fast alle Männer im wirklichen Leben , und Auguste hatte absichtlich diese Meinung unangefochten gelassen . Kein Wunder war es demnach , daß der Unbekannte Gabrielen wie eine seltene Erscheinung aus einer andern Welt vorschwebte . Gern hätte sie wenigstens die Züge seines Gesichts deutlich gesehen ; obgleich sie aber am andern Morgen weit früher als Frau Dalling erwachte und vom Geräusch Abreisender sich an das Fenster locken ließ , so sah sie doch nur seine Gestalt , als er in den Wagen stieg , und hörte seine Stimme , indem er der alten Frau noch einige freundliche Abschiedsworte zurief . Etwas ungeduldiger als gewöhnlich fing Gabriele nun an , ihre eigene Abreise zu betreiben , im Wagen beschäftigte sie nur der Unbekannte , sie bildete sich tausend Möglichkeiten , ihn im Hause der Tante anzutreffen , sie dachte sich allerlei Verhältnisse , in welche sie mit ihm gerathen könnte , und sprach so lange mit ihrer Reisegefährtin von nichts Anderem , bis sie selbst über ihre kindische Einbildung lächelnd ausrief : Was denke ich weiter an ihn , er ist jetzt fern von hier und ich sehe ihn in meinem Leben nicht wieder . Aber in ihrem Herzen behauptete eine dem Wunsch sehr gleichende Ahnung das Gegentheil , und diese traf früher ein , als sie hoffen konnte , denn der Fremde war Ottokar . Ein ungeheures Lärmen im Hause erweckte Gabrielen am ersten Morgen in ihrem neuen Aufenthalt . Thüren wurden auf- und zugeschlagen , Treppen und Vorsäle dröhnten von den Tritten der hin und her laufenden Bedienten und Handwerker , es war ein Hämmern , ein Fluchen , ein Rufen und Schelten , als sey eine feindliche Armee eingerückt und das Haus dem Abendfeste zu Ehren in völligem Aufruhr . Gabriele schmiegte sich vor dem ungewohnten Getöse wie ein schüchternes Vögelchen in eine Ecke , bis die Stunde schlug , in der sie der Tante ihren Morgenbesuch abstatten mußte . Mit Erstaunen begegnete sie auf der Treppe dem wohlbekannten Herrn Lorenz , schwer belastet mit einem Korbe voll der auserlesensten Blumen . Seine Erscheinung freute sie , als ein Beweis , daß sie nicht irrte , indem sie in Ottokarn den Unbekannten aus dem Gasthofe wieder zu finden glaubte . Aber als sie weiterhin ihn selbst durch die halb geöffnete Thüre eines Zimmers erblickte , und dadurch die Gewißheit erhielt , mit ihm in Einem Hause zu leben , ihn alle Tage zu sehen und zu hören , da bemächtigte sich ihrer ein freudig-ängstliches Gefühl . Es war ein Glück für sie , daß die Gräfin , zu beschäftigt mit Anordnungen für den Abend , Gabrielens Eintritt kaum bemerkte und noch weniger ihr höchst befangnes Wesen . Kurz , aber freundlich entließ die Tante sie gleich in der ersten Minute , und gab ihr nur noch die Weisung mit auf den Weg , sich zu Aurelien zu begeben , die sie in ihrem Zimmer finden würde , umringt von Freundinnen , welche heut mit einander in Geschenken zu ihrem zwanzigsten Geburtstage wetteiferten . Den Geburtstag hatte die arme Gabriele ganz vergessen , und ein Geschenk für die gefürchtete Kusine setzte sie in die höchste Verlegenheit . Sie eilte zurück in ihr Zimmer , ergriff ohne große Wahl eine ihrer besten Zeichnungen und betrat damit athemlos die Schwelle des zierlichen Zimmers , in welchem Aurelia in frischer , einfacher Morgentracht , schön wie der junge Tag , vor einem großen Tische stand , auf dem alles ausgebreitet lag was die Mode in unsern Tagen köstliches und elegantes zum Schmuck der Jugend erfand . Eine Schaar junger Mädchen half ihr alle die Geschenke bewundern , mustern und ordnen , mitten unter ihnen stand Ottokar mit sichtbarer Freude an dem jugendlichen Wesen und Treiben . Die seltensten , schönsten Blumen aller Jahreszeiten und Zonen blüheten und dufteten an Wänden und Fenstern . Gabriele erkannte die Blüthen auf den ersten Blick für die nehmlichen , welche Lorenz vorhin an ihr vorüber trug . Da kommt unser kleiner Eigensinn von gestern Abend , rief Aurelie , als sie Gabrielen erblickte , und trat freundlich der Verlegnen entgegen , die es kaum wagen mochte , ihr bescheidnes Geschenk neben allen jenen Herrlichkeiten zu zeigen . Das ist ja leibhaftig die Gespensterburg deines Vaters , fuhr Aurelia fort , indem sie die Zeichnung besah ; so nimmt sie sich vortrefflich aus , aber behüte mich der Himmel davor , sie in der Wirklichkeit wieder zu sehen ! Gemalt sind die alten Schlösser ganz allerliebst ; auch auf dem Theater oder in Romanen mag ich sie wohl leiden , besonders wenn ganz erschrecklich wundersame Begebenheiten sich darin zutragen , aber sitzt man selbst in solch einem alten Neste und lebt so allein fort , ohne etwas zu erleben , dann thäte man besser , vor Graun und Langeweile zu sterben . Ich wundre mich wirklich , daß ich während der zwei Tage im Schloß Aarheim noch mit dem Leben davon kam . Es ist eine betrübte Existenz ; danke Gott , liebes Kind , daß du ihr entronnen und bei uns bist , du wärst dort auch so eine Art von Käuzlein in den krausen alten Thürmen geworden ; Anlagen hast du dazu , sprach sie lächelnd , indem sie Gabrielen umarmte und sie dann allen ihren gegenwärtigen Freundinnen der Reihe nach vorstellte . Die Menge der Namen rauschte an Gabrielens Ohr vorüber , ohne daß sie einen zu fassen vermochte , nur fiel es ihr auf , daß auch die Gräfin Eugenia sich unter den Glück wünschenden Freundinnen befand . Diese hier zu sehen , hätte sie nach der Scene des gestrigen Abends nicht erwartet , noch weniger in so anscheinend vertrautem Verhältniß mit Aurelien . Alle die jungen Damen waren gegen Gabrielen sehr zuvorkommend freundlich ; aber diese blieb verlegen , sie haßte sich selbst in diesem Moment wegen ihrer Unbehülflichkeit , die sie doch nicht abzuwerfen vermochte . Ihre Bänglichkeit stieg mit jeder Minute , denn sie sah , daß Ottokar ihre