nein ! - und betete der Kelch möge vorüber gehen ! - In dem Tagebuch welches ich damals für Paul schrieb und welches jezt vor mir aufgeschlagen liegt , lese ich an jenem 2. Julius : » Paul ! Paul ! zum ersten Mal in meinem Leben habe ich in einer Kirche gebetet , aber so , als ob Engel meinem Herzen Flügel gegeben hätten und als ob es aus der engen Brust herauswolle . - Und zum ersten Mal hab ' ich einen Mann beten sehen ! Sedlaczech kniete neben mir und betete still , andächtig , gesammelt , ohne Gesangbuch und ohne Predigt , was er eben in seiner Seele fand . Ach Paul ! wie das schön ist wenn ein Mann so betet und sich nicht schämt vor Gott auf den Knien zu liegen ! .... und auf den kahlen Quadersteinen knieten wir , und alles Volk um uns herum , ohne Absperrung und Gitterstühle , und es fiel Keinem auf . Ach das ist auch schön , denn es ist so demüthig ! - Können wir nicht den Gottesdienst in Engelau so einrichten ? - Ich sag Dir , Paul : wie Sedlaczech betete kann ich gar nicht vergessen . « - - - - Das Hochamt im Würzburger Dom war der Glanzpunkt meiner Reise . Zwar besuchte ich noch häufig die Messe mit Sedlaczech , aber immer aufpassend ob er wieder so andächtig beten würde , zerstreuten mich diese Gedanken . Ich kam nicht recht zu innerer Sammlung , und die seine schien mir auch nicht mehr so extatisch wie das erste Mal , eben weil ich ihn mit gespannter Erwartung beobachtete . Es kamen auch neue Eindrücke ! die Welt des Hochgebirges that sich mir auf mit ihren Wasserfällen , ihrem ewigen Schnee , ihren starren Felswänden an die sich grüne Matten schmiegten . Diese unerhörte Majestät zerschmetterte mein kleines Herz . Es war nichts in mir das mit diesem erhabenen Ernst sympathisirte . Er machte mich melancholisch . Ich schrieb an Paul . » Was wollen die Leute mit ihrer Bewunderung des Hochgebirges - ich versteh ' es nicht ! mich machen diese starren gigantischen Massen frieren , denn sie leben ja nicht . Das Meer lob ' ich mir , nicht wahr , Paul ? was da für Leben drin ist ! das athmet wie ein Mensch ; das lächelt , trauert , klagt , wüthet , grollt , scherzt wie ein Mensch . Ich meine immer dem Meer mögte ich mich ans Herz werfen - da würde mir wol sein . Aber den Felsen gegenüber fällt mir das nicht ein ! sie locken mich nicht , sie wälzen sich mir drückend entgegen ; ich mögte mich gegen sie vertheidigen und fühle da so recht meine Unmacht .... schwaches Erdenwürmchen das ich bin . Neben Dir , Paul , würde ich auch den Felsen gegenüber ein Gefühl von Sicherheit haben , das mir jezt fehlt und das mich zittern macht . « - - - - Meiner armen Mutter that der Gebrauch von Gastein nicht gut . Nach sechswöchentlichem Aufenthalt